Professorin Susanne Kord Für Germanistik besser in die USA

Jährlich kehren 5000 Akademiker Deutschland den Rücken und gehen in die USA, weil sie an den Hochschulen dort bessere Chancen sehen. Viele kehren nicht zurück. Auch die Literaturwissenschaftlerin Susanne Kord, 42, fühlt sich in Georgetown wohler als an einer deutschen Uni.

Von Andrea Leiber


Der Himmel über Washington leuchtet blau, in der Constitution Hall versammeln sich festlich gekleidete Repräsentanten der Stadt und der Wissenschaften. Die Amtseinführung des neuen Präsidenten der Georgetown-University ist ein gesellschaftliches Ereignis - und Susanne Kord wohl die einzige, die beim Festakt Turnschuhe unter dem Talar trägt.

Susanne Kord ist 42 Jahre alt, etwa das Durchschnittsalter deutscher Professoren bei der Erstberufung. Aber sie ist bereits seit elf Jahren ordentliche Professorin für Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaften. Und hat mittlerweile einen Top-Lehrstuhl, als Auszeichnung für besondere wissenschaftliche Leistungen. Damit hat sie den Gipfel akademischer Würden in den USA erreicht. "Wäre ich in Deutschland geblieben, würde ich heute vermutlich Taxi fahren", meint Kord.

Sie verließ Marburg nach dem Magister und promovierte in den USA. Mit einer langen Reihe von Veröffentlichungen, meist zum Thema weiblicher Autorschaft, schrieb sie sich schnell in den vordersten Rang aktueller Gender Studies und Literaturforschung. Für ihre Arbeiten erhielt sie mehrere internationale Preise - in einem Alter, in dem angehende deutsche Professoren jahrelang ausschließlich an ihrer Habilitation feilen.

Desolate Studienbedingungen in Deutschland

"Mein Germanistikstudium in Deutschland verlief desolat: überfüllte Hörsäle, überlaufene Seminare, die kaum auf ein Curriculum hin konzipiert waren, keine Beziehung zum Lehrpersonal", erklärt Kord die Gründe für ihren Wechsel nach Amerika. "Die Berufsaussichten für meinen Jahrgang waren gleich Null. Während eines Austauschstudiums in den USA erlebte ich das Gegenteil. Also beschloss ich auszuwandern."

Mittlerweile hat sie viel Erfahrung damit, ihre Studenten für ein Auslandsjahr nach Deutschland zu vermitteln, hört aber von ihnen wenig Gutes. Manche wollen lieber nach Mexiko oder in die Türkei, um die Anonymität und Massenabfertigung an deutschen Fakultäten zu umgehen. "Unsere Studierenden profitieren von ihrem Deutschlandjahr linguistisch, kulturell und persönlich, aber in der Regel eben nicht akademisch", sagt Susanne Kord. Der Hauptgrund: "In einem Seminar mit 12 Studenten lernt man einfach mehr als mit 120 Studenten."

Susanne Kords Büro liegt am Ende eines Ganges, gefüllt mit Bücherstapeln, antiken und neuen Requisiten. Teile ihres Unterrichts hält sie in Form von Sprachkursen und Theateraufführungen, in denen es gern auch mal dramatisch zugehen darf. Die Tür zum Büro steht offen. Neben den Studenten mit einem Termin kommen viele einfach spontan vorbei und setzen sich zum Gespräch in einen der gemütlichen alten Polstersessel.

Der Kontakt ist selbstverständlicher Teil der Leistung, die US-Unis ihren Studenten anbieten. Susanne Kord sieht jedes abgebrochene Studium, jedes nicht bestandene Examen als persönlichen Fehlschlag. Und so investiert sie viel Zeit in den Erfolg ihrer Studenten: im Semester 50 bis 60 Wochenstunden für Lehre, persönliche Beratung und Gremien.

Jedes Semester von den Studenten bewertet

An Forschung ist nur nachts und an Wochenenden oder in den Semesterferien zu denken. "Als Professorin werde ich in jedem Semester schriftlich von meinen Studenten bewertet, vom Ergebnis hängt mein Status ab", erzählt die Germanistin. "Dass man, wie Professoren in Deutschland, ein Leben lang unhinterfragt auf dem Lehrstuhl sitzen könnte, ist an einer amerikanischen Uni undenkbar."

In Deutschland soll die Habilitation abgeschafft werden - völlig zu Recht, meint Kord: "Wozu braucht man das? Hier in den USA, wo die Promotion die alleinige formale Voraussetzung für eine Lehrtätigkeit ist, muss man sofort nach der Berufung durch permanente Veröffentlichungen seinen Standard halten und steht dabei im Dialog mit Studenten und Professoren anderer Fakultäten, auch Wissenschaftlern anderer Universitäten." Das sei viel fruchtbarer.

37.000 Dollar Gebühren pro Jahr

Frauen gelingt der Habilitations-Marathon in Deutschland zu selten - wegen ihrer Lebensplanung und der Abhängigkeit von meist männlichen Professoren. Folge: In der Bundesrepublik liegt der Professorinnen-Anteil bei 10 Prozent, in den USA dagegen sind es 30 Prozent.

Georgetown zählt zu den amerikanischen Prestige-Universitäten und wählt, wie jede US-Hochschule, die Studenten selbst aus. Pro Jahr werden rund 5000 Erstsemester aufgenommen, einer von vier Bewerbern. Beim aufwendigen Zulassungsverfahren lesen und bewerten die Dozenten jede Bewerbung.

Damit angesichts der hohen Studiengebühren von 37.000 Dollar jährlich nicht nur die Kinder wohlhabender Eltern studieren können, gibt es das System der "need-blind-admission": Die Hochschule verpflichtet sich, talentierten Bewerbern das Studium auch dann zu ermöglichen, wenn sie die Gebühr nicht selbst zahlen können.

Doch nicht jede US-Uni setzt auf dieses Verfahren.: "Einerseits finde ich es richtig und gut, dass in Deutschland jeder, der will, studieren kann", sagt Susanne Kord. "Man muss dann jedoch wissen, ob man die Studentenmassen auch vernünftig ausbilden kann." Die Wissenschaftlerin findet es "absolut zentral, dass die Verantwortung für ein gelungenes Studium nicht auf die Studenten abgeschoben, sondern von der Uni und den Lehrenden mit übernommen wird".



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