Bulgarische Zwangsprostituierte in Deutschland "Mindestens 30 Freier pro Tag"

In Bulgarien sollte Zana zur Uni gehen, doch dann wird die junge Frau als Zwangsprostituierte nach Deutschland verschleppt. Zehn Jahre später gelingt ihr der Ausstieg. Jetzt hat die 30-Jährige wieder Pläne.

Zanas Hände
Rebecca Erken

Zanas Hände

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Zana schreibt Gedichte in der Schule. Als sie 13 Jahre alt ist, wird eines in einer Zeitung der bulgarischen Hauptstadt Sofia gedruckt. Ihre Lehrerin will sie fördern, möchte, dass sie weiter zur Schule geht und studiert. "Aber das ging nicht. Wir haben im Dreck gelebt. Meine Familie war so arm - ich musste arbeiten", sagt Zana.

Bulgarien gilt als das ärmste Land Europas. Nirgendwo sonst sind 2015 so viele Menschen - laut Eurostat mehr als 41 Prozent - von Armut bedroht gewesen.

Zana neigt nicht zum Dramatisieren, wenn man jemanden optimistisch nennen kann, dann sie. Die 30-Jährige lächelt meistens, oft lacht sie. Zana ist gleichzeitig zierlich und stark. Heute trägt sie ein buntes Top, das ihre definierten Oberarme betont, das lange dunkelblonde Haar hat sie zum Pferdeschwanz hochgebunden, ihre Augen sind wach. Sie kommt gerade von ihrer Arbeit in einer Fabrik, die Maschinenteile herstellt.

Zana stammt aus einem kleinen Ort mitten in Bulgarien. Wie er heißt, möchte sie nicht verraten. Auch ihren richtigen Namen nennen wir hier nicht oder sagen, wo in Deutschland sie heute lebt. Es gibt nämlich Menschen, vor denen Zana noch immer große Angst hat. Vor einem fürchtet sie sich besonders. Auch heute noch.

Aber in der deutschen Bar soll sie nicht kellnern

Als Teenager arbeitet Zana täglich mehrere Stunden als Näherin, um ihrer Familie zu helfen. Dann eröffnet sich ein Ausweg. Zwei Frauen sprechen sie an, sie sei doch noch jung, sie könne in Deutschland als Kellnerin arbeiten und - für bulgarische Verhältnisse - gutes Geld verdienen und so ihrer Familie helfen. "Von nichts kommt nichts", sagt sich Zana. "Einer muss etwas machen." Die damals 18-Jährige glaubt, was die Frauen ihr erzählen. Vielleicht will sie es auch glauben. Zusammen mit anderen Frauen wird sie in einem Transporter mit falschen Papieren über die Grenze geschmuggelt.

Aber in der Bar in der deutschen Großstadt, in die sie von Menschenhändlern gelockt wird, soll sie nicht kellnern. Sie wird von zwei Männern eingeschlossen. Denen schuldet sie angeblich Geld für die Vermittlung, das sie nicht hat. Zana hat schließlich "30 Freier pro Tag, mindestens". Oft sind es auch 40. Sie betäubt sich mit Drogen, damit sie durchhält. Durchhalten für die Familie. So könnte man Zanas Leben beschreiben. Immerhin kann sie Geld nach Hause schicken - das ist das Wichtigste für sie.

Zanas Schicksal ähnelt dem vieler Frauen auf dem Strich, sagt Roshan H., Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Solwodi (Solidarity with women in distress). Die meisten wollten anderen helfen, die Medikamente für den kranken Vater finanzieren, zum Beispiel, oder die Schulausbildung für die Kinder. Auch Zanas Zwangsprostitution ist eine Geschichte, die sich ständig wiederholt. "Menschenhandel geschieht hier, vor unserer Haustür", sagt Roshan H., die Zana kennt und Zwangsprostituierten beim Ausstieg hilft.

"Wenn ich dich das nächste Mal sehe, bist du tot"

Laut Bundeskriminalamt gab es im Jahr 2015 offiziell 416 Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, darunter vorrangig rumänische, bulgarische und deutsche Frauen. Gezählt werden dort jedoch nur die abgeschlossenen Verfahren, und zudem sei die Dunkelziffer sehr hoch, sagt Roshan H., denn: "Die meisten Frauen machen nie eine Aussage, aus Angst vor den Tätern." Generell sei ein Ausstieg für Zwangsprostituierte mit sehr hohen Risiken verbunden. "Denn sie wissen, dass sie durch die Flucht nicht nur sich selbst gefährden, sondern auch ihre Familie, ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Geschwister."

Auch Zana hat oft große Angst. Vor allem vor einem. Es gibt einen Namen aus dieser Zeit, den sie heute noch nicht hören kann. Ihr Körper fängt dann sofort an zu zittern. "Wenn ich dich das nächste Mal sehe, bist du tot", hat dieser Mann zu Zana gesagt. "Er war der schlimmste Zuhälter, den ich je hatte. Er hat uns geschlagen, vergewaltigt, die Hände und Füße gebrochen."

Einmal verdrischt dieser Zuhälter Zanas Freundin mit einem Hocker, weil sie zu wenig Geld eingenommen hat. Von da an steckt Zana ihr immer etwas zu. Dann muss der Zuhälter untertauchen - für Zana eine Chance zu fliehen. Aber sie bleibt auf dem Strich, arbeitet für sich selbst weiter, mietet das Zimmer, das zuvor der Zuhälter für sie gemietet hatte. Denn: Wie eine "richtige" Arbeit finden ohne eine Wohnung? Und wie eine Wohnung finden ohne einen "richtigen" Job? "Ich wollte so lange weitermachen, bis ich beides habe, damit ich meine Familie nachholen kann." Und Zana hält durch.

Solwodi-Mitarbeiterin Roshan H.
Rebecca Erken

Solwodi-Mitarbeiterin Roshan H.

Eines Tages bekommt sie eine Karte zugesteckt, von Solwodi, der Hilfsorganisation, für die auch Roshan H. arbeitet. Dort bekommt Zana Hilfe bei der Wohnungssuche und Sprachunterricht. Weil sie im Milieu sozialisiert wurde, spricht sie nicht Deutsch, sondern "straßig", wie sie es nennt. Bei einem Wohnungsbesichtigungstermin hat sie endlich Glück. Der Mann fragt nur, ob sie zahlen kann. Kurz darauf findet sie in einer Fabrik eine Stelle am Fließband.

An ihrem 27. Geburtstag verlässt Zana den Strich. Sie war fast zehn Jahre Prostituierte. Das alte Leben hinter sich zu lassen ist aber nicht einfach. Die Vergangenheit ist immer da. Manchmal trifft Zana sie auf der Straße, im Supermarkt, beim Einkaufen. Ehemalige Freier zwinkern ihr zu. "Das ist ein Scheißgefühl", sagt Zana und glaubt, sich rechtfertigen zu müssen. "Was ich getan habe, ist nicht so schlimm wie das, was die tun. Die, die vorgeben, ein normales Leben zu führen, die ihre Frauen und ihre Kinder belügen und dann zu Prostituierten gehen."

Diese vermeintlich normale Welt versteht Zana häufig nicht. Als sie eine Freundin wiedertrifft, die etwas früher ausgestiegen ist, und ihr erzählt, wie irritiert sie sei von den Lügen und Scheinheiligkeiten, sagt die Freundin nur: "Willkommen in der wirklichen Welt."

Auch Arbeitskollegen aus der Fabrik rufen ihr manchmal noch den Namen hinterher, den sie als Prostituierte hatte. Wäre es nicht besser, für einen Neuanfang wegzuziehen? "Man kann vor seinen Problemen nicht immer davonlaufen", findet Zana. Sie hat hier Freunde und eine Arbeit gefunden - und sie hat inzwischen ihre Familie nachgeholt. Ihre vier Geschwister und die Mutter sind jetzt in Deutschland, weil Zana 40 Freier pro Tag hatte. Sie wissen nicht, dass Zana Prostituierte war. Vielleicht ahnen sie es.

Zwangsprostituierte, die ein Studium beginnen, sind eine Seltenheit

Jetzt, da ihre Familie versorgt ist, jetzt, da sie sehr gut Deutsch spricht, will Zana ihr Fachabitur nachmachen. Aber ist das realistisch? Solwodi-Mitarbeiterin Roshan H. kennt Zana schon lange. "Die meisten Frauen arbeiten nach dem Ausstieg aus der Prostitution als ungelernte Arbeiterinnen, als Küchen- oder Putzhilfen", sagt sie. Zwangsprostituierte, die ein Studium beginnen? Eine Seltenheit. Trotzdem ist sie zuversichtlich, dass Zana es schafft. "Sie ist eine Kämpferin, die trotz der vielen Hürden, die ein Ausstieg mit sich bringt, ihr Ziel nicht aus den Augen verliert."

Zana glaubt fest an sich. "Abends und am Wochenende werde ich lernen und dann zu den Prüfungen in die Stadt fahren. Das habe ich beim Führerschein schon so gemacht." Dann will sie auf einer Fachhochschule studieren, um Sozialarbeiterin zu werden und anderen Frauen zu helfen.

Helfen, ohne sich selbst aufzugeben - damit wäre Zanas Kampf gewonnen.



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