Rechen-Professor "Mathe und Kunst liegen nah beieinander"

Mathematik bedeutet dicke Bretter bohren, hat aber ihre ganz eigene Schönheit, sagt Günter M. Ziegler, 44. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview beschreibt der Berliner Professor, warum er sein Fach als riesigen Abenteuerspielplatz sieht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Ziegler, sie sind Professor für Mathematik an der TU Berlin. Was erwartet einen im Mathe-Studium?

Ziegler: Mathematik an der Universität fühlt sich vom ersten Tag an anders an als in der Schule. Es wird nicht nur ein großes, faszinierendes Gebäude von den Fundamenten her neu aufgebaut. Man muss eben auch eine Sprache lernen, die formal ist und mit der sich präzise argumentieren lässt. Nur mit der Präzision der Sprache der Mathematik kann man sich sicher sein, dass die Fundamente felsenfest stehen. Die Mathematik verzeiht wenig Ungenauigkeiten. Das ist für viele Studenten eine große Herausforderung - deren Bewältigung aber auch viel Freude macht.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen Mathe richtig spannend zu finden.

Ziegler: Ja, durchaus. Mathematik ist sogar auf vielfältige Art und Weise spannend. Mich haben die knallharten Probleme gereizt, mit denen man im Studium konfrontiert wird. Die Mathematik stellt wohl die schwierigsten Aufgaben, die es gibt. Aber deren Kriterien für die Lösung sind eindeutig klar. Da gibt es kein Wenn und Aber. Mathematik bedeutet dicke Bretter bohren. Mathematik ist aber auch die Wissenschaft der Zahlen und Muster. Ich beschäftige mich mit der Geometrie. In dieser Disziplin gibt es faszinierende Strukturen. Für mich liegen Mathematik und Kunst oft sehr nahe beieinander. Die Mathematik ist ein riesiger, spannender Abenteuerspielplatz.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet den erfolgreichen vom glücklosen Teilnehmer an diesem Spiel?

Ziegler: Phantasie, Gefühl für Strukturen. Und all das mit Präzision, Konzentration und Ausdauer.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Berufsaussichten der Absolventen ein?

Ziegler: Die Berufschancen von Mathematikern sind exzellent, weil sie eben nicht nur als Lehrer an Schulen gehen, sondern in Banken und Versicherungen, in der Software-Industrie oder in der Unternehmensberatung gefragt sind. All diese Arbeitgeber schätzen gerade das analytische Denkvermögen. Schon heute sind Mathematiker Mangelware, und ich gehe davon aus, dass der Bedarf in der Wirtschaft weiter steigen wird.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Grund dafür, dass 2008 zum Wissenschaftsjahr der Mathematik ausgerufen wurde?

Ziegler: Ja. Wir wollen erreichen, dass sehr viele Leute Mathematik entdecken: als ein vielfältiges Wissensgebiet, als etwas sehr Praktisches und Anwendungsnahes, als Kunst und Teil unserer Kultur. Lehrer, Schüler und Eltern sollen mit bundesweiten und lokalen Aktivitäten erreicht werden, den Teilnehmern wollen wir mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit der Mathematik geben – und daher auch die Mathematik sichtbar machen, die wir andauernd betreiben, nutzen und auf die wir uns verlassen.

Das Interview führte Peter Ilg



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