Rechtsstreit über Professoren-Gehälter "Das ist einfach zu wenig"

Wie viel Geld muss ein Hochschullehrer verdienen? Sind 4000 Euro zu wenig? Darüber entscheidet heute das Verfassungsgericht, ein Chemiker hat gegen die Besoldungsordnung geklagt. Im Interview erklärt der Geschäftsführer des Hochschulverbands, wie viel Professoren wirklich bekommen.

Geld, Amt, Würde: Was akademische Beamte verdienen, regelt auch das Grundgesetz
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Geld, Amt, Würde: Was akademische Beamte verdienen, regelt auch das Grundgesetz


SPIEGEL ONLINE: Herr Hartmer, als Interessenvertretung der Professoren finanziert Ihr Verband einem Chemieprofessor aus Marburg seine Klage gegen die Besoldung vor dem Bundesverfassungsgericht. Warum?

Hartmer: Die aktuelle Besoldungsordnung ist nicht amtsangemessen, gerade im Vergleich zu anderen Beamtengruppen. Wir helfen dem Professor, denn es geht um eine Grundsatzfrage.

SPIEGEL ONLINE: Der klagende Chemiker bekam 2005 knapp 3890 Euro Grundgehalt im Monat. Was halten Sie denn für angemessen?

Hartmer: Der Kläger sollte eigentlich 4600 bis 4800 Euro brutto bekommen. Professor wird man nach einem sehr selektiven Prozess und im Schnitt mit knapp 42 Jahren. Erst nach langer Zeit in befristeten Arbeitsverhältnissen kommt ein Wissenschaftler also vielleicht an eine Professur und geht dann mit einem Gehalt nach Hause, dass noch unter dem eines altgedienten Gymnasiallehrers liegt. Und der verdient, seit er Mitte Zwanzig ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Grundgehalt ist bei Professoren lange nicht alles. Es gibt eine Reihe von Gehaltszuschlägen für Professoren, von satten Nebeneinkünften ganz zu schweigen.

Hartmer: Schon, aber Bundesgerichte haben mehrfach entschieden, dass allein das Grundgehalt bewertet werden muss und keine ungesicherten Beträge mit dazugezählt werden dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Um wie viel mehr im Monat geht es da?

Hartmer: Ein Dekan etwa bekommt 250 bis 500 Euro zusätzlich, hauptamtliche Dekane mehr. Zu Berufungen und Bleibeverhandlungen gibt es Zulagen, und die sind nach oben praktisch offen. Das 2006 eingeführte System der sogenannten W-Besoldung erlaubt es also, einen Top-Mann aus Harvard anzuwerben. Dann ist aber die Kasse leer, und alle anderen bekämen nur noch ihr Grundgehalt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn gegen eine Leistungskomponente einzuwenden? Ein verhandelbarer Einkommensanteil könnte faulen Professoren auf die Sprünge helfen.

Hartmer: Wir haben überhaupt nichts gegen Leistungsbesoldung. Außerdem hat die W-Besoldung insgesamt die Preise nach oben getrieben. Es wird deutlich mehr Besoldungsgeld ausgegeben als vor der Reform, und der Konkurrenzkampf um gute Leute ist deutlich schärfer worden.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als sei die Reform, gegen die Sie jetzt ankämpfen, für Ihre Klientel eine richtig gute Idee gewesen.

Hartmer: Nein. Wer mehr bekommt, entscheidet der Markt. Der hilft aber nur Professoren, die auch in die freie Wirtschaft wechseln könnten. Die W-Besoldung ist ein herber Schlag ins Kontor der Professoren an philosophischen Fakultäten.

SPIEGEL ONLINE: Neben dem soliden Grundgehalt kommen jährlich oft Tausende Euro Nebeneinkünfte dazu, als Experte, als Autor, als Vortragsreisender. Kein anderer Beamter, kein Polizist oder Lehrer darf und kann so viel nebenher verdienen.

Hartmer: Ja, Nebeneinkünfte gibt es in erheblichem Maß und dann hat die Höhe der W-Besoldung tatsächlich keine Bedeutung. Solche Professoren strecken sich nicht nach 250 Euro mehr im Monat. Die innere Berechtigung für Nebeneinnahmen ist, Top-Leute mit ihrem vergleichsweise bescheidenen Grundgehalt an die Uni binden zu können - solange dienstliche Belange nicht beeinflusst werden. Aber diejenigen, für die wir die Klage unterstützen, haben diese Möglichkeiten nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber das anfängliche Grundgehalt ist nicht in Stein gemeißelt. Wie überall gilt: Nur wer nachfragt und gute Argumente hat, kriegt auch mehr.

Hartmer: Professoren sind privilegiert, weil sie als Beamte ihr Gehalt verhandeln dürfen - aber es bleibt dabei, dass sie Beamte sind. Darum muss genauer kodifiziert werden, welche Kriterien für Zulagen gelten. Die Hochschulen haben Leistungskataloge mit einer Stufenleiter, aber da ist die Frage: Wie messe ich gute wissenschaftliche Leistung? Ein Professor, der als Indologe oder Keltologe nicht mit Weggang drohen kann, bleibt sein Lebtag auf dem Grundgehalt sitzen, und das ist einfach zu wenig.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sich eine neue Ordnung schreiben könnten, soll es also Extrageld fürs Altern geben?

Hartmer: Nein, die Dienstaltersstufen sind abgeschafft, und das kann so bleiben. Aber Leute sollen nach Maßgabe ihres Werdegangs und der vielen selektiven Hürden, die sie übersprungen haben, bezahlt werden und nicht auf 4000 Euro sitzen bleiben bis zur Pensionierung.

SPIEGEL ONLINE: Wir sprechen hier von Beamten mit mindestens 50.000 Euro brutto im Jahr - das macht bei den üblichen geringen Abzügen knapp 3000 Euro im Monat. Sie finden das wenig?

Hartmer: Mit Neid muss man in dieser Republik immer rechnen. Aber fragen Sie mal außerhalb der Wissenschaftswelt, was ein Professor verdient. Da bekommen Sie Zahlen genannt, die weit über dem hier Verhandelten liegen.

SPIEGEL ONLINE: Darf eine Fehlwahrnehmung in der Öffentlichkeit denn der Maßstab sein?

Hartmer: Es wird Zeit, dass die Leute zur Kenntnis nehmen, wie wenig in diesem Bereich trotz der wissenschaftlichen Leistung verdient wird. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen ja nicht einfach so auf ihre Lehrstühle.

SPIEGEL ONLINE: Noch einmal: 50.000 Euro Jahresverdienst, das ist nicht wenig.

Hartmer: Stimmt. Aber in anderen vergleichbaren Bereichen im öffentlichen Dienst wird besser verdient und die Verantwortung eines Professors ist groß.

SPIEGEL ONLINE: Professoren haben es ziemlich gut, mit eigenem Büro, Vorzimmer und Mitarbeitern. Sie sind fast niemandem Rechenschaft schuldig und leben als kleine Könige im Hochschulbetrieb.

Hartmer: Das ist sicher ein privilegierter Beruf, der hohe Zufriedenheit mit sich bringt. Die Arbeitsbedingungen sind gut, und dass derjenige praktisch seinem Hobby nachgehen kann, ist für manchen Grund genug, nicht in die freie Wirtschaft zu gehen und auf bares Geld zu verzichten.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Professoren sind es denn, die - wie Sie sagen "nur" - knappe 3000 Euro netto im Monat verdienen?

Hartmer: Das weiß keiner genau. Wir gehen aber davon aus, dass es 15 Prozent sind.

SPIEGEL ONLINE: Vier der Richter im zweiten Senat des Bundesverfassungsgerichts sind selbst Professoren. Können die unabhängig über das Gehalt von Kollegen entscheiden?

Hartmer: Rücksichtnahme gibt es da sicher nicht. Sicher entscheiden dort Professoren über Professorenbesoldung, aber das hat auch einen Vorteil: Sie wissen, worum es geht.

SPIEGEL ONLINE: Die mündliche Verhandlung hat gezeigt, dass ein Urteil in Ihrem Sinn zu erwarten ist. Was wird sich dann ändern?

Hartmer: Es wäre ein toller Erfolg, wenn Hessen nachbessern und bei der W-Besoldung draufsatteln müsste. Was auch passieren könnte, ist, dass die Richter auf Baden-Württemberg als Modell verweisen. Denn dort läuft es aus unserer Sicht richtig: Es gibt dort an Universitäten nur W3-Professoren mit etwa 5500 Euro Grundgehalt.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Christoph Titz studierte Journalistik, Politik, Soziologie und Geschichte in München, im dänischen Århus und in Utrecht in den Niederlanden. Bis Mai 2015 leitete er das SPIEGEL-ONLINE-Ressort UniSPIEGEL und SchulSPIEGEL, heute ist er Politik-Redakteur mit Berichtsschwerpunkt Afrika.

E-Mail: Christoph_Titz@spiegel.de

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insgesamt 158 Beiträge
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Seite 1
Roissy 14.02.2012
1. Taschengeld
Zitat von sysopDPAWie viel Geld muss ein Hochschullehrer verdienen? Sind 4000 Euro zu wenig? Darüber entscheidet jetzt das Verfassungsgericht, denn ein Chemiker hat gegen die Besoldungsordnung geklagt. Im Interview erklärt der Geschäftsführer des Hochschulverbandes, wie viel Professoren wirklich bekommen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,814636,00.html
Musste ich doch reichlich schmunzeln, bei dem Artikel. An der Hochschule, an der ich tätig bin, sind die Einkünfte aus der Beamtenbesoldung für die Professoren nur das Taschengeld. Zu deren Besoldung kommt zusätzlich noch eine "Leistungszulage" für gute Bewertungen durch die Studierenden in den Evaluationen. Allerdings ist auch das irrelevant, denn die meisten Einnahmen haben sie durch Tätigkeiten (Vorlesungen) außerhalb unserer Hochschule. Wenn ich in den Kalendar schaue, dann sind sie nur zu ihren Vorlesungen da, ansonsten haben sie bundesweit andere Termine, die sie sich mit Tagessätzen von 500€ aufwärts vergüten lassen. Trotzdem jammern sie ständig, wie wenig sie doch bekommen würden. Ich als Angestellter verziehe dann immer das Gesicht und denke mir nur: "Jammern auf hohem Niveau, sehr hohem!"
uk_uk 14.02.2012
2.
Was für ein tendenziöser Artikel... im Grunde hat der Interviewer ständig nur die eine mögliche Rechtmäßigkeit in Frage gestellt und mit infantilem "Aber ihr verdient doch 4000€!" jegliche Begründung der Gegenseite im Keim zu ersticken versucht. Zudem war das ständige "Aber Nebeneinkünfte!!!" nur peinlich. Nicht jeder Professor reist in der Weltgeschichte umher und verdient irrwitzig viel nebenbei. Ich hatte echt das Gefühl, dass hier nicht Aufklärung Grundlage des Artikels war, sondern einzig Sozialneid, Missgunst und journalistisches Getrolle. Aber so ist das halt. Einerseits fordert man gute Professoren (oder Lehrer), andererseits möchte man tunlichst für Bildung nichts ausgeben.
der-schwabe 14.02.2012
3. Gegenüber wem?
1.Sind 4000 Euro zu wenig? Gegenüber wem oder was? 2.Werden Nebeneinkünfte aufgrund der Professur mit berücksichtigt? 3.Sind Beamte nicht willens sich am Leistungsprinzip zu orientieren.
birka12 14.02.2012
4. Professorengehalt
Zitat von sysopDPAWie viel Geld muss ein Hochschullehrer verdienen? Sind 4000 Euro zu wenig? Darüber entscheidet jetzt das Verfassungsgericht, denn ein Chemiker hat gegen die Besoldungsordnung geklagt. Im Interview erklärt der Geschäftsführer des Hochschulverbandes, wie viel Professoren wirklich bekommen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,814636,00.html
Es ist zum Lachen, nur in Deutschland kann man sein Gehalt beim Bundesverfassungsgericht einklagen. Die sprechen ausserdem in eigener Sache, da sie ja auch an ihre eigenen Gehälter denken. Es ist doch ganz einfach, meint ein Professor zu wenig zu verdienen, so steht ihm oder ihr doch der gesamte Arbeitsmarkt zur Verfügung. Der Witz durch die Anzahl seiner Dienstjahre sein Gehalt automatisch zu verbessern, gehört vergangenen Zeiten an!
Philipp B. 14.02.2012
5. Völlig gerechtfertigte Beschwerde
Zitat von sysopDPAWie viel Geld muss ein Hochschullehrer verdienen? Sind 4000 Euro zu wenig? Darüber entscheidet jetzt das Verfassungsgericht, denn ein Chemiker hat gegen die Besoldungsordnung geklagt. Im Interview erklärt der Geschäftsführer des Hochschulverbandes, wie viel Professoren wirklich bekommen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,814636,00.html
Akademiker sind meiner Ansicht nach grundsätzlich unterbezahlt - das beginnt vor allem bei den Assistenten (die oft auch schon Dr. sind), die mit Gehältern leben, wo kein normaler Ingenieur auch nur aufstehen würde. Und was einen Professor angeht, so denke ich dass für die geistige Elite des Landes in jedem Fall Gehälter in dieser Größenordnung gerechtfertigt sind - zumal ich keinen Prof. kenne, der sich auf seiner 40-Stunden-Woche ausruhen könnte. Also Gehalt rauf - wir brauchen die Leute. Viele Grüße
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