Keine Rettungsgassen für Helfer "Das ist zum Verzweifeln!"

Gaffer und passive Autofahrer sind ein massives Problem für Rettungswagen, wie bei dem verheerenden Busunfall auf der A9. Marco König fährt seit 20 Jahren solche Einsätze - und beobachtet eine zunehmende Rücksichtslosigkeit.

Rettungsgasse auf der A2 in Hannover
DPA

Rettungsgasse auf der A2 in Hannover


Zur Person
  • Marco König, 47 Jahre, ist seit 2006 Vorsitzender des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst. Er ist ausgebildeter Notfallsanitäter und lebt in Lübeck.

"Es ist leider die absolute Ausnahme, dass Menschen auf der Autobahn im Stau eine Rettungsgasse bilden. Die allermeisten stehen in der Mitte ihrer Fahrbahn und machen sich offenbar keine Gedanken darüber, wie hier ein Rettungswagen zu einem Unfallort kommen soll. Erst wenn sie uns mit Martinshorn und Blaulicht kommen hören, fangen die Leute an, an die Seite zu fahren und eine Gasse zu bilden. Aber das ist viel zu spät.

Die Fahrzeuge stehen so dicht, dass es sehr lange dauert, Platz zu machen. Wenn dann noch jemand mit einem Anhänger auf dem mittleren Fahrstreifen steht, ist es für ihn fast unmöglich, zu rangieren. Das ist alles sehr eng. Wir müssen unser Tempo dadurch drastisch reduzieren und können oft nur im Schritttempo zu einer Unfallstelle fahren.

Ich habe außerdem oft erlebt, dass Autofahrer die Gasse hinter dem ersten Rettungsfahrzeug wieder zumachen! Dabei sind wir oft mit mehreren Wagen unterwegs, vor allem, wenn es mehrere Verletzte gibt. So verzögert sich die Ankunft für jedes Fahrzeug wieder.

Video: Rettungsgasse - so geht's

Freiwillige Feuerwehr Gräfelfing

"Daran gewöhnt man sich nicht"

Wenn ich am Steuer sitze und so schnell wie möglich zu Verletzten kommen will, ärgert mich das maßlos. Daran gewöhnt man sich nicht. Es kommt zu erheblichen Zeitverzögerungen, die einfach überflüssig sind. Dabei zählt jede Minute, wenn Menschen schwer verletzt sind, um ihnen zu helfen und sie ins Krankenhaus zu bringen. Manche können nur so überhaupt gerettet werden.

Ich habe schon Patienten im Wagen gehabt, die so schwer verletzt waren, dass sie kurz nach der Ankunft im Krankenhaus gestorben sind. So etwas ist manchmal schlimm zu ertragen. Ob man ihren Tod verhindert hätte, wenn es schneller eine Rettungsgasse gegeben hätte und sie schneller Hilfe bekommen hätten, weiß ich nicht. Das lässt sich hinterher nicht mehr nachweisen.

Aber selbst wenn ich zum Beispiel von einem Motorradfahrer ausgehe, der nicht lebensbedrohlich verletzt ist, sondern "nur" einen Oberschenkelhalsbruch hat, auf der Straße liegt und auf uns wartet, muss man doch bedenken: So ein Mensch hat sehr starke Schmerzen. Wenn wir zwei bis drei Minuten schneller bei ihm sein können, um ihm zu helfen, ist das für diesen Menschen essenziell.

Ich weiß nicht, warum sich so viele Autofahrer darüber offenbar keine Gedanken machen. Ob ihnen nicht klar ist, dass es letztlich auch sie selbst betreffen könnte? Es ist vielleicht ähnlich wie mit der Ersten Hilfe. Ich arbeite seit mehr als zwanzig Jahren im Rettungsdienst und beobachte immer öfter, dass zwar mehrere Menschen an einer Unfallstelle stehen und gucken - aber niemand hilft!

"Die bewegen sich nicht"

Oder im Stadtverkehr: Wenn ich mich mit dem Rettungswagen einer Ampelkreuzung nähere, dann müssten die Autofahrer eigentlich vorsichtig in die Kreuzung hineinfahren, um dem Rettungswagen Platz zu machen - auch wenn die Ampel rot zeigt! Denn hier geht es unter Umständen um die Rettung von Menschenleben. Aber bei vielen Autofahrern ist die Sorge größer, dass sie sich strafbar machen - und sie bleiben stehen. Da nützt es auch nichts mehr, wenn ich Blaulicht und Martinshorn anhabe. Die bewegen sich nicht. Das ist zum Verzweifeln!

Ich bin nicht sicher, wie sich das ändern lässt. Der Vorschlag von Verkehrsminister Dobrindt, Autofahrer strenger zu bestrafen, wenn sie keine Rettungsgasse bilden, geht vielleicht in die richtige Richtung. Aber ich bin sehr skeptisch, ob er sich umsetzen lässt. Denn wie will man den Menschen ihr Vergehen nachweisen?

Wenn ich im Rettungswagen zu einem Unfallort unterwegs bin, vielleicht sogar weiß, dass da Kinder unter den Opfern sind, dann mache ich mir in dem Moment keine Gedanken über andere Autofahrer, geschweige denn notiere ich mir Kennzeichen oder ähnliches. Und Polizeibeamten dürfte es Ähnlich gehen."

Protokoll: Silke Fokken

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insgesamt 325 Beiträge
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Ernstl 04.07.2017
1. Gang und gäbe
war es zu meiner Zeit, dass sofort auf die Seiten ausgewichen wurde, wenn das Martinshorn zu hören oder das Blaulicht zu sehen war. Aber vorher natürlich nicht. Man bildet doch nicht automatisch bei einem Stau eine Rettungsgasse. Es sei denn, man sieht, wie es die Fahrer vor einem auch machen. Dann kann man davon ausgehen, dass es einen Unfall gegeben hat. Und wie ist es mit dem Seitenstreifen? Kann man den nicht auch in solchen Fällen nehmen? In Venezuela zum Beispiel geht das nicht, da wird der Seitenstreifen bei Stau zu einer zusätzlichen Fahrbahn. In Brasilien, meinem jetzigen Wohnort, weiß man gar nicht, was eine Rettungsgasse ist. Da stehen die Rettungswagen im ganz normalen Straßenverkehr mit Horn und Licht, da rührt sich gar nichts. Daher gebe Gott, dass ich hier nie einen Rettungswagen brauchen werde.
sapalot 04.07.2017
2.
Egal ob das rücksichtlose Verhalten vorsätzlich oder fahrlässig ist: man muss die Menschen sensibilisieren, sprich es müssen Kampagnen gestartet werden, damit sie erklärt bekommen, was zu tun ist. Angst vor Strafen funktioniert (allein) nicht... Häufig sehe ich, dass mein Verhalten von Hinter- oder Nebenmänner kopiert wird: es fehlt halt manchmal doch einfach "nur" an dem Bewußtsein für die Situation ;)
reflexxion 04.07.2017
3. Gaffer sein liegt in der Natur des Menschen, es dient dem Überleben
Schon in der Steinzeit hat der männliche Jäger zugeschaut wenn ein Mitjäger vom Säbelzahntiger gefressen wurde, er hätte sowieso keine Chance gehbt dem OLpfer zu helfen und so konnte er wenigstens seienn Rückzug planen. In der Höhle hat der dann davon eine "Jgdszene" an die Wandf gemalt - das war damals das heuitige youtube. Bei ungewöhnlichen Geräuschen oder Lichteffekten dreht sich jeder um und schaut was da passiert ist, da ein normaler Autofahrer auch zur Spezies Mensch gehört ist das im Auto genauso. Einen voll in Flammen stehenden Bus kann kein PKW-Fahrer löschen und er kann auch niemand aus so einem Bus retten. Das konnten nicht mal die Profis der Feuerwehr. Das laute Geschrei der Politiker nach härteren Strafen für Leute die einem Urinstinkt folgen und halt hinschauen ist albern und vor allem nutzlos. Der einzige Effekt könnte sein es kommen keine Handyfilme mehr im Netz, aber da ja auch die Medien solche Filme ankaufen und im TV vermarkten sollte man nicht so scheinheilig sein. Ohne die vielen Handyfilmer könnte man ja auch viele Verbrechen in der Öffentlichkeit nicht aufklären. Warum wird nicht lauter gefragt warum ein Bus am Anfang seiner Fahrt von einem so unaufmerksamen Fahrer gefahren wird, der nicht mal ein Stauende auf gerader Strecke bemerkt? Der wird da wohl kaum übermüdet gewesen sein, wenn doch läuft bei 2 Fahrern im Bus irgendwas schief. Der Eigentümer des Busunternehmens wirkte im TV auch seltsam unbeteiligt, auch das sollten die Sicherheitsorgane mal untersuchen.
Olaf Köhler 04.07.2017
4. Abstrafen!
Heute morgen auf dem Weg zur Arbeit, Luxemburger Straße, Köln: Auf der linken Seite steht ein Rettungswagen, die Dame hinter mir im Auto dreht erst den Kopf, dann versucht sie noch was über den Seitenspiegel zu sehen, als das nichts hilft, Fester runter und Kopf raus. Geht`s noch? Wenn es so viele Leute interessant finden, sollen die sich doch bitte zum Rettungssanitäter ausbilden lassen oder bei Feuerwehr bewerben! Wer glotzt und noch schlimmer dabei filmt: Handy beschlagnahmen, Geldstrafe 50 000 Euro und Führerschein/Fahrerlaubnis für 5 Jahre weg! So lieber Herr Maas, liebe Abgeordnete des Bundestages! Das kriegt ihr doch noch vor der Wahl durch, oder?
fralau 04.07.2017
5. Schaut 'mal nach Österreich
Seit etwas mehr als einem Jahr arbeite ich in Österreich. Sobald es sich hier staut ( unabhängig davon ob es ein sichtbarer Unfall ist oder nicht) wird sofort eine Rettungsgasse gebildet - und da fährt dann auch kein anderes Fahrzeug... Das wird wohl in den Fahrschulen geübt und es wird auch an vielen Stellen darauf hingewiesen.
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