Schavans Plagiatsjäger "Jetzt sehe ich mir die Doktorarbeit eines Managers an"

Annette Schavan verlor ihren Doktortitel und ihr Amt als Bundesbildungsministerin. Jetzt kämpft sie juristisch um ihre akademische Ehre, am Donnerstag geht der Fall vor Gericht. Eingebrockt hat ihr all das ein Plagiatsjäger mit dem Pseudonym "Robert Schmidt". Warum eigentlich?

Annette Schavan (Archiv): Kampf um die akademische Ehre
AFP

Annette Schavan (Archiv): Kampf um die akademische Ehre

Ein Interview von und


Zur Person
    Die Person, die sich "Robert Schmidt" nennt, hat mit der Plattform schavanplag das Plagiatsverfahren gegen Annette Schavan in Gang gebracht. Der Plagiatsjäger kommuniziert mit Journalisten nur verdeckt, per Fax und E-Mail. Das Interview wurde daher schriftlich geführt. Dass es sich tatsächlich um Antworten "Schmidts" handelt, hat SPIEGEL ONLINE verifiziert.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Doktorarbeit der damaligen Bundesministerin Annette Schavan untersucht. In der Folge verlor die CDU-Politikerin ihren Doktortitel, wogegen sie klagte. Am Donnerstag verhandelt das Verwaltungsgericht Düsseldorf den Fall. Haben Sie sich in der Zwischenzeit weiter mit der Doktorarbeit von Frau Schavan beschäftigt?

Schmidt: Nein, ich habe die Prüfung mit der Bekanntgabe der Entscheidung in Düsseldorf eingestellt. Es gibt aber noch einige Stellen, von denen ich vermute, dass sie aus überhaupt nicht erwähnter Literatur abgeschrieben sind. Aber es wäre zu aufwendig und in Anbetracht des universitär abgeschlossenen Verfahrens auch etwas müßig, da noch weiterzuforschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit haben Sie insgesamt in die Prüfung ihrer Arbeit investiert?

Schmidt: Da ich nach dem Online-Stellen von schavanplag noch weiter geprüft habe: alles in allem ungefähr ein Vierteljahr Vollzeitarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt Sie an?

Schmidt: Spaß an der Detektivarbeit, verbunden mit der Möglichkeit, vielleicht noch einen großen Fall aufdecken zu können.

SPIEGEL ONLINE: Sie erkannten ein Muster in Schavans Arbeit: Sie habe oft vorgegeben, Primärquellen zu nutzen, aber nur aus Sekundärquellen abgeschrieben. Ist die Arbeit insgesamt ein Plagiat?

Schmidt: Das würde ich im Gegensatz zu der Arbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg so nicht sagen. Es ist eher eine ziemlich schwache Arbeit, die hauptsächlich Literatur referiert und selten eigene Standpunkte entwickelt. Um diese grundsätzliche Schwäche zu übertünchen, hat Frau Schavan dann an vielen Stellen zu unlauteren Mitteln gegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie die Entscheidung der Uni Düsseldorf für gerechtfertigt, Annette Schavan den Doktortitel zu entziehen?

Schmidt: Selbstverständlich. Allein schon darum, weil sie eine falsche eidesstattliche Versicherung abgegeben hat, dass sie alle verwendete Literatur auch angegeben hat. Wenn man solche Dinge durchgehen ließe, wäre das ein Freibrief dafür, gegen Regeln zu verstoßen. Aber es sind auch schon Leuten für quantitativ geringere Verstöße Doktorgrade entzogen worden.

SPIEGEL ONLINE: Annette Schavan hat eingeräumt, dass es schwache Stellen in ihrer Arbeit gibt.

Schmidt: Schavan flüchtet sich, wie üblich, ins Verschleiernd-Nebulöse. Diese schwachen Stellen sind nicht einige, sondern viele, und nicht inhaltlich schwach, sondern ab- und umgeschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch die Doktorarbeit des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert untersucht - und auch für problematisch befunden. Wie beurteilen Sie das Votum der Uni Bochum, ihm den Doktortitel nach Prüfung der Arbeit zu belassen?

Schmidt: Ich nehme es niemandem übel, wenn er die Verstöße von Herrn Lammert als nicht massiv genug einstuft, dass sie einen Entzug des Doktorgrades rechtfertigen würden. Die Beurteilung der Universität, dass es sich dabei nur um handwerkliche Schwächen handele, halte ich aber für deutlich zu großzügig. Aus meiner Sicht hat er systematisch die Auseinandersetzung mit insbesondere englischsprachiger Literatur vorgespiegelt.

SPIEGEL ONLINE: Prüfen Sie derzeit weitere Arbeiten?

Schmidt: Ich habe vor, mir demnächst die Doktorarbeit eines Managers anzusehen. Genauer möchte ich nicht werden, und einen konkreten Anfangsverdacht gibt es nicht. Aber den gab es bei Frau Schavan ja auch nicht. Wenn ich gröbere Verstöße finden sollte, lasse ich von mir hören.

SPIEGEL ONLINE: Erwarten Sie, dass weitere Politiker sich für ihre Doktorarbeiten werden verantworten müssen?

Schmidt: Das ist recht wahrscheinlich, da nicht wenige Politiker versuchen, ihre Karriere durch einen prestigeträchtigen Doktorgrad zu befördern, dem oft eine allenfalls bescheidene wissenschaftliche Leistung entspricht. Das gilt allerdings nicht nur für Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie Ihre Identität noch immer nicht offengelegt?

Schmidt: Ich würde wahrscheinlich für den Rest meines Lebens dauernd auf den Fall angesprochen werden. Das möchte ich nicht. Außerdem kann ich einfach ruhiger und besser arbeiten, wenn ich nicht unter Beobachtung stehe.

insgesamt 253 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
muri321 19.03.2014
1. Bravo
Jede Institution und Mensch benötigt jemanden der ihn oder es kontrolliert. Vor allem in öffentlichen Diensten
iman.kant 19.03.2014
2. Was treibt diese Menschen an?
Die Frage was der Antrieb solcher Menschen ist dürfte wahrscheinlich nur von Psychologen zu beantworten sein. Das wäre ein interessantes Forschungsobjekt und eine Doktorarbeit wert. Ich nehme an dass Herr "Schmidt" wahrscheinlich selbst an vielen Sachen gescheitert ist und den Erfolg anderer nur schwer verarbeiten kann. Auch die Lust anderen "Weh" zu tun dürfte in diesen Kreisen weit verbreitet sein.
hinschauen 19.03.2014
3. Falscher Ehrgeiz
Zitat von sysopAFPAnnette Schavan verlor ihren Doktortitel und ihr Amt als Bundesbildungsministerin. Jetzt kämpft sie juristisch um ihre akademische Ehre, am Donnerstag geht der Fall vor Gericht. Eingebrockt hat ihr all das ein Plagiatsjäger mit dem Pseudonym "Robert Schmidt". Warum eigentlich? http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/schavans-doktortitel-plagiatsjaeger-robert-schmidt-im-interview-a-959377.html
[QUOTE=sysop;15207576]Annette Schavan verlor ihren Doktortitel und ihr Amt als Bundesbildungsministerin. Jetzt kämpft sie juristisch um ihre akademische Ehre, am Donnerstag geht der Fall vor Gericht. Eingebrockt hat ihr all das ein Plagiatsjäger mit dem Pseudonym "Robert Schmidt". Warum eigentlich? ja, warum eigentlich? Das Problem ist doch ein ganz anderes. Wären Doktortitel nicht zu den neuen Adelstiteln geworden, die tatsächlich - einmalig in Deutschland - den Rang eines Namensbestandtteils bekommen. Und würde nicht automatisch für diesen Träger dieses Titels höhere Gehälter bezahlt (völlig unabhängig vom Thema der Arbeit). Und würde dies nicht alles dazu beitragen, dass viele Menschen versuchen würden, diesen Titel nur um des Titels willen zu bekommen. Wäre das alles so - dann könnte sich Herr Schmidt ein anderes Hobby suchen und andere leute verpetzen. Denn ganz ehrlich: Das ist, was er tut. Denn an den Qualifikationen der Leute, die aus ihren Ämtern fliegen, hat sich damit nichts geändert. Letztlich befeuern die Doktorjäger mit ihrer Arbeit aber genau den Irrglauben, dass dies so sei.
olddreamer 19.03.2014
4. Motive?
Der sich anonym versteckende "Aufdecker" ist sich wohl in keiner Sekunde bewusst, dass er in manchen Fällen die Lebensleistung, ja das Leben seiner "Opfer" ruiniert. Toll, einfach toll, dass man Denunziantentum so im Internet austoben kann! Ich mag die Schavan auch nicht, empfinde sogar eine herzliche Abneigung, aber für die schäbige Vorgehensweise dieses selbst erklärten Aufklärers habe ich noch mehr Verachtung!
theheathen 19.03.2014
5. Jo.
Zitat von muri321Jede Institution und Mensch benötigt jemanden der ihn oder es kontrolliert. Vor allem in öffentlichen Diensten
Deswegen war auch die Stasi oder Securitate so schön. Kontrolle ist eben besser...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.