Schneller lesen 150 Seiten in 75 Sekunden

Erst die Tageszeitung, dann das Softwarehandbuch und noch schnell das Thomas-Mann-Gesamtwerk - locker in der Mittagspause zu schaffen, versprechen manche Turbo-Lese-Trainer. Das halten Leseforscher für unseriös, eine erhebliche Temposteigerung aber für machbar und nützlich im Beruf oder Studium.


Wer diese Seite nicht in zwei bis fünf Sekunden schafft, ist eine Leseschnecke
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Wer diese Seite nicht in zwei bis fünf Sekunden schafft, ist eine Leseschnecke

Lesen ist für viele Schwerstarbeit. Doktoranden oder Hochschullehrer, Anwälte oder Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Ingenieure - sie alle müssen täglich große Datenberge bewältigen. Stefan Weißflog etwa ist Unternehmensberater in Düsseldorf. Der 37-Jährige bekommt jeden Tag 30 E-Mails und bis zu 500 Seiten Dokumentationen auf den Tisch. Er muss sich über Märkte, Firmengeschichte und Produktionsweisen informieren: "Gerade in der Anfangsphase eines Projekts muss ich viel Lesestoff in kurzer Zeit bewältigen", sagt Weißflog. Zielgerichtetes Lesen ist für ihn daher wichtig.

Bestimmte Techniken erleichtern und beschleunigen das Lesen. Weißflog nahm an einem Lesetraining teil. "Die Nachfrage nach solchen Schnell-Lese-Programmen steigt", sagt Bodo Franzmann, bei der Stiftung Lesen in Mainz für Leseforschung zuständig. Das liege auch daran, dass sich das Volumen der zur Verfügung stehenden Informationen alle zehn Jahre verdoppele. Viele müssten daher beruflich mehr lesen, als sie in normalem Tempo schaffen können, so Franzmann.

Vorsicht vor übertriebenen Versprechungen

Bisweilen kosten die Trainings oft 10.000 Mark oder mehr. Der Nutzen ist indes fraglich, denn das Lesetempo lässt sich nicht ins Unendliche steigern. Bei Anbietern, die verkünden, man könne nachher die Bibel in drei Stunden durchlesen, sei daher Skepsis angebracht, warnt Rotraut Hake-Michelmann. "Angebote, die eine 100- bis 300fache Steigerung der Lesegeschwindigkeit versprechen, sind unseriös", ergänzt Walter Uwe Michelmann. Beide beschäftigen sich seit mehr als 20 Jahren mit der Lesebeschleunigung und sind Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für berufliches Lesen in Windeck an der Sieg.

Den Leseforschern zufolge liegt das normale Lesetempo bei etwa 240 Wörtern pro Minute, dem Umfang einer Taschenbuchseite. Ein Lesetraining kann die Aufnahmegeschwindigkeit verdoppeln. Die Erhöhung auf das Dreifache ist ebenfalls möglich. Das bestätigt auch Klaus Marwitz, der in seinem Bonner Institut für Kommunikation und Zeitdesign das so genannte Alphareading lehrt: Der Leser löst sich von einzelnen Wörtern, schaut auf Sätze, Absätze oder ganze Seiten. Indem größere Partien fokussiert werden, gelingt ein schneller Überblick über den gesamten Text.

Bei diesem Flächenlesen tritt die Kernaussage des Textes in den Vordergrund. Anschließend kehrt der Leser zurück zu bestimmten Abschnitten, um wichtige Inhalte genauer zu studieren. "Das ist wie ein Gang durch die Natur", erklärt Lesetrainer Marwitz. "Ich schaue voraus, blicke dann aber wieder auf den Boden vor mir, um meinen Weg im Blick zu haben." Voraussetzung für diese Technik ist ein Leseziel.

Der Zeigefinger als Suchgerät

Auch Stefan Weißflog geht es am Arbeitsplatz darum, sich schnell systematisch einen Überblick über einen Text zu verschaffen. Aber sein Lesetraining folgte einer anderen Methode: Weißflog hat gelernt, mit dem Auge größere Textpartien zu erfassen, ohne sie Wort für Wort durchzulesen. Statt dessen fährt er mit dem Zeigefinger über den Text, setzt ihn als Suchgerät für Schlüsselwörter ein. In Kombination mit weiteren Techniken sei es für trainierte Leser möglich, sich in 75 Sekunden einen Überblick über 150 Seiten Text verschaffen - egal ob auf Papier oder am Bildschirm, meint das Ehepaar Michelmann.

Die Navigationshilfe zum schnellen Blättern verbessert außerdem die Kontrolle des Gelesenen. Für Stefan Weißflog ist das von besonderer Bedeutung. Das schnelle Lesen allein hilft ihm im Büro nicht weiter. "Ich wollte auch wissen, wie ich das Gelesene festhalte." Dafür hat sich das Lesetraining gelohnt. "Mein Lesen ist strukturierter und zielgerichteter geworden", sagt Weißflog. "Ich kann mir jetzt schneller einen Überblick über das Wesentliche verschaffen, weil ich die relevanten Textstellen schneller finde."

Früh anfangen - dann klappt´s auch mit dem Brockhaus
DPA

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Die Leseforscher geben auch einige simple Tipps, etwa zum Arbeitsumfeld. "Man braucht ordentliches Licht", keinen Kerzenschein, sagt Walter Uwe Michelmann und empfiehlt: "Kämpfen Sie um Ihren Arbeitsplatz am Fenster!" Regelmäßige Pausen, frische Luft und eine bequeme Haltung seien ebenfalls wichtig, Straßenlärm und Musik dagegen der Konzentration abträglich. Ferner gelte für das schnelle Lesen ein alter Lehrsatz: Übung macht den Meister. "Viel lesen macht schnell", weiß Rotraut Hake-Michelmann.

Von Thorsten Wiese, gms



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