Schöner arbeiten "Man muss entscheiden, was Freizeit wert ist"

In den Chefetagen reden viele neuerdings von "Work-Life-Balance" und hoffen auf leistungsfähigere Mitarbeiter mit einer gesunden Einstellung zu Beruf und Privatleben. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview warnt Familienforscherin Gisela Erler: "Sein Leben hat man schnell verkauft."


SPIEGEL ONLINE: Warum ist Work-Life-Balance zurzeit das Schlagwort in deutschen Management-Etagen?

Gisela Erler, 60, gründete und leitet die pme Familienservice GmbH, die Firmen und Behörden bei Konzepten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt

Gisela Erler, 60, gründete und leitet die pme Familienservice GmbH, die Firmen und Behörden bei Konzepten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt

Erler: Die Investitionen in weibliche Angestellte sollen sich rentieren. Es ist zu teuer, gut ausgebildeten Frauen jede berufliche Entwicklungschance zu nehmen, bloß weil sie ein Kind wollen. In Vorständen gibt es immer noch zu wenige Frauen. Nun sollen sie wenigstens mehr in mittlere Führungspositionen kommen. Deshalb wird das Thema Kind und Karriere jetzt ernster genommen.

SPIEGEL ONLINE: Also geht es um ein Konzept für berufstätige Mütter?

Erler: Männer wünschen sich genauso mehr Zeit für ihre Familie. Manche sind schon glücklich, wenn sie dreimal in der Woche mit ihren Kindern Abendbrot essen können. Und Berufsanfänger wollen inzwischen öfter vom Arbeitgeber wissen, ob neben dem Job ein Privatleben möglich ist. Leider können sie das selten einfordern.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Konkurrenz zu groß ist?

Erler: Menschen werden erpressbar, wenn Arbeitsplätze rar sind. Sie lassen sich ihre Freizeit viel schneller abkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Work-Life-Balance für Firmen nicht schlicht ein Weg zur Gewinnmaximierung?

Erler: Im Kern geht es natürlich um wirtschaftliche Interessen. Aber auch um soziale Motive - in Vorständen sitzen ja nicht nur schnöde Zahlen-Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Ideen zur Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben in der Praxis aus?

Erler: Es gibt zwei Grundansätze. Der eine ist teuer, aber leicht umzusetzen: Kinderbetreuung, "Eldercare" sowie Beratung bei Scheidung, Depressionen, Schulden oder Sucht werden zusammen mit externen Dienstleistern angeboten. Der zweite Ansatz ist: Wie verändern wir die Arbeitskultur im Unternehmen, damit es mehr Freiheiten gibt?

SPIEGEL ONLINE: Viele Arbeitnehmer wünschen sich Telearbeit und individuelle Bürozeiten. Wieso schrecken Firmen davor meist zurück?

Erler: Die Grundlage der Work-Life-Balance ist Vertrauen. Unternehmen müssen etwas wagen, statt auf einem niedrigen Level zu stagnieren. Das ist manchen offenbar zu riskant.

SPIEGEL ONLINE: Wer profitiert von Balance-Konzepten?

Erler: Man billigt Frauen mehr zu als Männern, bestraft sie aber dafür. Ihr Wunsch nach Flexibilität wird akzeptiert, aber fast immer mit Gehaltseinbußen und Karriere-Abstrichen bezahlt. Bei Männern ist das Elternzeitgesetz ein Lichtblick. Ich hoffe, dass jetzt auch Männer ein Recht auf Work-Life-Balance bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Melden Männer andere Ansprüche als Frauen?

Erler: Männer äußern seltener ihre Wünsche. Sie haben Angst, dann weg vom Fenster zu sein. Ich rate in solchen Fällen, ein "Proposal" zu schreiben: ein Exposé darüber, wie man seine Arbeitsbedingungen verändern möchte, wie die Wünsche umgesetzt werden können und was die Firma davon hat. Das sollte nicht am Vorgesetzten hängen bleiben. Einfach Elternzeit zu nehmen und zu gehen, erzeugt wenig Gegenliebe.

SPIEGEL ONLINE: Und das hilft?

Erler: Meiner Erfahrung nach bringt Offenheit und ein klares Konzept immer den gewünschten Erfolg. Es gibt Firmen, bei denen man aufs Abstellgleis gerät und es fortan schwerer hat. Es gibt genauso Vorgesetzte, die solche Work-Life-Balance-Ideen toll finden. Deshalb lohnt es sich, vor der Einstellung genau zu überlegen: Trägt dieser Arbeitgeber meine Wünsche mit oder nicht? Und sich im Zweifelsfall anderswo zu bewerben. Sein Leben hat man schnell verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Ist Work-Life-Balance vor allem ein Bonbon für Führungskräfte?

Erler: Zuerst war es das. Jetzt gibt es Angebote für geringer bezahlte Angestellte - denn auch Fluktuation im Niedrigeinkommensbereich ist teuer. Der Gedanke, dass draußen genug Leute Arbeit suchen, ist nicht nur zynisch, sondern falsch: Jede Einarbeitung kostet ein Jahresgehalt.

SPIEGEL ONLINE: Geht es immer um Kosten-Nutzen-Rechnungen?

Erler: Ein Krippenplatz kostet knapp 20.000 Euro im Jahr. Ein Angestellter aus dem Niedriglohnbereich bezahlt davon vielleicht 2000 Euro. Damit sie 18.000 Euro investiert, muss die Firma entweder sehr groß sein oder die Fachkraft sehr wichtig. Teure Leistungen geben Firmen immer noch lieber an hoch qualifizierte Kräfte.

SPIEGEL ONLINE: Ist Selbstverwirklichung im und neben dem Beruf angesichts hoher Arbeitslosenzahlen überhaupt noch drin?

Erler: Es verhält sich genau umgekehrt: Unternehmen können heute nicht mehr erfolgreich sein, wenn sie nicht berufliche Selbstverwirklichung und ein ausgeglichenes Privatleben bieten. Ansprüche auf große Gemütlichkeit, viele Pausen, lange Ferien, eigene Bedingungen, die man dem Unternehmen diktieren will, sind für Arbeitnehmer freilich unrealistisch geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich unser Verhältnis zur Arbeit in den letzten Jahren verändert?

Erler: Es wird härter und mehr gearbeitet als früher, es gibt weniger Pausen und Urlaube. Da ist kein scharfer Gegensatz mehr zwischen Maloche und eigentlichem Leben. Gerade junge Menschen haben das anfangs nicht nur negativ erlebt, sondern den Kick genossen, die Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Die Arbeit als großer Sinnstifter?

Erler: Ja, aber die Überbeanspruchung muss Grenzen haben, sonst macht sie kaputt und krank. In Amerika haben Forscher gerade herausgefunden, dass Multi-Tasking nicht funktioniert. Für Menschen ist es besser, sich zu fokussieren. Wir alle leisten mehr, wenn wir uns auch mal komplett abschotten.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem ist das Burnout-Syndrom auf dem Vormarsch.

Erler: Fortschrittliche Firmen haben verstanden, dass sie Mitverantwortung dafür tragen, dass ihre Angestellten sich nicht "verbrennen". Aber kein Arbeitgeber, keine Gewerkschaft kann letztlich dafür sorgen, dass sich ihre Angestellten und Mitglieder nicht total verausgaben. Die Menschen müssen selbst wieder lernen zu sagen: Hier ist für mich Schluss.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie selbst Ihre Balance?

Erler: Mein Beruf gehört genauso zu mir wie meine Familie. Ich kann auch mal drei Nächte durcharbeiten, bleibe aber sonst zwischen 7 und 8 Stunden pro Tag, da bin ich rigoros. Das Wichtigste in meinem Leben sind die privaten Erlebnisse. Vor wenigen Tagen bin ich Oma geworden - und erlebe Gefühle, die einem Arbeit nie vermitteln kann. Der Beruf allein macht Menschen arm. Er muss sich immer mit einem starken Privatleben ergänzen. Man muss sich entscheiden, was Freizeit wert ist. Eigentlich ist das heute Work-Life-Balance: die Entscheidung für weniger Gehalt und mehr Privatleben, das ausgewogene Verhältnis zwischen Zeit und Geld.

Das Interview führte Sarah Schelp

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