Lehrergeständnisse Aaaahhhhhhhh!

Er respektiert seine Schüler, ja, er schätzt sie. Doch bisweilen treiben sie ihn in den Wahnsinn. Hier verrät ein Lehrer aus Hamburg, was er dann tut: Mal reicht ein Wutausbruch, mal greift er zum Äußersten - und stellt die Jugendlichen bloß.

Was tun, wenn Schüler einen in den Wahnsinn treiben?
Corbis

Was tun, wenn Schüler einen in den Wahnsinn treiben?


Was Lehrer auf keinen Fall machen dürfen, steht in jedem pädagogischen Lehrbuch: Schüler bloßstellen. Auch wenn mich ein Schüler beschimpft, meine Regeln missachtet und versucht, sich auf meine Kosten zu profilieren - das Ego eines Schülers ist unantastbar.

Daran habe ich geglaubt, als ich aus dem Referendariat kam. Mittlerweile weiß ich: Wenn ein ernstes Elterngespräch, der zehnte Eintrag in die Schülerakte oder kontrolliertes Ausrasten im Vorraum keine Wirkung zeigen, dann gibt es keine bessere Methode. Denn ihre Coolness ist oft die verwundbare Stelle von renitenten Schülern, dafür opfern sie fast alles, manchmal sogar ihren Abschluss. Das will ich unbedingt verhindern.

Bei männlichen Querulanten hilft es oft, noch im Unterricht das Handy zu zücken: "Ich muss leider deine Mama anrufen, wenn du nicht brav bist." Nichts ist peinlicher. Der Anruf erübrigt sich danach meist.

Außerdem habe ich dafür gesorgt, dass an der Schule ein paar Geschichten über mich kursieren - das verschafft mir Respekt. Beispielsweise habe ich mal einen ganzen Sonntag mit einem Schüler den Klassenraum gestrichen, er hatte zuvor mit einem Kuli einen 20 Jahre alten Tisch bekritzelt. Nicht das Streichen lässt meine Schüler gruseln, sondern meine pure Präsenz. Dazu habe ich mir einen Psycho-Blick antrainiert, bei dem rebellierende Schüler sich fragen, ob gleich einer dieser berüchtigten Ausraster kommt. Gut funktioniert auch die Frage: "Hast du gelernt?"

Weinerliche Querulanten aus behütetem Hause

In pädagogischen Lehrbüchern steht, wir sollen "Präsenz zeigen". In der Realität bedeutet es nichts anderes, als schwierigen Schülern deutlich zu machen, dass wir Lehrer eine große Keule besitzen, die wir jederzeit einsetzen können. Dass wir das eigentlich gar nicht wollen, zeigen wir natürlich nicht.

Manchmal zum Beispiel stellt meine Schüler erst der Schreck und dann die Erleichterung, dass ich doch keine Arbeit schreiben lasse, für ein paar Minuten ruhig. Das gleiche Prinzip: "Hefte raus!" - um dann irgendetwas Banales zu diktieren.

Mädchen versuchen oft, anders zu provozieren: Sie kämmen und schminken sich während der Stunde. "Du bist ausreichend schön für den Unterricht", fällt mir dazu nur ein, mit Betonung auf "ausreichend", gleichzeitig Kompliment und Beleidigung. Ein Problem mit ihrem Aussehen werden sie deswegen nicht bekommen, ohne genügend Selbstbewusstsein würden sie sich nicht so exponiert pflegen.

Inakzeptables Verhalten abstellen

Dabei musste ich allerdings erst lernen, wem ich welche Behandlung zukommen lasse. Beim eher weinerlichen Querulanten aus wohl behütetem Hause beispielsweise führen solche Psycho-Tricks eher zu Elternanrufen oder gar Besuchen beim Schulleiter. Was bei diesem Schülertypus gut zieht: Einträge jeder Art und das Petzen bei Mama.

Ich halte mich dabei stets an das Motto: "Wehret den Anfängen!" Denn sonst wird aus Kämmen Fingernägel lackieren, aus Träumen Schlafen und aus einer Beschimpfung eine Schlägerei. Natürlich respektiere und schätze ich meine Schüler, aber dazu gehört auch, inakzeptables Verhalten abzustellen.

Der 39-jährige Lehrer arbeitet an einer Schule in Hamburg.

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
trebbien 22.01.2015
1. Der Psycho-Blick der Lehrer
---Zitat--- ...Dazu habe ich mir einen Psycho-Blick antrainiert, bei dem rebellierende Schüler sich fragen, ob gleich einer dieser berüchtigten Ausraster kommt... ---Zitatende--- Er entsteht durch das Unterdrücken des Lidschlags, was in der Regel eine gewisse Übung erfordert. Hinzu kommt gegebenenfalls die Aufforderung: "Schau mir in die Augen!" Mit beidem werden die natürlichen sozialen Reflexe ausgetrickst: Einem Sprechenden sieht man nicht in die Augen, sondern auf den Mund. Der Liedschlag ist zudem Teil der nonverbalen Kommunikation und signalisiert in meist schnellem Wechsel Dominanz (Lider heben), und Submission (Lider senken), bzw. Anspruch (Blick in die Augen), und Zustimmung (Lider senken). Wenn einer die Lider nicht senkt, kracht es. Das ist bei allen Primaten so.
bartholomew_simpson 22.01.2015
2.
Altgediente Lehrer werden sehr oft Zyniker mit einem sehr dicken Fell, wenn sie nicht vorher das Handtuch werfen.
wolltsnursagen 22.01.2015
3. Armutszeugnis
Wow, was für ein Armutszeugnis einer überforderten Lehrkraft.
butzibart13 22.01.2015
4. Tipp unter der Gürtellinie
In Klassen mit Hardcore-Mädchen kann auch mal der Vulgärausdruck "Fick dich ins Knie" fallen. Dann bittet man diese Schülerin nach vorne, krempelt die Hose bis zum Knie hoch und sagt : "Leider fehlt da das Loch". Die Schülerin ist total bloßgestellt, man hat aber wegen der Coolness die Lacher und den Respekt der anderen Schüler auf seiner Seite.
a-mole 22.01.2015
5.
klingt gut ich habe lehrer gehasst die sich keinen respekt verschaffen konnten. also nicht gehasst - aber halt nicht gemocht: der unterricht war unmöglich (da ständig gestört wurde) und man musste ständig extra arbeit zu hause reinstecken um auf der höhe zu bleiben
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