Lehrer und Schüler "Ich war es nicht. Ich schwöre"

Als der Junge von der Schule fliegen soll, hilft der Lehrer, wo er kann. Denn er glaubt an die Unschuld seines Schülers. Ein Irrtum, wie sich Jahre später herausstellt.

Junger Mann (Symbolbild): Ein Schüler sollte nach einem absichtlich ausgelöstem Fehlalarm die Schule verlassen
Corbis

Junger Mann (Symbolbild): Ein Schüler sollte nach einem absichtlich ausgelöstem Fehlalarm die Schule verlassen


Feueralarm! Tausend Schüler und Lehrer zwängten sich durch die Treppenhäuser, aufgeregt, erst recht, als die Feuerwehr anrückte. Sie inspizierte das Haus, schaltete die Feuermelder wieder scharf und schickte später die Rechnung. Das Ganze war ein Fehlalarm: Es hatte nicht gebrannt.

Danach suchten Schulleitung, Lehrer und Hausmeister denjenigen, der ohne Grund die Scheibe eingeschlagen und den roten Knopf gedrückt hatte. Es dauerte Tage, bis sie einen Verdächtigen fanden, Zeugen hatten jemanden gesehen. Glaubten sie jedenfalls.

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Bojan* soll es gewesen sein. Neunte Klasse, ein durchaus angenehmer Schüler, allerdings mit ausgeprägtem Hang zu dummem Zeug; so verließ er in den Pausen immer wieder den Schulhof, um zu rauchen, er stritt sich oft mit Mitschülern und fehlte im Unterricht.

Ich kannte Bojan aus meinem Unterricht. Mir war er nie negativ aufgefallen, geradezu vorbildlich benahm er sich. Ich sprach mit ihm mehrmals über den Vorfall, immer wieder sagte er: "Ich war es nicht. Auf keinen Fall. Ich schwöre." Ich glaubte ihm. Fest überzeugt war ich von seiner Unschuld.

Ich stehe erst einmal immer auf der Seite meiner Schüler. Ich versuche, ihnen beizustehen, wenn es sonst schon niemand tut. Viele Eltern kümmern sich nicht um ihre Kinder, weil sie es nicht können - oder nicht wollen. Ich will sie nicht aufgeben, sondern ihnen zeigen: Ich glaube an euch.

Anklage, Verteidigung, Urteil

Nach dem Fehlalarm wurde Bojan zur Disziplinarverhandlung geladen.

Sie ähnelt durchaus einem Strafverfahren: Anklage, Verteidigung und Urteil. Manche Schüler bekommen nur einen Eintrag ins Klassenbuch oder die Personalakte, andere werden in eine andere Klasse versetzt oder gar der Schule verwiesen.

An diesem Nachmittag trug ein Lehrer die Vorwürfe vor, die Eltern des Schülers äußerten sich, später nahm Bojan Stellung. Stundenlang befragten meine Kollegen ihn und drängten ihn ziemlich in die Ecke. Mich hatte Bojan zum sogenannten Vertrauenslehrer ernannt, als solcher verteidigte ich ihn und half, so gut es ging. Dabei geriet ich auch in Konflikt, wenn nicht gar Streit, mit Kollegen.

Nach dem Verhör musste Bojan den Raum verlassen und die Kollegen entschieden: Er wird der Schule verwiesen. Eine Maßnahme, der ich ausdrücklich nicht zustimmte.

Viele Jahre später traf ich ihn wieder. Er war guter Dinge, berichtete mir von seinem beruflichen Werdegang und seinen Plänen; alles war bestens. Ein nettes Gespräch also.

Nachdem wir uns schon verabschiedet hatten, kam er noch einmal zurück und sagte: "Ach, was ich noch sagen wollte. Damals, das mit dem Feuermelder. Ich war das wirklich. Machen Sie sich nichts draus!" Dabei klopfte er mir jovial auf die Schulter.

Dieser Vertrauensmissbrauch hat wehgetan. Sehr lange.

*Name geändert

Der 47-jährige Lehrer unterrichtet an einer Hauptschule in einer westdeutschen Stadt.

Alle bisher veröffentlichten Lehrergeständnisse finden Sie hier.

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
montecristo 08.01.2015
1. Tja
Selbst auf frischer Tat ertappt versuchen Schüler sich immer noch irgendwie rauszuwinden. Irgendwie albern. Heutzutage wird immer erstmal alles geleugnet. Dieses ständige angelogen werden führt dann leider dazu, dass man immer mißtrauischer wird und wahrscheinlich irgendwann nicht mehr zuhört...
Tafelkreide 08.01.2015
2. Zum Kreischen
Das Thema Vertrauensbruch hat weit Schlimmeres gesehen, als diese lachhafte Frace selbstverliebter Gerichtshof-Spieler. Es tut den Augen weh, diese Humorlosigkeit und Überheblichkeit im Dienste produktiver Moral zu erblicken. Das Beste, man wendet sich sofort ab, um sich sogleich zu übergeben.
aber jetzt 08.01.2015
3.
Ich bin zwar erst seit vier Jahren im Schuldienst, aber Schülern, die auf ihre Mutter/Koran/sonstwas schwören, glaube ich schon lange nicht mehr.
eunegin 08.01.2015
4. fehleranfällige Einstellung
"Ich stehe erst mal immer auf der Seite meiner Schüler." - diese (naive) Einstellung mag nett klingen, ist aber in ähnlicher Form für jeden Entscheider/Vorgesetzten in jedem Beruf fatal, verhindert korrekte Beurteilung der Situation und wird im schlimmsten Fall ausgenutzt (wie hier...). "Ich nehme die Argumente meiner Schüler/meiner Mitarbeiter immer ernst" scheint zielführender zu sein und bringt in der Personalführung erfahrungsgemäß mehr.
a320cdr 08.01.2015
5. Lehrerausfall seit November
Am Ausfallplan steht für den nächsten Tag "Ausfall Deutsch". Mein Sohn kommt also ohne Deutschhefter zur Schule. Einer adhoc-VertrLeiterin (stellv. Schulleiterin) fällt ein, wir machen dich Deutsch. Es hagelt Einträge. Berliner Grundschule am Stadtrand.
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