Quereinsteiger in Schulen Von null auf Lehrer

Kein Lehramtsstudium - und trotzdem im Schuldienst: Nirgendwo wechseln so viele Quereinsteiger in den Lehrerjob wie in Berlin. Beteiligte berichten von rücksichtslosem Löcherstopfen.

Lehrer in einer Schulklasse (Symbolbild)
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Lehrer in einer Schulklasse (Symbolbild)

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Fibel, Anlauttabelle oder Ganzwortmethode? Anna Senger*, 35, hatte keine Ahnung, wie sie ihren Grundschülern das Lesen beibringen sollte. Zum Glück hatten die Kinder Übungshefte, die Senger mit ihnen durcharbeiten konnte. Und sie bat andere Lehrer um Tipps. "Man wurstelt sich so durch", sagt sie.

Senger ist seit August Lehrerin an einer Berliner Grundschule für die Fächer Deutsch, Mathe und Naturwissenschaften. Bis dahin stand sie noch nie vor einer Schulklasse. Sie hat nicht auf Lehramt studiert, sondern Geologie. Bevor sie anfing zu unterrichten, arbeitete Senger für eine Chemiefirma.

Dass sie mit Mitte 30 als Quereinsteigerin in den Schuldienst wechseln konnte, liegt daran, dass Berlin so dringend Lehrer braucht. Wer Kenntnisse in Mangelfächern wie Mathe, Physik, Informatik, Chemie oder Musik mitbringt, kann sich für einen Seiteneinstieg bewerben.

Und der läuft so: Die Quereinsteiger werden von Anfang an unbefristet angestellt und voll bezahlt. Sie machen aber zunächst nebenbei eineinhalb Jahre lang das Referendariat - und müssen in Anschluss noch die Zweite Staatsprüfung bestehen. Dann gelten sie als voll qualifizierte Lehrer, ganz ohne pädagogisches Studium.

Jede dritte neue Lehrkraft hat nicht auf Lehramt studiert

Prinzipiell ist nichts verkehrt daran, engagierte Menschen aus anderen Berufen für den Lehrerjob zu gewinnen. Alle Bundesländer ermöglichen Seiteneinstiege in Fächern, in denen Bedarf herrscht. Aber kein Land setzt so extrem auf Quereinsteiger wie Berlin.

Im vergangenen Jahr stellte Berlin 469 Quereinsteiger in den öffentlichen Schuldienst ein. Im viel größeren Nordrhein-Westfalen, das an zweiter Stelle folgt, waren es nur 290.

Im aktuellen Schuljahr ist die Berliner Zahl sogar noch höher: "Mehr als ein Drittel der neu eingestellten Lehrkräfte, 667 von 1900, startet ohne pädagogische Ausbildung in den Schuldienst", monierte die Bildungsgewerkschaft GEW im September.

Das liegt unter anderem daran, dass die Schülerzahlen seit fünf Jahren stetig steigen - und dass gleichzeitig jeder zweite Lehrer in Berlin 50 Jahre oder älter ist. Jedes Jahr gehen zahlreiche Pädagogen in den Ruhestand, oft auch vorzeitig, und es stehen nicht genügend Nachfolger bereit.

Die GEW wirft den Landesregierungen schon lange vor, schlecht auf die absehbare Pensionierungswelle vorbereitet zu sein. "Man hätte vor fünf bis sechs Jahren damit anfangen müssen, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen und mehr junge Menschen fürs Lehramt zu begeistern", sagt Matthias Jähne, Referent für Lehrkräftebildung bei der GEW Berlin, der seit Jahren Quereinsteiger berät. "Das passiert jetzt, aber es kommt viel zu spät." Vor allem an Grundschulen sei der Lehrermangel hoch.

Zudem verbeamtet Berlin schon seit Jahren keine neuen Lehrer mehr. Das hat Pädagogen in der Hauptstadt erst im Sommer wieder dazu veranlasst, für gerechtere Gehälter auf die Straße zu gehen - und es schreckt junge Menschen davon ab, sich für eine Berliner Lehrerkarriere zu entscheiden.

Die Löcher im Schuldienst sollen nun die Quereinsteiger stopfen. Wer Vollzeit als Quereinsteiger anfängt, unterrichtet 19 Stunden, und zwar gleich selbstständig, wie reguläre Lehrer. Angeleiteter Unterricht und Hospitationen, die gewöhnlichen Referendare zugutekommen, sind für Quereinsteiger nicht vorgesehen.

Jede Woche 50 Stunden Arbeit, trotz Teilzeit

Die Kandidaten besuchen außerdem in der Regel neun Stunden lang Seminare in der Woche. Sie müssen dieselben Prüfungen bestehen wie Referendare, die sich im Studium vorher schon jahrelang mit Pädagogik und Didaktik beschäftigt haben.

"Das ist alles extrem stressig", sagt Martin Lüneberg*, 33. Der studierte Kunsthistoriker lehrt seit drei Monaten an einer Grundschule in Kreuzberg. Er hat seinen Unterricht reduziert auf 15 Stunden und arbeitet trotzdem jede Woche etwa 50 Stunden, inklusive Vorbereitung.

Auch Anna Senger hatte vorher gehört, dass das volle Pensum kaum zu schaffen ist. Sie hat auf 13 Schulstunden reduziert, das erlaubte Minimum, und spricht trotzdem von einer "wahnsinnigen Belastung". Neben den regulären Stunden und den Seminaren muss sie mehrseitige Konzepte vorbereiten für die Unterrichtsstunden, die ihre Seminarleitung sechsmal im Halbjahr besucht und bewertet.

Erst nach und nach lernt Senger in den Seminaren oder von Kollegen, wie man Noten gibt oder wie man eine Klasse bändigt. "Es interessiert niemanden, was für unsere Ausbildung gut wäre", sagt sie. "Es geht nur darum, Lücken zu füllen."

Vor einigen Wochen hatte Senger für die Deutschstunde aufwendige Karten mit Kindergesichtern vorbereitet, die die Schüler nach Gefühlen sortieren sollten. "Das ging anfangs total in die Hose", erzählt Senger.

Damals wusste sie noch nicht, dass ihre Erst- und Zweitklässler montagmorgens nicht gut stillsitzen können. Von der sorgsam konzipierten Stunde blieb wenig hängen. "Ich finde erst nach und nach heraus, was bei den Schülern ankommt", sagt sie.

Ihre Nachbarin, ebenfalls im berufsbegleitenden Referendariat, musste vom ersten Schultag an eine Klassenleitung übernehmen. Sie habe weder den Schülern noch den Eltern gesagt, dass sie darin gar keine Erfahrung hatte. Der Job sei auch so schon kompliziert genug.

"Die pädagogische Ausbildung kommt zu kurz"

Martin Lüneberg ist froh, dass er wenigstens keine Probleme mit seinen Kollegen hat. Andere Seminarteilnehmer berichteten davon, dass gestandene Lehrer an ihrer Schule ihnen mit Misstrauen oder Feindseligkeit begegneten. "Viele fühlen sich betrogen, weil sie selbst jahrelang studiert haben und Quereinsteiger nun denselben Job machen."

Die Gewerkschaft ist besorgt, dass darunter das Unterrichtsniveau an Berliner Schulen leidet. "Die Quereinsteiger bringen viele notwendige Qualitäten mit", sagt GEW-Sprecher Markus Hanisch. "Aber die pädagogische Ausbildung kommt zu kurz."

Im Bildungssenat teilt man diese Bedenken nicht. "Die meisten Quereinsteiger haben schon pädagogische Erfahrung", sagt Sprecherin Beate Stoffers. Die Schulen bekämen pro Quereinsteiger außerdem zwei Betreuungsstunden pro Woche. "Die Ausbildung ist anstrengend, keine Frage", sagt sie. Doch dafür würden Quereinsteiger auch von Beginn an wie voll ausgebildete Lehrkräfte bezahlt.

Wie viel Geld Seiteneinsteiger bekommen, hängt von der Schulform, ihrem Hochschulabschluss und ihrer Berufserfahrung ab. Mit seinen reduzierten Schulstunden bekommt Lüneberg an der Grundschule 1600 Euro netto im Monat, Senger erhält 1400 Euro netto.

Der Bildungssenat verweist darauf, dass nur wenige Quereinsteiger die Ausbildung abbrechen. Gleichwohl tragen sich einige mit dem Gedanken. Er denke ständig darüber nach aufzuhören, sagt Lüneberg, obwohl er bereits mehrjährige Erfahrung als Dozent und Theaterpädagoge habe. "Selbst dann ist der Seiteneinstieg hart."

*Namen der Quereinsteiger geändert

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insgesamt 163 Beiträge
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Seite 1
Phil2302 03.01.2017
1. Sicht eines Lehrers
Also, zunächst einmal muss sich Berlin nicht wundern, dass dort kein Lehrer hin möchte. Wer keine Lehrer verbeamtet ist selbst Schuld. Dann weiter: Quereinsteiger sind nicht per se schlechtere Lehrer, ich habe auch noch nie mitbekommen, dass sie schief angeguckt werden. Ich kenne solche und solche - das ist bei normalen Lehrern aber auch der Fall. Einzig die fehlende Hospitation macht das Leben sicher schwer, das ist aber auf das seltsame Referendariat zurückzuführen, nicht auf den Bildungshintergrund der Quereinsteiger. Ich glaube, das Didaktik- und Pädagogikstudium wird etwas zu hoch gehangen. Das Pädagogikstudium war totaler Quatsch, irgendwelche pädagogischen Theorien, und dabei rede ich nicht einmal von Lehr- und Lerntheorien. In der Didaktik gab es einen Einblick in die Fächer, das war sinnvoller, ja, aber 90 % meines Wissens kommt aus dem Referendariat, und da wiederum ein Großteil aus dem learning by doing Prinzip in der Praxis. Bücher oder Seminar können die Planung des Unterrichts verbessern, aber die Kunst des Umsetzens solch eines Plans bedarf eines gewissen Talents, welches von Quereinsteigern genauso mitgebracht werden muss wie von normalen Lehrern. Ist ja nicht so, als hätte ich, als ich das erste Mal Klassenlehrer wurde, irgendetwas im Studium gelernt, was mich auf die Tätigkeit vorbereitet. Bitte hängen sie das Studium nicht so hoch, da geht es in erster Linie um eine fachliche Ausbildung. Und jeder Physiker mit Diplom, Master oder selbst Bachelor (was nicht ausreicht zum Unterrichten) kann im Schlaf einen Mathe-Leistungskurs unterrichten.
ge1234 03.01.2017
2. Na klar,...
.... Berlin, wo auch sonst sind so dermaßen viele Dilettanten unterwegs wie in der Hauptstadt! Und die Zeche wieder mal schön von den anderen Bundesländern bezahlen lassen!
kleinsteminderheit 03.01.2017
3. Wiedergeburt der Mikätzchen
In den 60er Jahren stand NRW vor einem ähnlichen Problem und der Kultusminister Mikat legte ein Programm für Seiteneinsteiger auf. Voraussetzung war damals das Abitur. Etwa 1500 Seiteneinsteiger lehrten dann vorwiegend in Hauptschulen. Einige verschlug es bis in die Gymnasien. Hatte selber zwei solche Lehrer. Es waren bei weitem nicht die schlechtesten. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn verstärkt Lehrer mit Erfahrung aus anderen Berufen in den Schuldienst gehen. Wenn Lehrer in ihrem Leben nur Kindergarten, Schule, Uni und dann wieder Schule sehen, entstehen bisweilen, trotz pädagogischer Ausbildung, sehr eigenartige Menschen. Wer z.B. In Betrieben Lehrlinge ausbildet muss dafür auch Kurse besuchen und könnte bisweilen einen guten Lehrer angeben.
loncaros 03.01.2017
4.
Das Beste bei Lehrern ist es, wenn sie den Schülern erklären wollen, wie es nachher im Berufsleben so läuft. Bei exakt null Jahren Berufserfahrung. Quereinsteiger wären da eine mehr als willkommene Bereicherung.
muadib123 03.01.2017
5.
Ich möchte an diverse SPON-Artikel erinnern in welchen Lehrer genau hierzu schrieben, dass das Studium eben nicht auf die pädagogischen Herausforderung eingeht. Das bekomme ich auch aus meinem 'lehrerverseuchten' Freundeskreis (vornehmenlich Hauptschule und Gymnasium, Bayern) gespiegelt. Sicher, das Referantariat ist zumindest der erste praktische Teil der Ausbildung. Dort wird aber bei vorbereiteten Stunden eher der Formalismus denn der Umgang bewertet. Es ist den Prüfern also viel wichtiger dass das Konzept der Stunde schlüssig klingt als das der angehende Lehrer darlegt, warum er wie auf welche Schülergruppe oder welchen Schüler eingehen wird. Einfach so, von 0 auf 100 auf eine Klasse losgelassen ( oder ihr zum Fraß vorgeworfen ;-) werden ist bestimmt nicht das beste Konzept, der Mensch wächst jedoch bekanntlich an seinen Herausforderungen. Und das Kollegen sich jetzt unter Wert fühlen, nun als anstrengendes Studium ist Lehramt bisher auch nicht gerade bekannt gewesen...
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