Schummelnde Professoren Die hohe Kunst des Abschreibens

Als der Deutsche Hochschulverband letzte Woche forderte, Plagiate von Studenten konsequent zu enttarnen, ging Thomas R. der Hut hoch. Der Heidelberger Physiker wirft seinem Diplombetreuer vor, Ergebnisse abgekupfert zu haben. Der Professor als Datenmelker, "Ehrenautor" oder dreister Dieb - durchaus verbreitet in der Wissenschaft.


Physiker: Hoher Publikationsdruck
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Physiker: Hoher Publikationsdruck

Neutrinos gelten seit geraumer Zeit als richtig heißes Thema in der Physik. Und als Thomas R. 1994 seine Diplomarbeit an der Universität Heidelberg schrieb, hatte er das Gefühl, ganz vorne mit dabei zu sein: Es ging um die Massebestimmung jener Mini-Teilchen, die durchs Weltall flitzen und sogar feste Materie scheinbar spurlos durchdringen können. Der Jungphysiker entwickelte vor acht Jahren ein Testverfahren, das mit vier Trennkriterien die Messergebnisse der zur Neutrino-Jagd eingesetzten Germanium-Detektoren filtert und verbessert.

Die Ergebnisse waren offenbar so eindrucksvoll, dass auch der Betreuer der Diplomarbeit, ein Professor am Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik, Gefallen daran fand. Der Forscher habe nämlich, behauptet Thomas R., Teile seiner damaligen Ergebnisse aus der Diplomarbeit genommen und 1998 als eigenes Patent angemeldet. Hinzu kamen hochkarätige Fachveröffentlichungen, die zwar aus der Arbeitsgruppe des Kernphysikers stammten, in denen der Ideengeber Thomas R. aber gar nicht oder nur noch am Rande erwähnt wurde.

Mit fremden Federn geschmückt

Der Physiker schaltete daraufhin die Universität Heidelberg ein, "damit meine Urheberschaft an diesen Ideen klar gestellt wird". Außerdem, so fordert der 34-Jährige, solle das Patent zurückgenommen werden.

Arbeit im Labor: Schnell und viel publizieren ist der Schlüssel zur Uni-Karriere
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Doch obwohl Thomas R. schon im Mai Kontakt zur Uni aufgenommen hatte, ist der beschuldigte Kernphysiker - Professor am Max-Planck-Institut und zugleich außerplanmäßiger Professor an der Universität - offiziell bisher noch nicht einmal informiert worden. Nun werde eine Untersuchungskommission zusammengestellt, um sich mit dem Fall zu beschäftigen, heißt es an der Uni Heidelberg.

Dass nicht nur Studenten bei Seminar- und Examensarbeiten schummeln, sondern auch manche Professoren sich gern mit fremden Federn schmücken, hat im deutschen Wissenschaftsbetrieb fast schon Tradition. Durch einen spektakulären wissenschaftlichen Fälschungs- und Plagiatsfall in Ulm wurde 1997 der Begriff "Ehren-Autorenschaft" bekannt: Institutsleiter und Professoren lassen sich automatisch auf jeder Veröffentlichung ihrer Untergebenen als Ko-Autoren nennen. Das verlängert die eigene Publikationsliste und verschafft andererseits dem unbekannten Doktoranden ein gewisses Renommee.

Scheinheiligkeit, dein Name ist Wissenschaft

Nur: Sauber ist dieses Vorgehen nicht. Als nämlich in Ulm und später auch in Freiburg gefälschte Daten in wissenschaftlichen Publikationen entdeckt wurden, gingen etliche als Verfasser genannte Forscher schnell auf Distanz: Sie seien doch nur Ehrenautoren gewesen und wüssten eigentlich gar nicht so genau, was denn da in den Papieren drin stehe, die unter ihrem Namen publiziert würden, hieß es scheinheilig.

Nachdem einige Trickser aufflogen, hat sich 1998 auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit dem Problem auseinander gesetzt und Empfehlungen für eine "gute wissenschaftliche Praxis" verabschiedet. "Autorinnen und Autoren wissenschaftlicher Veröffentlichungen tragen die Verantwortung für deren Inhalt stets gemeinsam. Eine so genannte 'Ehrenautorschaft' ist ausgeschlossen", heißt es darin. Für die Autorennennung sei ein "eigener kreativer Beitrag" nötig, konkretisiert der DFG-Ombudsmann.

Dennoch steht es offenbar nicht zum Besten um den akademischen Anstand an deutschen Universitäten. Der Frankfurter Professor Winfried Banzer zum Beispiel hatte bei einem Aufsatz über "Sportliche Aktivität und physische Gesundheit" die wirklichen Autoren wichtiger Textpassagen unterschlagen und unter eigenem Namen veröffentlicht. Daraufhin rügte eine "Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten" der Hochschule den "ungerechtfertigten Umgang mit fremdem wissenschaftlichen Eigentum".

Auch zwei Freiburger Sportstudenten erlebten eine böse Überraschung, als sie eine Seminararbeit veröffentlichen und ihren Dozenten um Rat fragen wollten - der hatte das Werk bereits selbst, nahezu Wort für Wort, unter seinem eigenen Namen publiziert.

Der Schreibsklave hält besser den Mund

Bekannt werden solche Fälle nur, wenn sich die betrogenen Studenten, Doktoranden oder Assistenten wehren. Doch vielen verschließt das starke Hierarchiegefälle, ihre berufliche und finanzielle Abhängigkeit den Mund. "Mach dir keine Feinde", lautet ein wichtiges Prinzip für die akademische Karriere. Das bedeutet: sich fügen und die Klappe halten, bis dem hoffnungsfrohen Jungforscher selbst der Sprung in den akademischen Olymp gelingt - nach vielen Jahren als billiger und williger Ghostwriter.

Doktoranden: Renitenz wird bestraft
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Solange das akademische Fußvolk in einer Form moderner Leibeigenschaft verharrt, fliegt das Klauen, Tricksen und Datenmelken selten auf. Fleiß und Wohlverhalten zahlen sich schließlich aus: Der eine leistet ganze Arbeit, der andere heimst den Ruhm ein - und vielleicht fällt für den Mitarbeiter ein wenig davon ab.

Um Anerkennung in den wichtigen Expertenzirkeln zu ernten, werden Professoren vielfach zu Platzhirschen, die ihr Revier verteidigen. Sie brauchen möglichst lange Publikationslisten und einen hohen "Impact Factor", die Zitierhäufigkeit. Im irrwitzigen Wettlauf um Forschungsgelder spucken sie Bücher und Fachaufsätze aus wie am Fließband. Denn "publish or perish" lautet traditionell das Grundgesetz der Wissenschaft - "veröffentliche oder verrecke". Und oft ist es reiner Zufall, wenn Plagiate überhaupt entdeckt werden.

Plagiat aus Rache

Über ein merkwürdiges Verhältnis ihres Professors zur Autoren- und Urheberschaft wunderte sich auch Ilse Englmaier. Die Münchner Biologin hatte ihre Diplomarbeit am physiologischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München geschrieben: "Als ich nach einem Jahr durchgehender Arbeit meinen vertraglich vereinbarten Urlaub antreten wollte, drohte mir mein Betreuer mit einer schlechteren Benotung der Diplomarbeit" - angeblich habe die junge Biologin gezeigt, dass sie an einer Universitätskarriere nicht interessiert sei.

Zwei externe Gutachter korrigierten jedoch die schlechte Note auf "sehr gut" - und Ilse Englmaier entdeckte ein Jahr später ihre Diplomarbeit im "European Journal of Physiology". Als Autor genannt: ihr damaliger Betreuer. "Mindestens drei Viertel aller Daten, Fakten und Abbildungen waren meiner Arbeit entnommen, ich wurde aber nicht als Autorin genannt", erinnert sich Englmair.

Ihr Professor hatte sich statt dessen mit einem klein gedruckten Dank wegen der "Teilnahme an einigen Experimenten" begnügt. Zur Rede gestellt, räumte er ein, "dass er von der geänderten Benotung erfahren hatte und sich auf diese Weise rächen wollte", erzählt die Biologin. Doch ihr Fazit trotz des nachgewiesenen Plagiats fällt bitter aus: "Unternehmen konnte ich gegen die Veröffentlichung nichts mehr."

Von Timo Schulte


Buchtipp

Marco Finetti/Armin Himmelrath: Der Sündenfall - Betrug und Fälschung in der deutschen Wissenschaft. Raabe-Verlag, 1999.



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