Medizinstudenten als Dr.House Wir finden raus, was Ihnen fehlt

Diagnose? Unklar. Wer an einer seltenen Krankheit leidet, läuft von Arzt zu Arzt und weiß dann doch nicht, was ihm fehlt. Experten und Patienten raten: Mediziner müssen besser zusammenarbeiten - und Studenten als Gesundheitsfahnder einsetzen.

RTL

Juliane Pfeffel ist 23 Jahre alt. Fast ebenso lange, wie die Frankfurter Medizinstudentin lebt, leidet ein Mann aus Mittelhessen an einer rätselhaften Krankheit. Inzwischen kann der ehemalige Leistungssportler nur noch mit Rollator laufen. Die angehende Ärztin arbeitet am Frankfurter Referenzzentrum für Seltene Erkrankungen. Ihr Job: medizinische Detektivarbeit.

Dass eine Studentin lösen soll, woran Fachärzte scheitern, gehört zum Konzept dieser Einrichtung. Die Studenten haben noch keine Fachbrille auf, sind offen, unvoreingenommen, "sie legen die Patienten nicht gleich auf ein Fachgebiet oder ein Organsystem fest. Das ist von unschätzbarem Wert", sagt Thomas Wagner, der Leiter der Einrichtung. Und sie seien extrem motiviert. (Hier geht es zum Interview.)

Seit 2011 gibt es am Frankfurter Universitätsklinikum eine Sprechstunde für Patienten mit unbekannter Diagnose. Die Menschen, die sich hier hinwenden, haben meist eine Odyssee von Spezialist zu Spezialist hinter sich. "Bei einem Mann wurden zehn Kernspin-Aufnahmen des Kopfes gemacht", schüttelt Wagner den Kopf. Im Referenzzentrum geht man anders vor: keine neuen Untersuchungen, sondern sichten, was da ist - und zwar gründlich. Meist kommen die Patienten nicht mal persönlich nach Frankfurt.

Jede neue Akte sei "wie ein Überraschungsei", sagt Pfeffel. Manchmal sieht sie handgeschriebene Fieberkurven oder liest rührende Leidensgeschichten in Schönschrift auf Karopapier. Sie ordnet die Dokumente, schaut Befunde und Bilder, Aufzeichnungen und Arztbriefe an. Dann wälzt sie Fachbücher, nutzt Diagnosesuchmaschinen, liest Fachjournale, befragt Professoren. "Unser Motto lautet: Alles ist wichtig", sagt die Studentin im siebten Semester.

Patienten gelten schnell als Hypochonder

Nach und nach schließt sie eine Diagnose nach der anderen aus. Am Ende schreibt sie einen Bericht, den sie in der wöchentlichen Teamsitzung vorstellt. Bei dem Patienten aus Mittelhessen kam sie auf eine extrem seltene Erbkrankheit, die bisher nur in Skandinavien nachgewiesen wurde. Sie erkundigte sich, ob er dort Verwandte habe und schlug einen Gentest vor. Noch ist die Akte nicht geschlossen.

Andere Fälle sind glücklich gelöst, zum Beispiel der eines Mannes, der zehn Jahre lang periodisch Fieberschübe, Gelenkschmerzen und schweren Husten hatte. Immer wenn er beim Arzt war, war alles gut, sie hielten ihn für einen Hypochonder. Beim akribischen Aktenstudium fiel der Mitarbeiterin etwas auf, was allen entgangen war: der Beruf. Der Mann war Schlosser und arbeitete ohne Mundschutz mit beschichteten Blechen. Er war allergisch gegen verdampftes Zink.

So etwas ist allerdings selten. Nur in vier Prozent der Fälle wird eine neue seltene Krankheit entdeckt. Am häufigsten ist am Ende die Krankheit zwar bekannt - leider aber nicht therapierbar. Die häufigste Diagnose heißt "Polyneuropathie", eine Nervenerkrankung, die Betroffene als "Mir tut alles weh" beschreiben. Auch wenn keine Heilung in Sicht ist, geht es den Patienten besser, sagt Wagner: Die Rennerei von Arzt zu Arzt hat ein Ende. "Sie haben eine Diagnose."

Zentren für unerkannte Krankheiten gibt es an vielen großen Krankenhäusern und Uni-Kliniken. Mit der intensiven Einbindung der Studenten sei Frankfurt allerdings Vorreiter gewesen, sagt das Nationale Aktionsbündnis für Menschen mit Seltenen Erkrankungen (Namse). Inzwischen gebe es Nachahmer, zum Beispiel in Bonn und Ulm, heißt es bei der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (Achse).

Christine Mundlos, Ansprechpartnerin für Mediziner bei der Achse, findet es "eine hervorragende Idee", Studenten einzubinden. Nicht nur deren "freier Blick" sei hilfreich. Sie lernten bei dieser Arbeit auch viel für ihren späteren Berufsalltag: "Welche besseren Multiplikatoren für die Zukunft können wir uns wünschen?"

Rund 20 Stunden pro Woche investiert Pfeffel pro Woche in Telefondienst, Recherche oder die wöchentliche Diskussionsrunde. Geld hat sie dafür bisher nicht bekommen. Gerade aber hat die Robert-Bosch-Stiftung 242.000 Euro zur Verfügung gestellt. Damit wird bis 2016 die Arbeit der Studenten zumindest als Hilfskraft-Job honoriert. Rund ein Dutzend junge Menschen gehören aktuell zum Team, gemeinsam bearbeiten sie pro Jahr knapp 200 Fälle.

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
derweise 04.03.2014
1. Eine Ärzte - Fahndungs - Hotline
Zitat von sysopRTLDiagnose? Unklar. Wer an einer seltenen Krankheit leidet, läuft von Arzt zu Arzt und weiß dann doch nicht, was ihm fehlt. Experten und Patienten raten: Mediziner müssen besser zusammenarbeiten - und Studenten als Gesundheitsfahnder einsetzen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/seltene-krankheiten-medizinstudenten-fahnden-nach-diagnose-a-955944.html
müsste es schon längst geben: erschütternd der Fall der Knopfschen Kinderklinik in Nürnberg im Spiegel: Ärzte sollen sich informieren, wenn sie nicht weiterwissen!
ijf 04.03.2014
2. @derweise
Wer sein Kind oder andere angehörige in die cnopfsche oder die damit verbundene hallerwiese bringt, glaubt auch noch an die Halbgötter in weiß! Ich habe mit meinem Sohn schon vor 30 Jahren eine großen bogen um diese hochgelobte Klinik gemacht. In einer Sache sind beide Kliniken seit Jahrzehnten spitze: selfmarketing... an hervorragenden Leistungen kann der "gute" ruf nicht liegen - schon vor Jahrzehnten hörte ich berichte und sah behandlungsfolgen, die mich mit meinem Sohn schnell in Richtung übel beleumundeten Städt. Klinikum laufen ließ - wo ihm kompetent geholfen wurde.
mac4ever2 04.03.2014
3. Privatpatienten...
...als die nach ökonomischem Verwertbarkeitsmantra "wertvolleren" Patienten haben da immer noch Vorteile gegenüber Kassenpatienten. Als Kassenpatient kann man nur hoffen, nicht mit einer seltenen Krankheit geschlagen zu sein.
chalchiuhtlicue 05.03.2014
4. optional
Zitat von mac4ever2...als die nach ökonomischem Verwertbarkeitsmantra "wertvolleren" Patienten haben da immer noch Vorteile gegenüber Kassenpatienten. Als Kassenpatient kann man nur hoffen, nicht mit einer seltenen Krankheit geschlagen zu sein.
Das kann man so nicht sagen. Ich habe oft genug erlebt, dass Privatpatienten überdiagnostiziert und übertherapiert wurden, nicht weil es dem "Prof. Dr. Dr." um Geld ging, sondern weil akademisches Denken bis zum Exzess durchpraktiziert wurde und seltenste Erkrankungen vermutet wurden, wo einfach keine waren. Und dann werden Privatpatienten auch intensiv diagnostiziert und therapiert, weil man damit Geld machen will, das kann man auch nicht bestreiten. Selbst mir als Arzt wollte schon einmal ein Chirurg mit "Prof. Dr.med." vorm Namen Krampfadern am Bein strippen, die noch nicht einmal vorhanden sind. Sie werden zweifelsfrei in den nächsten Jahren kommen, aber für eine chirurgische Therapie wird es noch eine ganze Weile keinen Anlass geben. -------- Noch eine Anmerkung zur Serie "House": Zweifelsfrei recht unterhaltsam, aber medizinisch gesehen sehr fragwürdig. Da kommen Patienten ohne Voruntersuchungen mit einem interessanten Problem ins Krankenhaus und sofort werden - ohne richtige Indikation - invasive Untersuchungen gemacht (Organpunktionen, explorative Laparotomien etc.) bevor das Spektrum der nicht-invasiven Diagnostik auch nur annähernd ausgereizt ist.
renee gelduin 05.03.2014
5.
Zitat von mac4ever2...als die nach ökonomischem Verwertbarkeitsmantra "wertvolleren" Patienten haben da immer noch Vorteile gegenüber Kassenpatienten. Als Kassenpatient kann man nur hoffen, nicht mit einer seltenen Krankheit geschlagen zu sein.
1.) Es steht Ihnen frei zu wechseln. 2.) Wollen Sie nicht ernsthaft jemandem eine Kosten-Nutzen-Abwägung vorwerfen, oder ?
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