SPIEGEL-ONLINE-Leser zum "Märchen vom Azubi-Mangel" "Bewerbern fehlen elementare Grundkenntnisse"

Die offiziellen Zahlen zum Ausbildungsmarkt verschleiern die Wirklichkeit, kritisierte der DGB bei SPIEGEL ONLINE. Darauf meldeten sich zahlreiche Leser mit eigenen Erfahrungen, deutlicher Zustimmung oder scharfer Kritik.

Auszubildender in einer Werkstatt in Erfurt (Symbolbild)
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Auszubildender in einer Werkstatt in Erfurt (Symbolbild)


Wie ist das denn nun: Gibt es zu wenige Lehrstellen oder zu wenige Bewerber? Immer wieder klagen Betriebe, dass sie "händeringend" nach Auszubildenden suchen, und die Statistik der Bundesagentur für Arbeit belegt das.

Doch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) glaubt das nicht: In einer eigenen Untersuchung legt er dar, dass viel mehr junge Menschen eben keinen Ausbildungsplatz bekommen - nur tauchen sie nicht in der Statistik auf, weil sie in anderen Maßnahmen geparkt werden.

Zu dem Thema erreichten SPIEGEL ONLINE zahlreiche Leserbriefe, die diese Erklärung bestätigen, ergänzen, oder aus anderer Erfahrung heraus kritisieren.

"Täglich saßen mir verzweifelte Schulabgänger gegenüber"

Eine Leserin, die jahrelang Jugendliche bei der Studien- und Berufswahl betreut hat, sieht mit der DGB-Analyse ihre Beobachtungen bestätigt: "Viele Jahre habe ich Schulabgänger aller Schularten zur Berufs- und Studienwahl beraten und an der Schnittstelle von Ausbildungsfirmen und Azubis gearbeitet.

Täglich saßen mir verzweifelte Schulabgänger gegenüber, die trotz entsprechender Qualifikation und guter Unterlagen keine Ausbildungsstellen bekamen. Häufig bekamen diese Absolventen auch im Folgejahr keine Ausbildungsstellen und bleiben so wohl im sozialen Raster hängen."

Ein anderer Leser ergänzt: "Gerade in den technischen Ausbildungsberufen in Industriebetrieben übersteigt die Anzahl der Bewerber die Zahl der Ausbildungsplätze sicherlich um das 40-Fache. Selbst Realschüler mit erweitertem Realschulabschluss haben Mühe, einen Ausbildungsplatz zum Beispiel für Industriemechanik oder Mechatronik in der Industrie zu finden, selbst in einem Ballungsraum wie Hannover.

Auch Großunternehmen werden so mit Bewerbungen überschwemmt, dass sie nach Onlinetest und anschließend bis zu zwei Bewerbertagen und persönlichen Gesprächen Absagen nur als SMS versenden oder sich gar nicht mehr melden. Ein Großteil der Schüler wendet sich natürlich nie an das Arbeitsamt. Wer keinen Platz findet, taucht in der Warteschleife der schulischen Berufsbildung unter, wo nahezu komplette Jahrgänge weggeparkt werden."

DGB-Kritiker: Azubi-Mangel ist eben "kein Märchen"

Tatsächlich scheint ein großes Problem darin zu bestehen, dass die Erwartungen der Betriebe und die Kenntnisse der Bewerber schlecht zusammenpassen. Denn selbst Leser, die den DGB deutlich kritisieren, finden, dass viele Schüler für die Ausbildung nicht geeignet sind.

"Der größte Teil derer, die erfolglos einen Ausbildungsplatz suchen, hat nicht einmal elementare Grundkenntnisse in der Mathematik und Physik. Die Voraussetzungen sind aber durch die technische Entwicklung etwa in der Elektro- und Heizungstechnik erheblich anspruchsvoller geworden. Deshalb können viele Ausbildungsplätze, insbesondere im Handwerk, nicht mehr besetzt werden."

Für einen anderen DGB-Kritiker liegen diese Gründe auf der Hand: "Einem Lehrstellensuchenden, der über die Arbeitsagentur vermittelt wird, mangelt es entweder an Initiative, sich um sich selbst zu kümmern, er hat schlechte Schulnoten oder einen Lebenslauf, der nicht vorzeigbar ist. Da ist vielen Betrieben das Risiko des Scheiterns oder des Abbruchs zu hoch."

Der Leser ist sicher: "Der Azubi-Mangel ist sicher noch größer als von den Arbeitsagenturen vermutet". Anders, als der DGB behauptet, sei es eben "kein Märchen, dass im Handwerk und in der Industrie händeringend Azubis gesucht werden".

Unternehmer: Es gibt kaum noch Bewerbungen von Schulabgängern

Ein Leser, der die Lage ebenfalls ganz anders als der DGB beurteilt, ist Ingolf F. Brauner - der nicht nur selbst Unternehmer ist, sondern auch Präsident der Vereinigung der selbstständigen und mittelständischen Unternehmen in Bayern:

"Allein ein Blick auf die Demografie zeigt, dass immer weniger Jugendliche der Wirtschaft zur Verfügung stehen und sich dieser Trend in den nächsten Jahren weiter verstärken wird." Mittelständische Betriebe bekämen "kaum noch Bewerbungen von Schulabgängern", was vor allem Branchen wie Bau oder Gastronomie hart treffe.

Wie sehr sich die Betriebe bemühten, schlage sich in steigenden Ausbildungsvergütungen nieder. In Regionen mit besonders wenigen Azubis biete man sogar Sonderleistungen wie Firmenfahrzeuge für die Lehrlinge an.

mamk/fok



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