Spielregeln im Job Die Wirtschaftskrise als Karrierechance

In Duldungsstarre verharren, bis die Krise vorbei ist und das Unternehmen wieder in Fahrt kommt - eine grundfalsche Strategie, meint Martin Wehrle. In einer Serie räumt der Job-Coach auf mit populären Karriere-Irrtümern. Im ersten Teil: warum Zurückhaltung nicht belohnt wird.


"Wie wollen Sie die Wirtschaftskrise für Ihre Karriere nutzen?", frage ich im Coaching den Ingenieur Peter Schmidt, 37. Er starrt mich an, als hätte ich den Verstand verloren: "Nutzen? Sie sind lustig, Mann! Ich sehe das eher wie einen Winterschlaf: Man hält still, wenn das Klima schlecht ist. Und man rührt sich wieder, wenn es taut."

Diese Strategie verfolgen im Moment viele Arbeitnehmer: Sie gestalten ihre Karriere nicht, sie halten sich nur noch an ihrem Stuhl fest. Verschicken keine Bewerbungen mehr, schlucken Gehaltsforderungen herunter, schieben Beförderungswünsche auf. Wie Kinder aufs Christkind warten, so warten sie auf den Tag X - auf das Ende der Wirtschaftskrise. Als würde ihre Zurückhaltung dann durch ein Karrieregeschenk mit roter Schleife belohnt.

Sie werden mit leeren Händen erwachen.

Denn beides ist übertrieben: die Furcht, in der Krise stecke der Karrierekarren fest, und die Hoffnung, danach komme er wie von allein in Bewegung. Im Job gilt dasselbe wie an der Börse: Die Erfolgreichen sind mutig, wenn die anderen feige sind. Und sie sind feige, wenn die anderen mutig sind.

Was passiert am Ende der Krise? Dann kriechen die Mitarbeiter aus allen Ritzen der Firma, wuseln aufs Büro des Chefs zu und bombardieren ihn mit Forderungen. Partystimmung! Doch weil so viele Hände nach dem Etat- und Beförderungskuchen greifen, bleiben für den Einzelnen nur kleine Stückchen.

Wer etwas will, kommt immer zur falschen Zeit

Wenn überhaupt. Denn wie war das noch beim letzten Aufschwung, als der Absturz der New Economy überwunden war und die Firmen bis zum Hals in Rekordgewinnen standen? Die Reallöhne traten jahrelang auf der Stelle; die Party fand ohne die Mitarbeiter statt. Die Argumentation der Chefs war taktlos, aber nicht ohne Taktik: "Die Firma muss sich erst von der Krise erholen", schwindelten sie so lange, bis die jetzige Krise dämmerte und ihnen neue Abwehrargumente in die Hände spielte.

Die Erfahrung lehrt: Wer von seinem Chef etwas will, ob mehr Gehalt oder eine Beförderung, kommt immer zur falschen Zeit. Mit einem wichtigen Unterschied: Jetzt, am Beginn der Krise, gibt es noch einen stattlichen Kuchen (denn die meisten Etats und Planstellen für Beförderungen wurden vor der Wirtschaftskrise festgelegt) - aber es gibt kaum Hände, die danach greifen. Den meisten Mitarbeitern fehlt der Mut, in die Offensive zu gehen. Wer es dennoch wagt, wird oft belohnt.

Wann steht und fällt die Firma mit ihren Leistungsträgern? Nicht wenn ihr Schiff durch ruhige Gewässer segelt. Sondern wenn der Sturm der Wirtschaftskrise daran rüttelt. Die einen Firmen gehen in der Krise unter, die anderen gestärkt aus ihr hervor. Viele Chefs tun alles, um die besten Leute jetzt an Bord zu halten. Gefördert wird, wer fordert. Die Krise kann den Weg auf die Kapitänsbrücke, in eine Führungsposition, sogar abkürzen.

Das Gras wachsen hören

Doch nicht jede Chance ist auf den ersten Blick zu erkennen. Was nach geschlossenen Türen klingt, zum Beispiel ein "Einstellungsstopp", kann Türen öffnen - für diejenigen, die schon an Bord sind. Wenn jetzt eine hoch dotierte Fach- oder Führungsposition frei wird, können die Chefs nicht, wie sonst üblich, auf Kandidaten von außerhalb zurückgreifen. Sie müssen den eigenen Nachwuchs in die Sessel heben.

Solche Top-Positionen werden nicht ausgeschrieben und besetzt, sie werden besetzt und ausgeschrieben. Der offizielle, interne Bewerbungsweg ist eine Farce. Wer in der Krise aufsteigen will, muss gut vernetzt sein und das Gras jeder (bald) freien Planstelle wachsen hören: Wer geht wann in Ruhestand? Wo reißt ein Wechsel eine Lücke? In welcher Abteilung werden, trotz oder wegen der Wirtschaftslage, neue Stellen entstehen? Die Tür öffnet sich nur einen Augenblick; Draufgänger sind gefragt.

Das gilt auch im Alltag. Die Krise bietet eine Bühne, auf der sich profilieren kann, wer beherzt handelt. Zwei Typen von Mitarbeitern gelten als Krisenspezialisten: solche, die der Firma zusätzliche Einnahmen bringen, die Kunden gewinnen, Märkte erschließen und lukrative Ideen entwickeln, auch für die Zeit nach der Krise. Also Macher. Und solche, die den Kostenapparat der Firma zügeln, die auf Lecks der Verschwendung hinweisen und sie stopfen. Also Sparer.

Raus aus dem Winterschlaf

Gar nicht so schwer, der Firma einen Gefallen zu tun. Niemand weiß besser als die Mitarbeiter, wo Geld versickert. Man stelle sich vor, alle Ausgaben der Firma würden dem eigenen Portemonnaie entnommen. Welche Arbeiten, die für viel Geld ausgelagert werden, ließen sich dann intern verrichten? Welche Arbeitsprozesse könnten schlanker und kostensparender gestaltet werden? Wo tut es noch die alte Maschine, obwohl eine neue geplant ist?

Wer in der Krise ein Paket mit Sparvorschlägen schnürt, hat nicht nur einen Ruf zu gewinnen, er kann auch materiell profitieren. Wenn er mit der einen Hand der Firma zusätzliches Geld überreicht, darf er mit der anderen Hand zusätzliche Vergütung fordern. Am besten als Leistungsprämie. Im Unterschied zum Bonus, der an den Firmengewinn gekoppelt ist, hängt die Prämie nur von der individuellen Leistung ab - als würde ein Mittelstürmer für jedes seiner Tore extra vergütet (die schießt er ganz allein), nicht nur für den Tabellenplatz seines Vereins (den kann auch die Abwehr vermasseln).

All das habe ich dem Ingenieur Peter Schmidt im Coaching erzählt. Am Ende sagte ich: "Kommen Sie raus aus Ihrer Winterstarre! Karriere passiert nicht von alleine, Karriere muss man 'machen'. Das funktioniert auch in der Krise - aber niemals im Schlaf."

In den nächsten zwei Wochen erklärt Martin Wehrle auf SPIEGEL ONLINE die heimlichen Spielregeln im Job - wie man Fettnäpfchen bei der Bewerbung vermeidet, im Unternehmen den Aufstieg schafft und clever um das Gehalt pokert.



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