Spitzen-Forschung Dem Himmel so nah

Schneestürme, arktische Bedingungen, Einsamkeit - aber was für ein Panorama! Hannes Vogelmann hat Deutschlands höchste Forscher-Stelle: Der Physiker arbeitet und lebt auf der Zugspitze. Besuch bei einem Spitzenwissenschaftler mit besten Aussichten.

Von Max Hägler


Berufspendler: Der Arbeitsweg der Zugspitzen-Forscher ist ungewöhnlich
Andreas Feile

Berufspendler: Der Arbeitsweg der Zugspitzen-Forscher ist ungewöhnlich

Es gibt Tage und vor allem Nächte, in denen es furchtbar einsam ist hier oben. Wenn Sturm und Schnee draußen mit 150 Sachen über das Zugspitzplatt fegen, an den Türen und Abdeckungen des alten Hauses rütteln und Ablenkung fern ist. Für solche Momente hat Dr. Hannes Vogelmann vorgesorgt. Das Foto seiner beiden Kinder klebt an der sonst kargen Wand, Bert Brechts Gedichte liegen auf dem einen Tisch, ein Buch des Science-Fiction-Philosophen Stanislaw Lem auf dem anderen, und im ausrangierten Computerschrank hinter seinem Laser lagern ein paar Päckchen Zwiebelsuppe.

Es sind wohl die notwendigen Utensilien für einen Arbeitsplatz, der ein wenig anders ist als das Standard-Labor in einem Flachland-Institut. Physiker und Postdoc Vogelmann arbeitet 2650 Meter über Normalnull, im Schneefernerhaus auf der Zugspitze. 60 Jahre lang, seit der Eröffnung 1931, war das Gebäude ein Berghotel. Vor 15 Jahren wurde der Gastbetrieb eingestellt, die Leute fuhren lieber ganz hinauf zum Gipfel, als an diesem unwirtlichen Steilhang ihren Urlaub zu verbringen.

Unberechenbar teuer wäre jedoch auch der Abriss der Anlage gewesen – und so wurde das Schneefernerhaus nach einem 16 Millionen Mark teuren Umbau 1997 zu Deutschlands höchstgelegener Forschungsstation ernannt. Erst sechs Jahre später allerdings bezogen die ersten permanenten Forscher Quartier am Berg, Hannes Vogelmann war einer von ihnen. Der 36-Jährige arbeitet für das Institut für Meteorologie und Klimaforschung, das dem Forschungszentrum Karlsruhe angegliedert ist und hauptsächlich unten im Tal, in Garmisch, residiert.

Arbeitsplatz auf dem Gipfel

Seit 2003 sitzt Vogelmann ganz oben, im runden Turmbau. Mit Laserstrahlen erforscht er den Wasserdampfgehalt im Bereich der freien Tropossphäre, die hier am Rand der Alpen je nach Wetterlage bis in eine Höhe von acht bis zwölf Kilometer reicht und deren Untergrenze in etwa an seinem Labor beginnt. Sonnig ist es an diesem Novembertag, und noch ist nicht viel Schnee gefallen – gefahrlos kann Vogelmann aufs oberste Dach des stufenförmig angelegten Gebäude-Ungetüms steigen.

Mitten in den 45 Grad steilen Fels ist es einst gebaut worden. Man muss den Kopf beugen, um den Zugspitzgipfel 300 Meter weiter oben zu sehen. "Viel zu exponiert nach heutigem Ermessen", sagt der Physiker, während er – mit Fleecepulli, Bergschuhen und blauer Bommelmütze – die halbkugelförmige Abdeckung untersucht, unter der sein Laser verborgen ist.

Selbst heute pfeift der Wind, oft muss Vogelmann mit seiner Schneefräse räumen. Es gibt auch Tage, an denen er gar nicht aufs Dach steigen darf. Das Lawinen-Unglück von 1965 ist eine Warnung: Eine riesige Lawine erschlug damals zehn Menschen. Seitdem schützen zwar aufwendige Lawinenverbauungen das Schneefernerhaus. Doch ein Risiko bleibt.

Unter seinem Labor im achten Stock haben sich mittlerweile Institutionen aus dem ganzen Bundesgebiet eingerichtet und betreiben ihre Forschungen. An diesem Novembertag allerdings ist der Physiker beinahe allein. Nur ein Techniker und ein Kollege vom Umweltbundesamt scheinen heute hier oben zu arbeiten.

Die Höhe hat ihre Tücken

Initiiert wurde das Projekt von dem Garmischer Wissenschaftler Thomas Trickl, der es bis heute fachlich begleitet. Hannes Vogelmann hat zunächst als Doktorand hier oben vier Jahre lang - "größtenteils als Einzelkämpfer" - gelötet, programmiert und geschraubt, um das weltweit einzigartige "Hochleistungslidar", eine Art Radar mit Licht, zum Laufen zu bringen. Vogelmann will als Langzeitmessung ein- bis zweimal pro Woche mit seinem 125 Millionen Watt starken und frequenzscharfen Titan-Saphir-Laser Lichtpulse in den Himmel schicken. 20-mal pro Sekunde, insgesamt 10.000-mal je Messung.

Das zurückgeworfene Licht wird schließlich wieder mit einem großen Teleskopspiegel aufgefangen. So entsteht nach jeweils knapp 20 Minuten ein Wasserdampf-Querschnitt des Himmels über der Zugspitze. "Der Wasserdampf ist das weitaus wichtigste Treibhausgas, und das Klima reagiert besonders empfindlich auf Änderungen der Wasserdampfkonzentration in großen Höhen", erklärt Vogelmann sein Experiment, das später aufwendige Messungen per Ballon oder Flugzeug ergänzen oder teilweise sogar ablösen soll.

Forschung auf Deutschlands Gipfel
Zahlen
Im Schneefernerhaus stehen 750 Quadratmeter Laborfläche zur Verfügung. Für Gäste und die Forscher gibt es 44 Betten sowie Duschgelegenheiten und eine Kantine (www.schneefernerhaus.de)
Finanzierung
Wenig Abstimmung, unklare Finanzierung und somit Probleme bei der Umsetzung des wissenschaftlichen Konzeptes: Die Kritik wurde in den letzten Jahren immer wieder laut. Erst seit Juli scheint die Umweltforschungsstation (UFS) auf eine Erfolgsspur gekommen zu sein. Ein "Konsortialvertrag" sichert Ausrichtung und Betrieb, Bayern zahlt jährlich 470.000 Euro, den Rest die Forschungseinrichtungen, die mit Nutzungspauschalen von pro Jahr insgesamt 350.000 Euro beitragen.>
Konsortialpartner
Forschungszentrum Karlsruhe, TU und LMU München, Umweltbundesamt und Deutscher Wetterdienst, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Freistaat Bayern. Dazu Firmen, die im UFS die Witterungsbeständigkeit von Solarpaneelen testen und im Labor die Wirkung dünner Luft auf den Menschen erforschen lassen.

Einfach sind die Messungen auf der Zugspitze nicht, die Höhe hat ihre Tücken. Der Luftdruck etwa ist hier oben 30 Prozent niedriger als im Garmischer Institut. Die Folge waren anfangs Hochspannungsüberschläge in der Kondensatorbatterie des 30-Kilovolt-Lasers. Eine Ölwanne hat Vogelmann schließlich gebastelt, um die Teile zu isolieren. "Es funktioniert halbwegs, aber jedes Mal, wenn ich an der Hochspannungstechnik rumbastle, bin ich mit Angst und Schrecken dabei – schließlich bin ich kein gelernter E-Techniker."

Manchmal tagelang ist er hier oben im achten Stock allein. "Da würde niemand so schnell bemerken, wenn etwas passiert, am ehesten vielleicht noch meine Frau und die zwei Kinder, die unten im Tal warten." Wer im Haus ist, weiß Vogelmann nie so genau. Bei der schieren Größe des Gebäudes mit insgesamt zehn Stockwerken, vielen Gängen und Treppenhäusern verliert man schnell den Überblick - und das Labor im Turm ist der abgelegenste Teil des Hauses.

Kraxeltour zur Hütte

Man kommt an mit der Seilbahn, trägt sich in die Anwesenheitsliste ein, die aus Sicherheitsgründen geführt wird. Nur die Techniker heizen ab und an mal in ihrem Kreis die hauseigene Sauna an. Von den Problemen, Sorgen und Erfolgen der Wissenschaft hier oben bekommen die Kollegen nur selten etwas mit. "Leider", meint Vogelmann, "denn eigentlich bin ich Teamspieler und gerne unter Leuten."

Trotzdem ist er glücklich mit seinem Arbeitsplatz auf der Zugspitze. Zum einen, weil die Luft ruhig und klar ist – perfekte Voraussetzungen für optische Klimaforschungen. Aber auch, weil Vogelmann selbst hier oben in seinem Element ist. Die tiefen Furchen in seinem Gesicht und das glückliche Glänzen seiner Augen beim Blick aus den Laborfenstern, hin zur Wildspitze, zum Großglockner und den Dolomiten, zeugen davon, dass Vogelmann oft draußen ist, in den Bergen.

DDP
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Im Winter schnallt er nach Betriebsschluss auf dem Gletscherskigebiet unterhalb des Hauses schon mal die Skier an und geht eine kleine Tour – und im Sommer kraxelt er abends manchmal die 300 Höhenmeter am steilen Fels hinauf zur Alpenvereinshütte, um unter Menschen zu sein und ein, zwei Halbe zu trinken.

Solche Abwechslung ist Vogelmann wichtig. Es gibt viele dunkle und einsame Tage hier oben, gerade dann, wenn alle Kollegen hinunter ins Tal gefahren sind und das alte Hotel zu eigenem Leben erwacht. Wenn tief drinnen im Haus der alte Schiffsdiesel gluckert, der als Notstromaggregat dient, wenn der Wind durch die verlassene unterirdischen Zahnradbahnstation ins Haus zieht und die holzgetäfelten Aufzugskabinen erzittern lässt.

Einmal, spätabends, erschreckte ihn der Streckgeher der Zahnradbahn fast zu Tode. Wie aus dem Nichts, erinnert sich Vogelmann, stand er plötzlich vor ihm. "Ich war felsenfest der Meinung, allein zu sein."



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