Star-Geigerin Julia Fischer Deutschlands jüngste Professorin

Was kann eine Geigerin noch erreichen, die mit 23 auf allen Konzertbühnen der Welt als Klassikstar gefeiert wird? Sie wird Professorin. Im Interview erzählt Ausnahmetalent Julia Fischer von ihrem neuen Job in Frankfurt und einem Leben auf der Überholspur.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade Ihre Stelle an der Frankfurter Musikhochschule angetreten und sind jetzt die jüngste Professorin Deutschlands. Wie haben Sie das geschafft?

Ausnahmetalent Julia Fischer: Als Wunderkind an der Geige studierte sie schon mit neun Jahren an der Münchner Musikhochschule und ist inzwischen gefeierter Star. Als Gastprofessorin für Violine in Frankfurt unterrichtet sie jetzt ausgewählte Schüler und gibt Workshops.
Franz Hamm

Ausnahmetalent Julia Fischer: Als Wunderkind an der Geige studierte sie schon mit neun Jahren an der Münchner Musikhochschule und ist inzwischen gefeierter Star. Als Gastprofessorin für Violine in Frankfurt unterrichtet sie jetzt ausgewählte Schüler und gibt Workshops.

Julia Fischer: Ich hatte nie das Karriereziel, Professorin zu werden. An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst habe ich im Januar einen Meisterkurs gegeben. Fünf Studenten wurden ausgewählt, mit denen habe ich jeweils eine Dreiviertelstunde gearbeitet. Der Kontakt zur Hochschule war dann einfach da. Und der Präsident Thomas Rietschel hatte auch schon signalisiert, dass er mich gern als Professorin hätte. Darüber freue ich mich natürlich, aber geplant war es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie häufig werden Sie unterrichten?

Fischer: Es sieht so aus, dass zwei Studenten alle zwei Wochen Einzelunterricht von mir bekommen. Das ist meine Hauptaufgabe an der Hochschule. Dann werde ich noch ein paar Meisterkurse betreuen, offen für Studenten und repertoirebezogen. Auch ein Kammermusik-Kurs wird dabei sein, den ich mit Kollegen der Hochschule und anderen Musikern gestalten werde. Der Dirigent Yakov Kreizberg, den ich sehr schätze, hat schon zugesagt, dass er ein Projekt mit mir machen wird. Mal sehen, was sich noch entwickelt. Ich stehe ja noch ganz am Anfang.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Kursen werden Studenten sein, die deutlich älter sind als Sie selbst. Haben Sie sich schon überlegt, wie Sie damit umgehen?

Fischer: Darüber habe ich nie nachgedacht. Im Unterricht geht es ja nicht um das Alter, sondern um die Musik. Jeder Student ist anders, hat ein bestimmtes Repertoire oder ein eigenes musikalisches Niveau - und darauf muss ich mich einstellen. Die beiden Studentinnen, die ich jetzt unterrichte, arbeiten sehr unterschiedlich. Der einen muss ich viel zeigen, die andere interessiert sich sehr für Details. Da kann ich vorher nicht planen, wie ich den Unterricht gestalte. Andere Lehrer sehen das zwar anders, aber mir geht es darum, die Studenten mit ihren Fähigkeiten kennen zu lernen. Das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer ist etwas ganz Besonderes, das habe ich selbst erfahren. Die Schüler müssen das Gefühl haben, dass der Lehrer eine gute Stütze ist. Und das muss langsam wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn ein bisschen nervös vor Ihrem neuen Job?

Fischer: Das war ich noch nie, weder als Kind noch als Erwachsene. Das einzige, was mich nervös macht, sind Dinge, die ich nicht beeinflussen kann - wenn mal ein Konzertpartner nicht genug geübt hat zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Gehen die Konzerte und Tourneen trotz der Professur weiter wie bisher?

Fischer: Ja, ich spiele im Jahr zwischen 80 und 90 Konzerte. Diese Zahl habe ich mir selbst mal vorgegeben - sonst wäre ich bei 150 oder mehr. Und mehr als 90 lasse ich nicht zu. Von den Konzerten sind ungefähr 20 bis 30 in Deutschland, noch mal so viele in den USA. Dazu kommen Auftritte in Europa, Asien oder Südamerika. Wenn sich das mal mit meinen Terminen an der Hochschule überschneidet, muss ich improvisieren - wenn ich auf Tour bin, kann ich ja nicht unterrichten. Dann weiche ich mal auf die Semesterferien aus, das funktioniert ganz gut.

SPIEGEL ONLINE: Befürchten Sie, dass ältere Kollegen Sie als Nesthäkchen wahrnehmen?

Fischer: Eigentlich nicht. Manche kenne ich ja schon, seit ich zehn Jahre alt war. Ich kann mir schon vorstellen, dass einige ältere Kollegen mir helfen wollen und sich für mich verantwortlich fühlen. Das ist ja auch gut so und gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, das man als Professorin haben muss. Ich bin dankbar für jeden Ratschlag, den ich bekomme.

SPIEGEL ONLINE: Für eine 23-Jährige haben Sie einen rasanten Lebensstil. Kommt Ihnen das selbst manchmal seltsam vor?

Fischer: Nein, ich kenne mein Leben ja nur so! Und ich kann von mir sagen, dass ich ganz normal aufgewachsen bin. Ich habe sehr früh die Musik kennen gelernt. Meine Mutter ist Pianistin, ich wollte unbedingt Klavier spielen lernen. Mit drei Jahren habe ich dann mit der Geige angefangen. Natürlich habe ich viel geübt, als ich 12 oder 13 war, vier Stunden am Tag bestimmt, später kamen noch die Konzerte dazu. Das hat mich vielleicht von anderen Jugendlichen unterschieden. Aber ich bin auch mal ins Kino gegangen oder nachmittags einkaufen. Besonders verrückt finde ich mein Leben nicht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn etwas, auf das Sie stolz sind?

Fischer: Ja, das gibt es tatsächlich: dass ich das Abitur geschafft habe. Manchmal lese ich in der Zeitung, dass ich etwas Besonderes bin. Ich empfinde das selbst gar nicht so. Es gibt Konzerte oder Interpretationen, die mir besonders im Gedächtnis bleiben, weil es mit dem Orchester und den Partnern gestimmt hat. Aber ich war nie stolz auf eine bestimmte Station in meiner Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Mit neun Jahren an der Musikhochschule, mit 23 Professorin - was wollen Sie überhaupt noch erreichen?

Fischer: Als Musikerin komme ich nie an ein Ende. Man sucht nach etwas, nach einer näheren Wahrheit, das ist schwer in Worte zu fassen. Und diese Suche ist nie abgeschlossen. Ich entwickle mich ständig weiter. Wie eine Reise, die nie zu Ende geht.

Das Interview führte Britta Mersch

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