Steile Karriere, made in Oxford Der Bachelor

Ein Studiengang mit Karrieregarantie: Der Bachelor Philosophy, Politics and Economics der Uni Oxford bringt erstaunlich viele Spitzenpolitiker hervor. Doch was sichert den Weg an die Macht - die knallharten Inhalte oder die exklusive Gesellschaft?

Großbritanniens Premier David Cameron: Er hat den PPE-Studiengang in Oxford absolviert - wie auch vier seiner Minister
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Großbritanniens Premier David Cameron: Er hat den PPE-Studiengang in Oxford absolviert - wie auch vier seiner Minister

Von Jakob Horstmann


Ein Studium in Cambridge oder Oxford ist gut für die Karriere, das ist in Großbritannien kein Geheimnis, auch in der Politik nicht. Fast zwei Drittel des aktuellen britischen Kabinetts waren in "Oxbridge", wie auch mehr als ein Drittel aller Abgeordneten im Parlament.

Doch von all den Elite-Abschlüssen, die sich in den Korridoren der Macht in und um Westminster tummeln, sticht einer besonders heraus: Der Oxford-Bachelor in Philosophy, Politics and Economics, kurz PPE, hat seit seiner Einführung in den 1920ern einen beinahe legendären Status als Brutstätte hochrangiger Politiker erworben.

Der derzeit prominenteste Absolvent ist Premierminister David Cameron, zwischen 1985 und 1988 legte er in Oxford die Grundlagen für seine Karriere. Aber auch vier seiner Minister sind Produkte des dreijährigen PPE-Studiums, genau wie Oppositionsführer Ed Miliband, der frühere Familienminister Ed Balls und viele mehr.

Ob die akademische Qualität des Kurses als Erklärung dafür genügt, dass so viele Absolventen in hohen politischen Ämtern landen, ist umstritten. Kritiker machen eher die hohe Privilegiendichte an der Elite-Uni Oxford für die Häufung verantwortlich - so wie der Fotograf, Blogger und Labour-Politiker Neil Schofield, selbst Absolvent des PPE-Studiums. Das Fach sei "ein Schlüssel zur politischen Malaise Großbritanniens", sagt Schofield, "PPE ist eine Erinnerung daran, dass es in Großbritannien immer noch vor allem um Klasse und Privileg geht."

"Ein bisschen was zu lachen"

Tatsächlich kommt ein großer Teil aller Oxford-Studenten von Privatschulen, die sich nur sehr wohlhabende Eltern leisten können: Obwohl nur sieben Prozent aller britischen Schüler auf Privatschulen gehen, machten sie 2013 in Oxford 43 Prozent der Studienanfänger aus - auch weil sie knapp ein Drittel aller Einser-Abschlüsse repräsentieren. "Vier Privatschulen und eine hochselektive staatliche Schule schicken mehr Studenten nach Oxford als die restlichen 2000 staatlichen zusammen genommen - und diese Privatschulen kosten im Durchschnitt 14.000 Pfund pro Jahr (17.600 Euro)", schreibt Danny Dorling, Geographie-Professor in Oxford.

Die aktuellen Studenten in Oxford gehen mit den Privilegien-Vorwürfen gelassen um. "Immer, wenn ein Zeitungsartikel wieder Cameron mit PPE verbindet, haben wir ein bisschen etwas zu lachen", sagt Victoria Rees, die kurz vor ihrem Bachelorabschluss steht: "Kaum jemand von meinen Freunden hier will Politiker werden." Auch ihr Kommilitone Ihsaan Faisal widerspricht der Vorstellung, dass Oxford nur einer reichen Minderheit vorbehalten sei: "So ziemlich der gesamte Jahrgang unter mir kommt von staatlichen Schulen, und die Leute hier kommen aus allen erdenklichen Verhältnissen", sagt Ihsaan.

Die auffällige Anhäufung an politischer Prominenz wird hier eher erklärt durch die extrem strenge Vorauswahl bei der Zulassung und die mangelnde Ausgewogenheit von Medienberichten. "Das intellektuelle Level in Oxford ist einfach sehr hoch, und viele Oxford-Absolventen machen in allen möglichen Bereichen erfolgreich Karriere. Wir lesen nur mehr über PPE-ler, weil sie mehr im Rampenlicht stehen", sagt Chris Ballinger, Dekan an Oxfords Exeter College, der jahrelang PPE-Studenten in Politikwissenschaften unterrichtete und selbst auch hier studierte.

Bessere Werbung gibt es kaum

Ballinger verweist stattdessen - wenig verwunderlich - auf die gute Qualität des Studiums. "Unser Ziel ist es, den Studenten kritisches Denken beizubringen", sagt er. Dafür stehe eine Dreiteilung des Lehrangebots: Im ersten Jahr werden den Studenten die Grundlagen der drei PPE-Disziplinen Philosophie, Politik und Wirtschaft beigebracht. Erst danach bekommen sie die Freiheit, sich auf zwei der drei Disziplinen als Schwerpunkte festzulegen.

Am meisten gelobt werden jedoch die intensiven PPE-Tutorien, bei denen die Studenten alleine oder in Kleinstgruppen zwei Mal wöchentlich einem Dozenten Rede und Antwort stehen. Immer wieder müssen sie im direkten Schlagabtausch ihre Essays verteidigen - ein Durchmogeln ist so unmöglich. "Da kann man sich halt nicht in der letzten Reihe verstecken", so Chris Ballinger. Bei den Studenten kommt das an: "Die Tutorien machen das Lernen jede Woche aufs Neue spannend", findet Ihsaan Faisal: "Wer in den Essays etwas drin lässt, das nicht wirklich Sinn ergibt, wird garantiert danach gefragt. Man muss wirklich wissen, wovon man redet."

Und erwirbt dabei, privilegiert oder nicht, das Rüstzeug für Auseinandersetzungen im späteren Berufsleben oder in der Politik. Letztlich profitiert das PPE-Studium genau davon: dass es von den einen als ein exzellentes Programm für hart arbeitende, weltoffene Generalisten gefeiert wird, während es die anderen als elitäre Kaderschmiede der Oberschicht verachten. Bessere Werbung kann sich die Universität kaum wünschen.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Artikels hieß es, ein Großteil der britischen Politiker habe Privat-Unis besucht. Diese Formulierung war mißverständlich, da Cambride und Oxford staatliche Hochschulen sind. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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Seite 1
schnitteuk 09.01.2015
1.
Es könnte auch einen viel einfacheren, im Artikel leider überhaupt nicht angesprochenen Grund dafür geben, warum zahlreiche prominente Gestalten aus Politik und Wirtschaft einen PPE-Abschluss haben: PPE ist in Oxford der einheitliche Undergraduate-Abschluss für alle social sciences. Es ist dort nicht möglich, Soziologie, Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre, internationale Beziehungen etc. als Bachelor zu studieren - alle diese Fächer beginnen in Oxford zwangsläufig mit dem PPE, die Spezialisierung erfolgt dort erst während des PPE-Studiums sowie danach im Master. Nun liegt es nun einmal in der Natur der Sache, dass Menschen mit einer Karriere in Politik und Wirtschaft oft einen akademischen Background aus einem dieser Fächer haben. Daher überrascht es nicht, dass für viele von ihnen der PPE der Einstieg in die akademische Welt war. Übrigens frage ich mich, was genau in UK die im Artikel angesprochenen "exklusiven Privat-Unis" sein sollen. Weder Oxford noch Cambridge noch die Londoner Edel-Colleges wie LSE, King's, Imperial etc. noch die weiteren hochangesehenen Unis im Land (Edinburgh, Durham, etc.) sind privat. Sie haben Selbstverwaltung, ja, aber das macht sie noch nicht privat.
gerald246 09.01.2015
2. Ein Prof auf 6 Studis macht einen Unterschied
Man sollte hinzufuegen dass in Oxbridge ein Professor auf sechs Studis kommt, so dass das Betreuungsverhaltnis etwa dreimal besser als in anderen guten Unis in England ist. In Verbindung mit den dadurch moeglichen Tutorsystem wobei ein Prof mit Studigruppen von 2-3 Studis woechentlich arbeitet wird eine wesentlich bessere Ausbildung als anderswo moeglich. ergo: von nichts kommt nichts> Aber wenn man schon ueber Ausbildung redet, sollte man die Details anschauen (und natuerlich die Kosten, die in Oxbriudge mehr als doppelt so hoch sind wie in den anderen Russell-Group Unis). Aber, die Deutschen scheinen immer anzunehmen dass es im Ausland genauso zugeht wie in D..
Wunderläufer 09.01.2015
3. Logisch
Der elitäre "Inzest" hat doch System; schließlich ist das doch der Geist, der die Finanzierung des staatlichen Bildungssystems schwächt, und damit auch die Qualität. Ein krasses Pendant als Kaderschmiede findet sich in Frankreich mit der ENA. Da kann es niemanden wundern, dass solche Politiker keinen Draht zum Durchschnittsbürger haben.
tallerken 09.01.2015
4. Keine Privatunis
Ja, wenn mal jemand den Text aendern koennte - Oxford und Cambridge sind genauso staatliche Unis wie die meisten anderen englischen Unis auch... Hoert sich natuerlich dann nicht mehr so schick an....
demophon 09.01.2015
5. Besonderheit
Eine Besonderheit der Unis Cambridge und Oxford ist, dass alle Absolventen mit BA-Degree berechtigt sind, ihren Master-Degree nach drei Jahren zu bekommen, ohne irgendwelche weiteren Kurse zu belegen oder Studien durchführen zu müssen. BA- Absolventen müssen lediglich an einer Zeremonie teilnehmen, um sich den MA-Titel abzuholen. Diese Praxis hat sich an diesen beiden Unis seit dem Ende des 17. Jh. etabliert. http://www.telegraph.co.uk/education/universityeducation/7771288/Oxbridge-masters-degrees-offensive-says-Cambridge-don.html
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