Plagiatsverfahren gegen Steinmeier Freispruch ohne Anführungszeichen

Frank-Walter Steinmeier darf seinen Doktortitel behalten, trotz Zitierfehler und handwerklicher Mängel in seiner Dissertation. Der Fall des SPD-Spitzenmannes zeigt: Nicht alles, was wie ein Plagiat aussieht, ist auch eins.

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Die wichtigste Waffe in der Politik ist das Wort. Je hochrangiger der Sprecher und je gehaltvoller oder gemeiner das Gesagte, desto größer die Chance, dass sich das Wort verbreitet - als Zitat. Ärgerlich, wenn es falsch wiedergegeben wird.

Falsch zitiert hat sich auch Frank-Walter Steinmeier schon gefühlt, zum Beispiel als Außenminister der vorherigen Großen Koalition. Damals ging es darum, ob Kurt Beck das Zeug zum SPD-Kanzlerkandidaten hätte, ob er dafür "Rampensau" genug sei und wie genau eine Interview-Äußerung Steinmeiers zu verstehen sei. Alltag im politischen Betrieb: Wer hat was wie wann gesagt und mit welcher Nuance?

Mittlerweile hat sich allerdings gezeigt, dass Steinmeier selbst nicht alle Nuancen des Zitierens beherrscht, jedenfalls nicht des wissenschaftlichen: In seiner Doktorarbeit hat er mehrfach die An- und Abführungzeichen, die ein Zitat kennzeichnen, nicht korrekt verwendet.

Doch seinen Doktortitel darf Steinmeier behalten, das hat die Uni Gießen jetzt entschieden: Es liege "weder eine Täuschungsabsicht noch ein wissenschaftliches Fehlverhalten vor", so die zuständigen Prüfer. Die Arbeit des SPD-Politikers "weise zwar Zitierfehler und handwerkliche Schwächen auf", plagiiert habe er aber nicht. Die Prüfer lobten sogar die Originalität seiner Kerngedanken. Das Verfahren werde eingestellt.

Akademische Plagiate können politische Karrieren beenden

Die Auseinandersetzung über Steinmeiers Doktorarbeit mit dem Titel "Bürger ohne Obdach - Zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum" verrät einiges über beide Welten, die politische und die wissenschaftliche. Für die Politik gilt, was der FAZ-Journalist Nils Minkmar in seinem neuen Buch "Der Zirkus" schreibt: Ein akademisches Plagiat kann eine politische Karriere mittlerweile ebenso schlagartig beenden wie ein dummer Hitler-Vergleich oder das leichtfertige Reden über Geld ("Bundeskanzler verdienen zu wenig").

Nur so ist zu erklären, dass der ziemlich unseriöse, von einer Software erstellte "Prüfbericht" eines Professors für Internetmarketing dazu führte, Steinmeier als mutmaßlichen Plagiator dastehen zu lassen. Es war der Beginn der jüngsten Plagiatsaffäre. Vor wenigen Wochen schaffte es dieser Bericht in die Schlagzeilen; Steinmeier nannte die Vorwürfe "absurd" und bat seine ehemalige Hochschule um eine offizielle Prüfung. Nach dem Freispruch der Uni muss Steinmeier nun keine politischen Konsequenzen mehr fürchten.

Die Wissenschaft wird der Fall hingegen etwas länger beschäftigen - als Referenz. Zeigt er doch, wie fließend die Grenzen zwischen "handwerklichen Mängeln" und Plagiaten sind. Wie sehr die Beurteilung von Faktoren wie Gutachtermeinung, Fachkultur und Zeitgeist abhängt. Denn eng wurde es für Steinmeier erst, als auch die Plagiatsjäger der Seite VroniPlag seine Arbeit durchleuchteten. Die arbeiten nämlich ziemlich gründlich, checken jede mit Software ermittelte Fundstelle mehrfach und veröffentlichen ihre Dokumentation erst, wenn sie sich sicher sind.

Wo beginnt das Plagiat?

Die Uni-Prüfer berücksichtigten auch die Arbeit der anonymen Aktivisten, zogen aber andere Schlüsse. Steinmeiers Dissertation zeige, dass Textübereinstimmungen nicht notwendigerweise ein Plagiat sein müssen. Denn Plagiat bedeutet, geistiges Eigentum zu übernehmen beziehungsweise geistige Eigenleistung vorzutäuschen, die tatsächlich andere erbracht haben. Etwa, wenn ein Autor so tut, als habe er einen Text selbst gelesen, aber sich in Wahrheit nur aus der Analyse eines anderen Rezensenten bedient, der nicht genannt wird.

Bei Steinmeier hingegen blieb nach der Prüfung vor allem eine Sorte von Textübereinstimmungen übrig: Das wörtliche Referieren aus einer Quelle, die zwar in einer Fußnote ausgewiesen wird, aber eben nicht durch eine umfängliche Passage in Anführungszeichen.

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Steinmeiers Dissertation: Fehler ohne Absicht
Plagiatsjäger bezeichnen solche Passagen als "Bauernopfer": Will heißen, dass die Textübernahmen wesentlich umfangreicher sind, als es der Quellenverweis ahnen lässt. Allerdings darf nach der Gießener Überprüfung als zweifelhaft gelten, ob der Begriff "Bauernopfer" immer angebracht ist. Denn er beschuldigt den Autor, mit Absicht vorzugehen. In einigen Disziplinen, gerade in der Rechtswissenschaft, werden aber häufig Inhalte ohne Anführungszeichen referiert, zum Beispiel die Rechtslage oder bestimmte Urteile. Mit gezieltem Täuschen muss das nichts zu tun haben.

"Eine solche Zitierweise ist nach heutigem Verständnis nicht korrekt", räumen zwar auch die Gießener Prüfer ein. Aber der fachkundige Leser wisse immer, woran er bei Steinmeier sei. Ähnlich beurteilt auch der Jurist und Sozialwissenschaftler Stephan Leibfried von der Uni Bremen Steinmeiers Arbeit. Mit der Brille des Sozialwissenschaftlers, sagte Leibfried dem "Weser-Kurier", habe er "viele Schludrigkeiten bei den Gänsefüßchen festgestellt, aber kein plagiatbestimmtes Werk". Mit der Brille des Juristen, so Leibfried, erkenne er das gängige Muster, "juristische Theorien und Definitionen, Gesetzestexte und Urteile einfach als fest stehende Umwelt" zu übernehmen. Anführungszeichen seien dabei "eher verpönt".

Ähnlich argumentiert auch Volker Friedrich, Professor für Schreiben und Rhetorik an der Hochschule Konstanz in einem Aufsatz. "Zu einem Plagiat wird eine Dissertation dann, wenn sie durch eine Täuschungsabsicht gekennzeichnet ist. Diese Absicht liegt vor, wenn ein Autor so tut, als seien Sätze, die er zitiert oder paraphrasiert, von ihm selbst verfasst, also Ausdruck seines Denkens, Ergebnisse seiner Forschens." Die Täuschung, so Friedrich, werde "nicht in erster Linie durch das Weglassen von Anführungszeichen und Belegen hervorgerufen, sondern durch Weglassen des Kontextes".

Deshalb sind vor allem die Begründungen aus Gießen durchaus geeignet, die Plagiatsdebatte voranzubringen. Das pure Scannen der Arbeit durch Software liefert kein akkurates Bild, Prozentzahlen sagen wenig aus. Plagiate lassen sich nur durch akribische Textanalyse finden, wie sie die zuständigen Gremien betreiben - oder eben die seriösen unter den Plagiatsjägern im Netz. Einige von ihnen sind mit dem Freispruch für Steinmeier überhaupt nicht einverstanden. Doch bei unterschiedlichen Schlussfolgerungen, entscheidet jene Instanz, die den Doktortitel als einzige verleihen und auch entziehen darf: die Universität.

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Seite 1
key_art 05.11.2013
1.
Na ja, endlich auch mal bei den Sozis ein Versuch gemacht, das war wohl der einzige Sinn und Zweck der Übung, als Gegengewicht, sozusagen.
spon-facebook-10000211648 05.11.2013
2. optional
Nicht alles was wie ein Plagiat aussieht, ist auch eins! Klar, vor allem bei einem SPDler.
spon-facebook-10000211648 05.11.2013
3.
Zitat von sysopDPAFrank-Walter Steinmeier darf seinen Doktortitel behalten, trotz Zitierfehler und handwerklicher Mängel in seiner Dissertation. Der Fall des SPD-Spitzenmannes zeigt: Nicht alles, was wie ein Plagiat aussieht, ist auch eins. Steinmeiers Doktorarbeit: Wortgleichheit und Plagiate - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/steinmeiers-doktorarbeit-wortgleichheit-und-plagiate-a-931853.html)
peterzilg 05.11.2013
4. Plakiatsvorwürfe...
...grundsätzlich ablehnen. Eine Universität und deren Professoren begleiten doch den Doktorant bis zur Dissertation, genehmigen das Thema und vergeben nach - gefälligst sorgfältiger Prüfung IM VORHINEIN - den Doktortitel. Eigentlich müsste durch diese Prozessur sogar eine "arglistige Täuschung" oder anderes Fehlverhalten und sogar Ghostwriter VOR der Titelvergabe festzustellen sein und nicht irgendwann Jahre später. Bei Auto-Fahrstunden und bei der abschließenden Prüfung bescheinigen Begleitpersonen die Fähigkeiten. Fehler vor oder während der Prüfung sind mit der Übergabe des Führerscheins nicht mehr relevant. Erst "Straftaten" NACH Erteilung der Fahrgenehmigung können zu dessen Entzug - meist zeitbegrenzt - führen.
kaheng 05.11.2013
5. optional
"Das pure Scannen der Arbeit durch Software liefert kein akkurates Bild, Prozentzahlen sagen wenig aus." Was sind das denn für Platitüden? Bei Spiegel-Online sollte man schon zwischen Methode und Untersuchungsobjekt unterscheiden können. Scannen ist eine Methode. Plagiat ist das Untersuchungsobjekt. Wenn ich die Frage prüfen will, ob eine Textstelle ein Plagiat ist oder keins, interessiert mich doch nicht, wie die Textstelle gefunden wurde. Ein Plagiat ist ein Plagiat, vollkommen unabhängig wie es gefunden wurde. das Gefundene ein Plagiat ist oder nicht, ist doch völlig unabhängig von der Frage, wie ich das Plagiat gefunden habe. Ich kann doch auch auf völlig "Das pure Scannen". Natürlich sagt das pure Scannen nichts aus. Niemand will über dies Aussagekraft des puren Scannens was wissen. Es geht um Plagiate. Ob jemand via eigener Recherche, via Scannen oder sonst einer Methode ein Plagiat ausfindig gemacht hat, ist doch völlig unabhängig von der Frage ob das Plagiat ein wirklichen oder ein vermeintliches Plagiat ist. Niemand außer dem Spiegel-Autor hat behauptet, dass "Das pure Scannen" ein akkurates Bild liefdern würde. Niemand außer dem Spiegel-Autor hat behauptet, dass Prozentzahlen alles aussagen würden.
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