Mindestlohn für Praktikanten Darf's ein bisschen kürzer sein?

Sechs Wochen und keinen Tag mehr? Wegen des neuen Mindestlohns könnten sich Praktika stark verkürzen, denn dauern sie länger, wäre eine üppige Bezahlung fällig. Ausnahme allerdings sind Pflichtpraktika: ein Schlupfloch, das die Bundesregierung schon eifrig nutzt.

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Praktikantin im Einsatz (Symbolbild): Dauert der Einsatz länger als sechs Wochen, gilt ab 2015 der Mindestlohn
Corbis

Praktikantin im Einsatz (Symbolbild): Dauert der Einsatz länger als sechs Wochen, gilt ab 2015 der Mindestlohn


"Aber nicht länger als sechs Wochen!", so könnten ruppige Personalschefs wohl bald reagieren, wenn sie eine Praktikumsbewerbung für das Jahr 2015 auf den Tisch bekämen. Denn jedes Praktikum, das länger als sechs Wochen dauert und nicht Teil des Studiums oder der Ausbildung ist, muss ab dem kommenden Jahr mit dem Mindestlohn honoriert werden.

Praktikanten haben dann ein Anrecht auf einen Stundenlohn von 8,50 Euro, so will es Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Doch viele Unternehmen in Deutschland wollen den an Praktikanten nicht bezahlen und sagen, sie könnten bald nur noch kurze un- oder geringer bezahlte Praktika anbieten. Oder die Lehr- und Probejobs gleich ganz streichen.

Zwar stimmt der Bundestag erst Anfang Juli über den Gesetzentwurf der Arbeitsministerin ab (hier als PDF), doch die Zustimmung der Abgeordneten der großen Koalition gilt als relativ sicher. Derzeit streiten sich SPD und Union noch über die Details der Regelung: Wirtschaftsnahe Teile der CDU/CSU-Fraktion wollen, dass Praktikanten von der Regelung ausgenommen sind, die SPD ist strikt dagegen.

"Um Ausbeutung von jungen Menschen vorzubeugen, darf es keine Ausnahmen geben", fordert Carola Reimann, stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende. "So steht es schwarz auf weiß im Koalitionsvertrag." Rückendeckung für einen strengen Mindestlohn erhält Nahles auch vom universitären Parteinachwuchs: Warnungen vor wegfallenden Praktika nennt die Juso-Hochschulgruppe "Schwarzmalerei", Ausnahmen für Rentner, Praktikanten und Studenten seien falsch, mit ihnen werde das Gesetz "durchlöchert".

Der Trick mit den Pflichtpraktia

In der CDU bröckelt der Widerstand in Sachen Praktikanten: "Die Zeiten der Dauerpraktikanten sind definitv vorbei", sagte der arbeitspolitische Sprecher der Union, Karl Schiewerling. Deshalb werde es "keine Ausnahmen für ganze Branchen" geben. Ganz sind Änderungen beim Thema Praktika allerdings noch nicht vom Tisch: CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagte der "Rheinischen Post", bei Praktikanten müsse flexibler unterschieden werden zwischen denjenigen, die eine fertige Berufsausbildung hätten, und denen, die noch in der Ausbildung seien. Es lohnt sich in jedem Fall, den weiteren Weg des Gesetzentwurfs genau zu verfolgen - und besser einmal mehr beim Wunschpraktikumsarbeitgeber nachzufragen.

Und was, wenn der Mindestlohn für Praktikanten kommt, sich Unternehmen wirklich weigern, für freiwillige Praktika zu bezahlen und die Schnupperarbeit auf sechs Wochen limitieren? Besonders für Studenten in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern kann das zum Problem werden: Denn während in Studienordnungen für technische und naturwissenschaftliche Fächer meist Pflichtpraktika vorgesehen sind, schreiben Fächer wie Politikwissenschaften, Philosophie oder Germanistik ihren Studenten bislang selten praktische Erfahrung in den Ausbildungsplan.

Praktika machen auch Studenten dieser Fächer reichlich, vor allem in Kultur- und Medienbetrieben. Möglich, dass sich diese Betriebe am schlechten Beispiel der Bundesregierung orientieren, denn dort heißt es in einigen Ministerien schon lange: Praktikanten bekommen Lohn, Pflichtpraktikanten nicht - und wir nehmen eben nur Pflichtpraktikanten.

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Praktika in geizigen Ministerien: "Keine Arbeitsleistungen erbracht"
Horst Hippler, Präsident der deutschen Hochschulrektorenkonferenz, sieht deshalb die Universitäten in der Pflicht: "Jetzt sind die Fakultäten gefragt, mindestens ein Praktikum im Rahmen der Studienordnung zu verlangen", sagt Hippler. Denn auch Studenten der Geisteswissenschaften müssten "ausprobieren dürfen, was ihnen liegt".

Eine Nachfrage bei mehreren Universitäten ergab, dass sie Hipplers Idee nicht uneingeschränkt gut finden - oder sogar rundweg ablehnen: "Wir lassen uns nicht in unserer Curriculum hineinreden", erklärt ein Hochschulmitarbeiter, der für eine große Universität in Süddeutschland Studienpläne mit ausarbeitet. "Die Fakultäten entscheiden, was sinnvoll ist. Wenn bisher kein Praktikum vorgeschrieben ist, hat das seinen Sinn."

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insgesamt 110 Beiträge
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Schluß mit dämlich 14.06.2014
1. Was meint Ihr da mit
Üppige Bezahlung erhalte ich selber, und zwar seit Februar 2013. 8,50 Euro/Stunde sind ganz sicher NICHT üppig, da kommen brutto 1.470 Euro pro Monat heraus, und für dieses Entgelt hätte der Schreiber des Artikels vermutlich nicht mal den Computer eingeschaltet.
Schluß mit dämlich 14.06.2014
2. optional
Sechs Wochen sind eigentlich noch zu lang für diese Gratis-Praktika. Die sind schließlich gedacht, um Eindrücke zu sammeln, nicht, um für den Praktikums-zur-Verfügung-Steller rentabel zu sein. Um zumindest vernünftig in die bekleidete Stelle eingeführt zu werden, braucht man meiner Erfahrung nach vier Wochen, danach hat der Zur-Verfügung-Steller unter dem Strich bereits wirtschaftliche Vorteile von seinem "Praktikum". Wenn "Pflicht"-Praktika also auf vier Wochen begrenzt wären, würde sich erheblich deutlicher die Spreu der Profiteure vom Weizen der echten Ausbildungsunterstützer trennen. Wer Nutzen von seinen Praktikanten will, soll sie gefälligst bezahlen, die derzeitige Gratis-Mentalität bei den Arbeitgebern stinkt wirklich zum Himmel.
gruenertee 14.06.2014
3. Abschlussarbeiten in Unternehmen
Es sind doch bereits in jedem Studiengang min. ein Praktikum integriert: Die Abschlussarbeit. Jeder ist frei, dieses in einem Unternehmen zu schreiben, sofern man sich erfolgreich beworben haben.
schoeneberger 14.06.2014
4. Universitäten in der Pflicht
Früher gab es die Probezeit, um Berufsanfänger zu testen. Da hat man einen Vorlauf eingeschaltet, das Praktikum. Das finanzielle Risiko wird auf Praktikanten abgewälzt. Im Gegenzug sollte es aber regelmäßig zwei Pflichtpraktika geben. Nicht nur zum Reinschnuppern, sondern um die universitäre Ausbildung praktisch zu komplettieren.
eelay 14.06.2014
5.
Zitat von gruenerteeEs sind doch bereits in jedem Studiengang min. ein Praktikum integriert: Die Abschlussarbeit. Jeder ist frei, dieses in einem Unternehmen zu schreiben, sofern man sich erfolgreich beworben haben.
Das stimmt nicht. Auch das entscheidet oft die Uni. Ich hatte mehrere Angebote von Audi meine Diplomarbeit dort zu schreiben. Die Uni muss aber immer auch noch einen Korrektor stellen, was sie aber nicht machen. So hat mir die Uni den Berufseinstieg versaut und mich unbezahlt arbeiten lassen während ich bei Audi bezahlt worden wäre.
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