Streit um Hochschulreform Totenglocke für die Fachhochschulen?

Neben der Uni-Lobby rebellieren auch die FH-Professoren gegen die Bildungsministerin. Der Hochschullehrerbund mag es dramatisch und wirft Edelgard Bulmahn via "Todesanzeige" hinterhältigen Mord an den Fachhochschulen vor.

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Die Trauerfeier erfolgte in der "Zeit": Am Donnerstag schaltete der Hochschullehrerbund (hlb) eine viertelseitige Zeitungsannonce in klassischer Todesanzeigen-Optik. "Gestern verstarb die deutsche Fachhochschule 1970-2001", heißt es darin; am Mittwoch hatte das Kabinett Bulmahns Pläne zur Dienstrechtsreform gebilligt. Und weiter: "Die Beerdigung findet im Gesetzgebungsverfahren durch die Abgeordneten des Deutschen Bundestages bis zum Dezember 2001 statt."

Die Professoren vergießen erste Tränchen um die moribunden Hochschulen

Die Professoren vergießen erste Tränchen um die moribunden Hochschulen

Schuld am "jähen Ende" des in der deutschen Hochschulgeschichte "beispiellos erfolgreichen Weges der Fachhochschulen" seien Bildungsministerin Edelgard Bulmahn sowie Innenminister Otto Schily, zürnen die FH-Professoren. Die beiden hätten den "Wert einer Professur derart verschlechtert, dass sie für qualifizierte Bewerber aus Wirtschaft und Verwaltung unattraktiv geworden ist". Nötig seien indes bessere Bedingungen für Studierende und Lehrende an den Fachhochschulen.

Eine Sprecherin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung bezeichnete die Anzeige als "geschmacklos und nicht nachvollziehbar". Die Situation der Fachhochschulen werde sich mit der Reform deutlich verbessern.

Die jetzt vom Kabinett beschlossene Runderneuerung des Dienstrechts sieht vor allem zwei Kernpunkte vor: neben der Einführung von Juniorprofessuren anstelle der Habilitation auch eine neue Besoldungsstruktur. Statt der bisher üblichen Gehaltserhöhungen nach Altersstufen wird erstmals die Qualität von Forschung und Lehre honoriert. An Universitäten wie Fachhochschulen soll es künftig zwei Professoren-Gruppen geben. Die untere Gruppe W2 baut auf einem Grundgehalt von 7000 Mark auf, im Schnitt kommen 2000 Mark Zulagen hinzu. Die Gruppe W3 umfasst ein Grundgehalt von 8500 Mark - plus durchschnittlich 3100 Mark Zulagen. Eine Obergrenze entfällt.

Gegen die Bulmahn-Pläne laufen die Professorenverbände bereits seit Monaten Sturm. Aus einer Expertenkommission zur Dienstrechtsreform hatte sich zunächst der Deutsche Hochschulverband (DHV) für die Unis verabschiedet, dann der Hochschullehrerbund für die Fachhochschulen. Beide Verbände halten die vorgesehenen Grundvergütungen für zu niedrig.

Der Hochschullehrerbund befürchtet zudem, dass die Reform in erster Linie zu Lasten der Fachhochschulen geht. "Wenn das so verabschiedet wird, ist eine FH-Professur nicht mehr reizvoll genug", so hlb-Geschäftsführer Hubert Mücke gegenüber UniSPIEGEL ONLINE, "schließlich konkurrieren wir ständig mit Unternehmen um die besten Köpfe." Die Fachhochschulen seien auf Bewerber mit einer erfolgreichen Berufskarriere nach Studium und Promotion angewiesen. "Die Interessenten orientieren sich am gesicherten Einkommen, und da können wir mit der Privatwirtschaft nicht mithalten", meint Mücke.

"Bulmahn hat nur noch Gegner"

Anders als an den Universitäten mit ihrem breiten Fächerspektrum seien an den Fachhochschulen ausschließlich marktnahe Lehrgebiete vertreten. "Die Nachwuchslücke bei den Ingenieuren ist hinlänglich bekannt", betont der hlb-Geschäftsführer, "und auch in Disziplinen wie BWL, Informatik oder Design ist es schon heute schwierig, Berufserfahrene für eine Lehrtätigkeit zu gewinnen."

Mücke ist jedoch skeptisch, ob die Professorenverbände die Reform noch kippen können. Zunächst wird sich der Bundesrat damit befassen, voraussichtlich erst nach der Sommerpause ist der Bundestag an der Reihe. Aber Bulmahn will das neue Dienstrecht noch in diesem Jahr durchboxen - ihr letztes größeres Reformvorhaben vor den nächsten Bundestagswahlen. "Sie wiederholt Fehler von Kabinettskollegen, die sich mit anderen unausgegorenen Reformen bereits Beulen holten", meint Hubert Mücke, "Bulmahn hat trotz aller Sachargumente auf stur geschaltet und eigentlich nur noch Gegner."

Junge Forscher fordern bessere Übergangsregelungen

Der Wissenschaftsrat und die Hochschulrektorenkonferenz allerdings begrüßen Bulmahn-Pläne; die Rektoren fordern dabei höhere Finanzmittel. Rund 500 im Ausland arbeitende junge Forscher unterstützten Bulmahn in einem offenen Brief ebenfalls und warfen den Kollegen in Deutschland vor, um "ihre Macht und Privilegien zu fürchten".

Das Doktoranden-Netzwerk "Thesis" sowie die Initiative "wissenschaftlichernachwuchs.de" befürworten die Eckpunkte der Reform im Grundsatz, verlangen aber "tragfähige Übergangsregelungen". Am Donnerstag übergaben sie der Bildungsministerin eine Resolution von 3000 Nachwuchswissenschaftlern. Ohne Verbesserungen werde sich die "sowieso schon schwierige Bewerbungslage extrem zuspitzen", heißt es darin. "Die Förderung des zukünftigen wissenschaftlichen Nachwuchses wird auf Kosten des gegenwärtigen durchgeführt", kritisierte Mike Sandbothe, Sprecher der Initiative.

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