Studenten auf der Walz Angehende Werber auf Tippeltour

Zwei Grafikdesign-Studenten der FH Aachen machen zurzeit ein Praktikum der besonderen Art: Sie sind auf der Walz. Wie Handwerksburschen ziehen sie von Ort zu Ort und bieten Werbeagenturen ihre Dienste an - bis zu vier Wochen pro Stelle, lediglich gegen Kost und Logis.


On the road: Studenten auf der Walz
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On the road: Studenten auf der Walz

Auf einem Parkplatz in der Kieler Innenstadt: Boris Kratz und Sebastian Hirn warten auf ihre Mitfahrgelegenheit. Ihre Rucksäcke sind vollgepackt mit Notebooks, Kabeln, Schlafsäcken und Iso-Matten. Boris Kratz sagt, wo es hingeht: "Zuerst nach Köln, dahin werden wir mitgenommen. Dann nach Aachen und schließlich nach Hertogenbosch in Holland. Mit der Mitfahrzentrale. Oder vielleicht fährt uns auch ein Kumpel, mal sehen."

Die beiden angehenden Grafikdesigner von der FH Aachen fahren nie selbst auf ihrer Tour. Das verbietet ihnen ihre Zunftordnung, die sie selbst nie geschrieben haben. Sie bleiben nie länger als vier Wochen an einer Stelle und arbeiten gratis. Der Arbeitgeber stellt lediglich Kost und Logis.

In Kiel haben die Studenten in einer kleinen Werbeagentur gearbeitet. Inhaber Marc Fiebelkorn ließ sie in einem Zimmer gegenüber der Küche schlafen. Gerade ist das Frühstück vorbei. Boris Kratz packt noch ein paar Tassen weg, dann geht's an die Arbeit, ins Büro zwei Zimmer weiter. Am Computer entwirft Kratz eine neue Seite für das Magazin "Das Brett", mit Fotocollagen und lustigen Figuren. So könne er richtig kreativ sein, meint der 26-Jährige, das Studium in Aachen sei viel zu theoretisch: "Wir machen die Walz, um unser Studium um einen praktischen Teil zu erweitern. Um zu sehen wie es wirklich draußen ist auf dem Arbeitsmarkt. In allen Bereichen."

Sie hätten schon in Werbeagenturen, in Design-Büros und für Privatleute gearbeitet. "Wir versuchen, das Beste für uns herauszuziehen, einfach zu lernen", sagt Walz.

Einen Kaffee gibt es überall

Die Idee, wie Handwerksburschen auf Reisen zu gehen, kam den beiden Studenten bei der Suche nach einem Praktikumplatz: "Irgendwann haben wir uns Büros angesehen in Bern", erzählt Sebastian Hirn. "Wir haben da überall einen Kaffee bekommen. Boris meinte dann: 'Dann kriegen wir ja überall einen Kaffee.'" In diesem Augenblick sei ihm die Idee gekommen, nur gegen Essen und Trinken zu arbeiten und so in Büros hineinzukommen, die man ansonsten wahrscheinlich nicht besucht hätte.

Gesagt, getan: Sebastian und Boris entwarfen eine eigene Webseite, quasi als Bewerbung für einen Praktikumplatz. Sie schrieben an Agenturen in Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Mit Erfolg: Seit dem 29. März sind die beiden jetzt unterwegs. Noch bis Oktober wollen sie von Ort zu Ort ziehen. Und im nächsten Frühjahr wollen sie die Entwürfe, die sie während ihrer Walz entworfen haben, vorführen, in einer Ausstellung in Aachen. Die wird dann gleichzeitig auch ihre Diplomarbeit sein.

Der Kieler Gastgeber der angehenden Grafikdesigner ist jedenfalls begeistert: "Ich muss sagen, dass die beiden ein sehr angenehmes Wesen haben", sagt Marc Fiebelkorn von der Agentur "Brett". Die Harmonie habe von Anfang an gestimmt: "Ich habe ja schon viele Praktikanten hier gehabt. Aber das war echt das Sahnehäubchen."

Auf dem Parkplatz in der Kieler Innenstadt ist mittlerweile ein schwarzer Mini-Cooper vorgefahren. Die Mitfahrgelegenheit nach Köln.

Von Jens Wellhöner, Deutschlandfunk Campus & Karriere



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