Studenten im Wahlkampf Von Grauhaarigen umzingelt

Merkel, Steinbrück, Trittin, Brüderle, Gysi - den Wahlkampf hat die Generation Ü50 bestimmt. Dabei machen auch Studenten Politik: Sie organisieren Kampagnen, ziehen von Tür zu Tür, touren mit dem Bus durchs Land und lassen sich beschimpfen. Wie stehen sie das durch?

Privat

Für einen kurzen Moment weiß Tobias Thimm nicht, wie er reagieren soll. Der Politikstudent steht in einem schummrigen Treppenhaus in Berlin-Neukölln. Er macht Wahlkampf, für die SPD geht er von Tür zu Tür, will die Menschen überzeugen. Aber jetzt steht da dieser grauhaarige Mann: nackt bis auf die Boxershorts, kugelrunder Bauch, ein Goldkettchen im Ausschnitt. "Ähm, ich bin von der SPD", sagt Thimm, da ist die Tür schon wieder zu.

5000 Mal hat er mit seinem Team in den vergangenen Wochen an Neuköllner Türen geklingelt, damit sein Kandidat den Wahlkreis gewinnt. An diesem Sonntagmittag sind die meisten Neuköllner freundlich. Aber halbnackte Männer oder schreiende NPD-Wähler kämen auch immer wieder vor, sagt Thimm.

Warum tut er sich das an? Nicht viele Schüler und Studenten gehen heute noch in die Politik, nur drei Prozent der Jugendlichen sind Mitglied einer politischen Vereinigung oder Partei. Das Durchschnittsalter der Linken liegt bei 60, das von CDU und SPD bei Ende 50. Die Grünen sind mit durchschnittlich 48 Jahren noch echte Jungspunde. Die Folge: Den Wahlkampf bestimmen die Alten.

Die wenigen jungen Menschen, die wie Thimm im Wahlkampf mitmachen: Welche Aufgaben durften sie übernehmen? Und wie nehmen sie die Kampagnen wahr, umzingelt von grauhaarigen Männern?

Tausende Mails, um die eigenen Leute zu überzeugen

Dora Streibl macht Wahlkampf für die Grünen. Die 19-Jährige ist mit einem Bus durch Deutschland getourt, hat Stände aufgebaut und mit Passanten diskutiert. Einmal, erinnert sie sich, habe sie ein Rentner von der "Alternative für Deutschland" zugetextet. Das sei ihr aufgefallen: Wie übel sich die Parteien im Wahlkampf diffamieren.

Und sie staunt noch immer, wie viel Vorbereitung jede einzelne Wahlkampfaktion braucht - allein einen Stand mit Grünen-Schirm auf einem Markplatz aufzubauen. Das Wichtigste, so ihr Eindruck, ist deshalb der Wahlkampf nach innen: "Bevor man Menschen auf der Straße überzeugen kann, muss man Tausende Mails schreiben, um die eigenen Leute zu mobilisieren."

Während Streibl sich alle paar Tage engagiert, hat Thimm 60-Stunden-Wochen. Wie für Streibl ist es auch für Thimm der erste Wahlkampf, aber er managt gleich die ganze Kampagne eines SPD-Bundestagskandidaten.

Seit eineinhalb Monaten macht er kaum etwas anderes als Wahlkampf. Zuerst hat er den Wahlkreis analysiert: Wo hat die SPD Hochburgen, wo Nachholbedarf? Dann ist er Unternehmen, Vereine und Schulen durchgegangen, hat Gespräche organisiert und Fotos der Gespräche auf Twitter und Facebook verbreitet. Über Wahlkampf-Taktiken wusste er vorher fast nichts, er brachte sich das meiste selbst bei. Thimm ist froh, dass nach dem 22. September erst einmal alles vorbei ist - die vergangenen Wochen waren anstrengend.

Kampagneros müssen nicht zur Partei gehören

Dass irgendwann Schluss ist, macht Wahlkämpfe oder Kampagnen attraktiv für Politikeinsteiger. Niemand muss das Gefühl haben, eine lebenslange Bindung einzugehen. Es gibt keine Formulare, man muss nicht einmal Parteimitglied sein. Der Zeitraum ist begrenzt und nach ein, zwei Monaten ist alles wieder vorbei.

Der Wahlkampf kann aber auch eine Einstiegsdroge für die Politik sein. So war es bei Miriam Strunge, die für die Jugendorganisation der Linken Wahlkampf macht. Strunge war schon 2011 eingetreten, aber so intensiv wie jetzt hat sie sich noch nie engagiert. Die 26-jährige Politikstudentin ist extra für fünf Monate aus Bremen nach Berlin gezogen. Ihr Büro in der Parteizentrale am Rosa-Luxemburg-Platz ist vollgestellt mit Kartons - Magazine, Flyer, Aufkleber, Postkarten. Drei Tage pro Woche verbringt sie hier und telefoniert mit den Ortsgruppen: Was plant ihr, braucht ihr noch Info-Material? Dabei ist ihr bewusst geworden, dass die wenigen Köpfe, die man im Fernsehen sieht, nur die Spitze des Eisbergs sind. "Der Wahlkampf findet nicht nur in den Medien statt oder wird nur von Profis gemacht", sagt sie.

Gerade die Profis, die bekannten Gesichter findet Wiebke Winter interessant. Die 17-Jährige ist Mitglied der Jungen Union, der Jugendorganisation der CDU. Im Wahlkampf habe sie die Chance gehabt, Ursula von der Leyen die Hand zu schütteln oder Angela Merkel und Thomas de Mazière von Nahem zu erleben. Sie sagt, das seien ganz normale Menschen - die aber besonders gut reden können.

Wichtige Menschen kennenlernen, das ist auch ein Punkt, der Thimm gefallen hat. Er sitzt an einem wuchtigen Schreibtisch in seinem Wahlkampfbüro in Berlin-Neukölln, um ihn herum Werbematerial, ab und zu huschen andere Wahlkämpfer durch den Raum. Hier hat er die meiste Zeit in den vergangenen Wochen verbracht. Er verstehe gut, dass sich so wenige junge Menschen in der Politik engagieren, sagt er. Es sei schlicht ein Zeitproblem. "Im Wahlkampf gilt: Entweder man macht Politik - oder man hat Hobbys", sagt er. Sein Hobby sei die Politik. Ein Hobby, das gerade immer mehr zu Beruf wird.


SPRECHEN SIE POLITIK?

DPA

Intelligenter Fehlwurf, Zugangserschwerung und Vergnügungssteuerpflicht - wenn Politiker fachsimpeln, fragt sich mancher: Was meinen die bloß?

Verstehen Sie die Volksvertreter? Finden Sie es heraus, im Politsprech-Quiz. mehr...

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
brehn 20.09.2013
1. Wunder
Ich müsste mich auch schwer zurückhalten um nicht loszuschimpfen, vor allem wenn die bei mir zu Hause anfangen zu nerven.
oldtimerfan 20.09.2013
2. Die armen Menschen, die immer mehr werden.......
Zitat von sysopPrivatMerkel, Steinbrück, Trittin, Brüderle, Gysi - den Wahlkampf hat die Generation Ü50 bestimmt. Dabei machen auch Studenten Politik: Sie organisieren Kampagnen, ziehen von Tür zu Tür, touren mit dem Bus durchs Land und lassen sich beschimpfen. Wie stehen sie das durch? http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/studenten-im-wahlkampf-junge-kampagnenmanager-a-923392.html
sieht diese Regierung nicht. Hinzu kommt, durch das Schilda EEG werden alle Waren und Dienstleistungen, besonders Strom unnötig künstlich verteuert. Was die Inlandsproduktion schrumpfen lassen wird! Der Strom, weltweit schon jetzt am teuersten, wird auf 50 Cent kW/h steigen. Das bedeutet Massenhafte Stromabschaltungen von Wohnungen, denn viele arme Menschen werden die Stromrechnung nicht mehr zahlen können. Dem Staat ist das vollkommen egal, da das Sozialamt / ARGE die Stromrechnung nicht zahlt, das ist schon im Regelsatz einbezogen worden. Das bedeutet Hungern und Frieren. Selbst wenn die Tafeln die Lebensmittel spenden, ist kein Strom zum Kochen vorhanden. Diese Armut erreicht jetzt auch die ländlichen Bezirke, da durch den Euro die Preise für alle Lebenshaltungskosten gestiegen sind. 100 kg Kartoffel kosten 70 Euro und das zur Kartoffelzeit sagt alles aus. Gleiches Europa ? In Deutschland herrscht doch keine Einigkeit. Ostrenten Frauen sind 48 % höher als Westrente Frauen, Ostrenten Männer sind 10 % höher als Westrenten Männer. Ich sage nur Schildaregierung bei so viel verzapftem Unsinn der jetzigen Regierung.
rol.o 20.09.2013
3. Leistung oder nicht .
Gern möchten viele einiges bekommen , bloss nicht zuviel ackern . der Staat soll immer mehr keisten aber wer soll das alles bezahlen was die SPD fordert ? , also mehr Steuern ist doch das einfachste Lösung , Freibier für alle .
nadelix 20.09.2013
4.
Zitat von brehnIch müsste mich auch schwer zurückhalten um nicht loszuschimpfen, vor allem wenn die bei mir zu Hause anfangen zu nerven.
Da Sie bisher der Einzige sind, der sich zum Thema äußert, hänge ich mich mal bei Ihnen dran. Die beiden anderen Schreiber machen wieder auf Deutschland einig Jammerland. Ich muss mich auch schwer zurückhalten und sehe derartige "Hausbesuche" als Nötigung, lasse mir das aber nicht anmerken. "Nein danke, wir kaufen nichts an der Türe, nicht mal eine Meinung!" Tür wieder zu und den Ärger über die Störung mit der Erinnerung an die verblüfften Blicke wegwischen. Übrigens, ganz nebenher, isch abe schon gewählt ;-) Gerade überlege ich, ob ich die beim nächsten mal reinbitte, höflichst festquatsche, mir an Beispielen vom "Garten Eden" bis "Neuland" erklären lasse, warum ich gerade diese, ihre Partei wählen soll um dann ganz am Ende, beim Verabschiedungsmarathon, meine bereits getägtige Briefwahl zu erwähnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.