Studenten und Sprachen Englisch fließend, der Rest ist Schweigen

Ihren eigenen Englischkenntnissen trauen zwei Drittel der deutschen Studenten - durchaus zu Recht, meinen Experten. Englisch ist für den Beruf Pflicht, doch danach kommt lange nichts. Selbst Französisch und Spanisch gelten schon als exotisch, wie Ergebnisse der Online-Umfrage Studentenspiegel zeigen.

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Reisespaß: Bei Betriebswirten und Politologen am stärksten ausgeprägt
Deutsches Studentenwerk

Reisespaß: Bei Betriebswirten und Politologen am stärksten ausgeprägt

"Sehr gute Englischkenntnisse werden vorausgesetzt." Diese Aussage ziert mittlerweile einen Großteil der Stellenanzeigen für Akademiker. Entsprechend verinnerlicht hat sie der potenzielle Nachwuchs für qualifizierte Jobs: "Wie gut sind Ihre Kenntnisse in der jeweiligen Sprache?", lautete eine Frage in der Online-Erhebung Studentenspiegel, bei der sich schon über 30.000 Studenten aus ganz Deutschland beteiligten. "Fließend", gaben zwei Drittel der Teilnehmer bei Englisch an.

Das große Vertrauen in die eigenen Englischkenntnisse zieht sich quer durch alle Fächergruppen: Mit über 70 Prozent liegen Physiker und Betriebswirte an der Spitze, und selbst bei den auf dem letzten Platz rangierenden Soziologen ist der Anteil der Englisch-Könner nach eigenem Urteil mit rund 55 Prozent immer noch sehr hoch.

Monokultur im Sprachlabor

Doch danach kommt bis zur nächsten Fremdsprache in der Hitliste erst einmal lange gar nichts: Zwar geben die befragten Studenten an, je nach Fach zwischen 2,2 und 3,0 Fremdsprachen zumindest in Grundlagen zu beherrschen. Doch "fließend" oder als "Muttersprache" Französisch oder gar Spanisch zu sprechen, traut sich nur ein einstelliger Prozentsatz der Studenten zu.

Am frankophilsten zeigten sich im Studentenspiegel noch die Juristen, Betriebswirte und Germanisten mit rund zehn Prozent fließenden Sprachkenntnissen, gegenüber weniger als drei Prozent bei den Informatikern. Beim Spanischen haben ebenfalls die BWLer mit über sechs Prozent sehr guten Sprechern die Nase vorne.

Die Schere zwischen den Fremdsprachen geht schon während der Schulzeit auf und öffnet sich während des Studiums weiter. Die durchschnittlichen Englischkenntnisse beim akademischen Nachwuchs in Deutschland seien gut, und der Wille zum weiteren Fortschritt sei meist vorhanden, meint Christian Schäfer, Leiter des Referates für die USA und Kanada beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). "Studenten, die sich bei uns für einen Studienplatz an einer kanadischen oder amerikanischen Universität bewerben, wollen fast immer auch ihre Sprachkenntnisse verbessern", sagt der DAAD-Experte. "Dieses Ziel steht bei Studienaufenthalten im englischsprachigen Ausland noch stärker im Vordergrund als bei anderen Ländern."

Heimatverbundene Informatiker

Allerdings sei Englisch eben häufig die einzige Fremdsprache, sagt Schäfer. "Möglicherweise ist dies eine Folge davon, dass heute den englischen Sprachkenntnissen bei der Ausbildung eine größere Bedeutung zukommt." Dennoch rät der DAAD-Mann zum Auslandsstudium, um eine Fremdsprache verhandlungssicher zu beherrschen. "Ohne Auslandsaufenthalt halte ich es für schwierig, auf dieses Niveau zu kommen."

Deutsche Austauschstudentin Marleen Menzel (in Bangladesch): Zusatzqualifikation Exotik

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Rund die Hälfte der Studenten hat nämlich noch keinen Studien- oder Arbeitsaufenthalt im Ausland eingelegt, auch das ein interessantes Ergebnis der Studentenspiegel-Umfrage. Am meisten ihrer Heimat verbunden zeigten sich dabei die Informatiker, von denen zwei Drittel noch nicht - außer im Urlaub - in der Fremde weilten. Bei Betriebswirten und Politologen erweist sich dagegen nur jeder Dritte als eingefleischter Heimatfreund.

Neben seinen guten Kenntnissen in Englisch bringt der durchschnittliche Student also zumeist mindestens Höflichkeitsfloskeln in einer weiteren Sprache zustande, so ließen sich die Studentenspiegel-Zahlen zusammenfassen.

Damit ist er auf den Arbeitsmarkt nicht schlecht vorbereitet, wie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erhobene Daten nahe legen: Danach ist mit 78 Prozent Englisch die in der deutschen Arbeitswelt am häufigsten gebrauchte Fremdsprache, gefolgt von Französisch mit neun, anderen EU-Sprachen mit sieben und Nicht-EU-Sprachen mit fünf Prozent. "Wir erwarten von unseren Bewerbern, dass sie zwei Sprachen sehr gut sprechen - Englisch und Deutsch", sagt Christoph Kürten, Personalmanager Recruiting bei Siemens.

Sinologe in der Großbank bleibt Ausnahme

Beim "Test of English as a Foreign Language" (TOEFL) liegen die deutschen Teilnehmer im weltweiten Vergleich in der Spitzengruppe. Sie erreichten in der computergestützten Version des TOEFL im Durchschnitt 251 von 300 möglichen Punkten, der Weltdurchschnitt aller Testteilnehmer liegt bei 214 Punkten. Noch besser messbar werden eigene Sprachkenntnisse künftig durch den vom Europäischen Rat etablierten "Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen" (GER). Die GER-Skala, die Sprachanbieter und Arbeitgeber verwenden werden, unterteilt Spachkompetenzen in sechs international vergleichbare Niveaustufen, von A1, "basic user", bis C2 "competent user".

Around the world: Mit Exotensprachen kann man nur begrenzt punkten

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"Englisch ist für die allermeisten Akademikerjobs unabdingbar geworden", sagt Christiane Konegen-Grenier, beim Institut der deutschen Wirtschaft zuständig für Beschäftigungssystem und Hochqualifizierte. Nach Einschätzung der Bildungsexpertin punkten Bewerber mit soliden Englischkenntnissen eher als mit einer Exotensprache, die sonst kein Mitbewerber beherrscht. "Natürlich gibt es den klassischen Sinologen, der von einer internationalen Großbank eingestellt wird. Doch er ist eine Ausnahme und muss neben ausgefallenen Sprache immer andere Schlüsselqualifikationen vorweisen."

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat in Befragungen von Großunternehmen herausgefunden, dass selbst deutsch-französische Geschäftsbeziehungen häufig auf Englisch abgewickelt werden. Und auch Könner in Latein und Altgriechisch erfahren in den Unternehmen offenbar nicht die erhoffte Wertschätzung. Die meisten Personalverantwortlichen teilen nämlich nicht die Meinung von Altphilologen, das altsprachliche Wissen sei unbedingt transferfähig - es sei denn, die befragten Personalchefs haben selbst Latein oder Griechisch gelernt.

Schaden können allerdings weder eine humanistische Bildung noch Kenntnisse in Exotensprachen. Denn, so macht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Hoffnung: "Die Nutzung einer Fremdsprache schützt vor Arbeitslosigkeit."

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