Studentenjob Komparse "Uuuund - bitte!"

Komparsen müssen vor allem zwei Dinge können: sich dekorativ im Hintergrund halten und vor der Tür warten. Manchmal springt auch eine kleine Sprechrolle heraus - zum Beispiel drei Sätze als Postbote. Ein Besuch auf dem Set von "Verbotene Liebe".

Von Almut Steinecke


Im "Restaurant": Komparsen Maja Diekmann und Thorsten Mlyneck
Anja Glitsch / ARD

Im "Restaurant": Komparsen Maja Diekmann und Thorsten Mlyneck

Die Diplomarbeit sitzt ihm im Nacken, eigentlich müsste er am Schreibtisch sitzen und lernen. Aber Thorsten Mlyneck, 29, sieht lieber anderen beim Tabubruch zu - zumal, wenn es auch noch Geld dafür gibt. Thorsten verdingt sich als Komparse in der Fernsehserie "Verbotene Liebe".

Nachmittags um zwei Uhr wartet Thorsten zusammen mit sechs anderen Statisten auf seinen Einsatz vor den TV-Studios 37/38 in Köln-Ossendorf. Die Aufenthaltsecke der Komparsen im Erdgeschoss der TV-Firma "Grundy UFA", die für die ARD produziert, ähnelt ein wenig einem Wartezimmer beim Arzt. Die Komparsen müssen allerdings nicht auf den Behandlungsstuhl, sie dürfen sich in einem Restaurant verteilen. Dort sind sie die Lückenbüßer, damit die Kamera auch eine authentische Szene einfangen kann, mit Essensgästen und allem drum und dran.

Für Thorsten ist es nicht der erste Einsatz bei "Verbotene Liebe": Seit drei Jahren kommt der Sportstudent regelmäßig für Komparsenjobs ins Studio. Ein netter Job, sagt Thorsten, "wo ich schnell mal Geld verdienen kann, ohne große körperliche Anstrengung". 50 Euro beträgt seine Komparsenpauschale pro Einsatz, eine typische Bezahlung für Komparsen. Liegt die Zeit des Drehs zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens, bekommt der Komparse 25 Prozent zusätzlich. Soll er spezielle Kleidung oder sein Fahrzeug mitbringen, gibt es 10 Euro dazu, eine Rolle mit Text wird mit bis zu 20 Euro extra honoriert.

Die eigene Szene auf Video

Thorsten Mlyneck ist genau der Typ, den man sich vorstellt für eine Seifenoper, obwohl Serien, wie er selbst sagt, eigentlich nicht so sein Ding sind - als Zuschauer zumindest.

Eine Bekannte, die jede Woche den Komparsenplan festlegt, brachte ihn vor drei Jahren auf die Idee, es selbst einmal zu probieren. Bewerben musste sich der Nebendarsteller nicht, er ging ins Studio, das Produktionsteam machte ein paar Porträtaufnahmen von ihm. "War irgendwie alles zwischen Tür und Angel", sagt Thorsten. Dann war er drin. Mit den Drehs komme schnell die Routine. "Am Anfang habe ich gefragt, wann das gesendet wird, habe mir zu Hause den Videorekorder programmiert und war aufgeregt." Besonders einmal sei er nervös gewesen, als er einen Postboten spielte, mit richtigem Text. Seine drei Sätze mailte ihm die Redaktion einen Tag vor dem Dreh, erzählt Thorsten.

Beziehungsdramen in Serie: Szene aus "Verbotene Liebe" (Folge 1467, 02.03.2001)
ARD / Anja Glitsch

Beziehungsdramen in Serie: Szene aus "Verbotene Liebe" (Folge 1467, 02.03.2001)

Dann ist es mit dem Warten vorbei: Aufnahmeleiter Christoph Surholt biegt um die Ecke und klatscht hektisch in die Hände. "Alle Komparsen bitte ins Studio und die Handys bitte aus - sonst klingelt's in der Bierkasse", schnarrt er und zieht das Mikro an seinem Ohr in die richtige Position.

Im Gänsemarsch stapft Thorsten mit den anderen Statisten durch die Studiotür in die Halle, die mit den verschiedenen Kulissen von "Verbotene Liebe" vollgestopft ist. Hier eine Bibliothek mit grün gepolsterten Stühlen aus Eiche, weiter hinten eine Küche mit Fliesen aus schwarz-weißem Mosaik. Dazwischen ungemachte Betten für die WG-Szenen und ein Bad mit dem obligatorischen Duschvorhang aus Plastik. Auf dem Boden überall dicke Kabel.

Lautlose Diskussion

Thorsten nimmt an einem der vielen Restauranttische Platz, zusammen mit Maja Diekmann aus Köln. Die 19-Jährige ist erst zum zweiten Mal Komparsin, im Winter will sie mit dem Studium anfangen. Gleich soll sie sich mit Thorsten in ein Gespräch vertiefen, das man nur sehen, aber nicht hören kann. Die Gesprächspartner sollen die Lippen auf- und abbewegen, ohne wirklich etwas zu sagen. "Das sieht bestimmt total bescheuert aus", sagt Maja.

Stücke von Apfelstrudel häufen sich auf Tellern, mit denen zwei Mädchen aus der Film-Crew von Tisch zu Tisch eilen, roten Traubensaft in die Gläser gießen, an den gestärkten Tischtüchern zupfen. Der Puderpinsel in der Hand der Visagistin wieselt von Gesicht zu Gesicht, Regieassistent René Wolter rückt an Tischen und Stühlen herum. Ein Mann thront auf einem drehbaren Kameraturm, lenkt das Mikro an einem langen Arm aus Stahl zum vordersten Tisch, wo die Hauptdarsteller sitzen. Dann verstummen plötzlich alle.

Nuscheln mit Apfelstrudel

"Uuuund - bitte!" Das Kommando des Regieassistenten löst die Starre. Lars Korten, einer der Hauptdarsteller von "Verbotene Liebe", schiebt sich Apfelstrudel in den Mund, beginnt seinen Text, Maja und Thorsten lächeln, gestikulieren tonlos mit dem Ober im Hintergrund. Mit "Stopp!" unterbricht die Stimme des Regisseurs Tilmann Schillinger die Szene: Der Hauptdarsteller hat ihm zu sehr genuschelt.

Alles von vorne. "Uuuund - bitte!" Der Kellner beugt sich zu Maja und Thorsten, die beiden Studenten fahren mit den Händen durch die Luft, als würden sie eine Bestellung aufgeben. Derweil nimmt Lars Korten den Mund nicht mehr ganz so voll.

Nach zehn Minuten ist die Szene im Kasten. Die Darsteller springen auf, die Crew schiebt die Kameras in eine neue Ecke, zu einer Bar-Kulisse für die nächste Einstellung. Für Maja und Thorsten heißt es wieder Warten. Maja atmet aus. Eben am Tisch, sagt die Anfängerin, musste sie sich ganz schön das Kichern verkneifen. "Aber ich habe mir vorgestellt, was wohl passiert, wenn ich jetzt laut lospruste, und da verging mir das Lachen gleich wieder."



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