Studentenjob Schlangesteher Geld fürs Nichtstun

Lesen und lernen dürfen sie, nur sitzen nicht. Die US-Studentinnen Electra und Daphne stellen sich im Kongress für Sitzungen an, bis zu neun Stunden lang. Dann räumen sie den Platz für Lobbyisten. Schlangestehen ist in Washington ein beliebter Studentenjob - manchmal ein schmerzhafter.

Lina Zimmer

Von Lina Zimmer


Wenn die Schmerzen von den Beinen in den Rücken ziehen, dann weiß Electra, dass die Sonne hoch über Washington steht. Sehen kann sie nicht, dass es hell geworden ist über Kapitol und Weißem Haus. Dort, wo sie seit Stunden steht, gibt es keine Fenster: in den Fluren eines Kongressgebäudes.

Die Füße tun nach einer Stunde weh; nach zwei Stunden der Rücken. Wenn man sich an die Wand lehnt, erst nach zweieinhalb. Dann hat Electra, 21, dunkle Bluse, Pferdeschwanz, schon 30 Dollar verdient. Sie ist ein sogenannter Linestander, eine professionelle Ansteherin. Eine von rund 80, vermietet von der Agentur Ace Linestanding an Lobbyisten und Anwälte, die ihre Zeit nicht mit Schlangestehen verplempern wollen. Und Schlange stehen muss, wer eine öffentliche Sitzung des Kongresses miterleben möchte.

"Bei wichtigen Themen stellen sich die ersten schon zwölf Stunden vorher an", sagt John Hazakis, Gründer von Ace Linestanding. "Irgendwann in den achtziger Jahren hat das angefangen: zu viele Lobbyisten, zu wenig Plätze."

Nur Abgeordnete und geladene Experten dürfen in den Sitzungen reden, aber darum geht es den Lobbyisten auch gar nicht. Sehen und gesehen werden, darum geht es. "Wenn die Sitzungen im Fernsehen übertragen werden, ist der Andrang besonders groß", sagt John. Zuerst hätten die Firmen noch eigene Mitarbeiter in die Schlangen geschickt, doch das sei auf Dauer zu teuer gewesen. Und irgendwann in den neunziger Jahren sei dann jemand auf die Idee gekommen, Leute fürs Anstehen zu beschäftigen, deren Zeit weniger wertvoll ist.

Get up, stand up

John war einer von ihnen. Mit dem Schlangestehen hat er sein Betriebswirtschaftsstudium an der renommierten Georgetown-Universität bezahlt. Nach dem Abschluss stieg er vom Ansteher zum Manager auf, 2006 machte er sich selbständig.

36 Dollar pro Stunde verlangt John Hazakis für die Vermittlung eines Anstehers. Electra Bolotas bekommt zwölf Dollar pro Stunde. Alles, was sie dafür tun muss, ist stehen. An die Wand lehnen ist erlaubt. Hinsetzen nicht. Da sind die Sicherheitsleute streng. Sie wollen keine Ausweise sehen und keine Gründe für den Besuch hören. Nur sitzen darf man in den Fluren nicht. Die Fluchtwege müssen frei bleiben, heißt es.

Electra ist die Nummer fünf in der Schlange vor Raum 1100 im Longworth House Office Building, ihre Schwester Daphne die Nummer sechs. Männer in schwarzen Anzügen und Frauen in schwarzen Kostümen huschen an ihnen vorbei, einige reihen sich still ein. Zeitungen rascheln, Absätze klacken. Schon reicht die Schlange bis zur Tür des nächsten Sitzungssaales. Das Neonlicht zeichnet die Schatten der Wartenden auf den blankgeputzten Marmorboden. Daphne kramt eine Gratiszeitung aus ihrer Handtasche, Electra steckt sich Kopfhörer in die Ohren.

Um 10 Uhr wird der erste Redner vor dem Committee on Ways and Means, dem ältesten und einem der wichtigsten Ausschüsse des Repräsentantenhauses, sein Plädoyer für die Legalisierung von Glücksspiel im Internet halten. Kurz vor 10 Uhr sollen die beiden ihre Plätze an zwei Lobbyisten abgeben. Das ist in drei Stunden.

Money for nothing

Gesehen haben Daphne und Electra die beiden Männer, die jetzt bestimmt noch gemütlich in ihren Betten liegen, noch nie. Deshalb haben sie ein Blatt Papier mit dem Namen ihrer Agentur vor sich auf den Boden gelegt. "Das ist eigentlich verboten", sagt Electra. "Aber meist sagt niemand was."

Electra arbeitet schon seit vier Jahren als Ansteherin, früher nur in den Schulferien, jetzt auch während des Semesters. Neun Stunden Schlange stehen an einem Tag ist ihr persönlicher Rekord. "Ich habe schon viele Jobs ausprobiert, aber das ist der beste", sagt sie. "Ich kann Musik hören, lesen, lernen und kriege auch noch Geld dafür - das ist doch super."

Für Daphne ist es erst der vierte Warte-Einsatz. Eigentlich wollte sich die 19-Jährige ihr Studium mit Taekwondo-Stunden finanzieren, doch Electras Nebenjob klang zu verlockend: "Wo wird man sonst schon fürs Nichtstun bezahlt?"

Die beiden Schwestern studieren an der Universität von Virginia, Daphne Ethnologie und Spanisch, Electra Globale Entwicklung. In ihren Lebenslauf hat Electra geschrieben, dass sie nebenberuflich "Lobbyisten Zugang zu Anhörungen des Kongresses verschaffe". Kann man so sagen. "Alles eine Frage der Formulierung", sagt sie und lacht.

The early bird catches the worm (but the second mouse gets the cheese)

Um 5 Uhr früh haben Electra und Daphne die erste U-Bahn nach Washington genommen. Um 7 Uhr öffnen die Kongressgebäude. Davor müssen die Linestander auf der Straße ausharren. "Mir macht es nichts aus, früh aufzustehen, nur über Nacht will ich nicht warten", sagt Electra. Sie lasse sich dann von einem anderen Ansteher ablösen und reihe sich am nächsten Morgen wieder in die Schlange ein - kein Problem, die Wartenden seien nett zueinander: "Wenn man mal auf die Toilette muss, halten einem die anderen den Platz frei."

John Hazakis hat für jede Tages- und Nachtzeit den passenden Ansteher in seiner Datenbank. Außer Studenten beschäftigt er vor allem Rentner und Arbeitslose. "Ansteher ist kein richtiger Beruf, damit kann man keinen Lebensunterhalt verdienen", sagt er. "Meist bekomme ich die Aufträge erst am Tag vorher, ich kann niemandem ein festes Einkommen garantieren."

Rund 200 Lobbyisten und Anwälte zählt John zu seinem festen Kundenstamm. Seine größten Konkurrenten sind Congressional Services und Washington Express. John hat mittlerweile den Überblick darüber verloren, wie viele Firmen in Washington im Geschäft mit der Schlange mitmischen. "Es machen immer wieder Agenturen auf, aber die meisten verschwinden irgendwann wieder", sagt er.

Wenn es nach Claire McCaskill ginge, der Senatorin von Missouri, würden bald alle verschwinden. Die Ansteher gefährdeten die Demokratie, sagt sie. Schon vor drei Jahren erarbeitete sie einen Gesetzentwurf, der verbieten soll, Menschen für das Schlangestehen vor öffentlichen Sitzungen zu bezahlen. Er wurde abgelehnt. "Jeder weiß, was Lobbyisten bewirken können", sagt John. "Und es gibt keinen Beruf, der eine stärkere Lobby hat."

Daphne und Electra sind sich sicher, dass sie in den nächsten Jahren noch viele Stunden im Kongress warten werden. Vielleicht auch einmal ohne Bezahlung. "Wenn man ständig hier ist und die Politiker an einem vorbeilaufen, will man irgendwann selbst mitmachen", sagt Electra. Schon mehrmals habe sie überlegt, ihren Platz einfach nicht mehr herzugeben.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
loncaros 14.07.2010
1. t
$36 verlangt die Agentur, $12 gehen an die Linestander weiter. Da verdient sich jemand einen goldenen Arsch, gibt es noch keine Schwarzsteher?
Das Auge des Betrachters 14.07.2010
2. Demokratieunterwanderungsindustrie
Und alles was Ihnen zu diesem unglaublich ( nicht strafbarem? ) Vorgang einfällt sind die Füße der Hilfskräfte?
mhampel, 14.07.2010
3. Mehr als bei uns.
Zitat von loncaros$36 verlangt die Agentur, $12 gehen an die Linestander weiter. Da verdient sich jemand einen goldenen Arsch, gibt es noch keine Schwarzsteher?
Das ist trotzdem sehr viel mehr Geld, als man in Deutschland dafür bekommen würde. Dank Hartz-IV sind ja alle Arbeitslosen dazu verpflichtet jeden Job anzunehmen -- auch Jobs, von denen man nicht leben kann. Da würde ein entsprechender Lohn eher im Bereich 3-5€ liegen. Wenn eine Firma geschickt ist, kann sie auch 1-Euro-Jobber dafür rekrutieren.
veremont 14.07.2010
4. Super
Das ist verglichen mit Jobs im Gastronomiegewerbe hier in Deutschland der absolute Traumjob. Als Studentische Aushilfe, die ganze Nacht hindurch kellnern, nicht sitzen, mit Glück darf man kurz etwas trinken verdient man keine 7 Euro die Stunde. Und so ein Job kann sich über 10 Stunden ziehen. Traumjob Schlangesteher sag ich da nur. Abschalten, hinstellen, Geldverdienen.
rabka_uhalla 14.07.2010
5. Wieder mal was zum lachen
... typisch Ami-Land
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.