Studie Eltern verbringen doppelt so viel Zeit mit ihren Kindern wie vor 50 Jahren

Zwischen Vollzeitjob und dauerndem Blick aufs Smartphone bleibt Eltern heute weniger Zeit für ihre Kinder als früher - so das gängige Klischee. Eine Studie zeigt: Das Gegenteil ist der Fall.

Mütter verbringen im Schnitt 104 Minuten pro Tag mit ihren Kindern
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Mütter verbringen im Schnitt 104 Minuten pro Tag mit ihren Kindern


Eltern verbringen heute mehr Zeit mit ihren Kindern als noch vor rund 50 Jahren. Mütter widmen ihnen fast doppelt so viel Aufmerksamkeit wie noch 1965, heißt es in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift "Psychologie heute". Die Dauer stieg demnach von 54 auf 104 Minuten pro Tag. Väter erhöhten ihre Kinder-Zeit sogar noch stärker - auch wenn sie deutlich unter dem Mütterpensum bleiben.

Seit 1965 vervierfachten Väter ihre Kinder-Zeit: Statt 16 Minuten widmeten sie dem Nachwuchs jetzt im Schnitt täglich 59 Minuten, heißt es in dem Artikel, der sich auf eine Studie der Universität von Kalifornien in Irvine aus dem vergangenen Jahr beruft.

Die Forscherinnen Giulia Maria Dotti Sani und Judith Treas hatten dazu Daten aus elf westlichen Ländern wie Kanada, den USA, Dänemark, Frankreich und Deutschland von rund 122.300 Müttern und Vätern mit mindestens einem Kind unter 13 Jahren von 1965 und 2012 ausgewertet. Eltern hatten dazu in Tagebüchern ihre täglichen Aktivitäten dokumentiert.

Akademiker-Eltern setzen am stärksten auf Zeit mit Kindern

Eines der zentralen Ergebnisse der Studie: Besser gebildete Eltern widmen ihren Kindern die meiste Zeit. Mütter mit Uni-Abschluss verbringen demnach 123 Minuten pro Tag mit ihrem Nachwuchs, weniger gebildete Mütter 94 Minuten. Akademiker-Väter kommen im Schnitt auf 74, weniger gebildete Väter auf 50 Minuten. Aus Sicht der Forscherinnen ist dieses Ergebnis eigentlich paradox.

"Wirtschaftstheorien zufolge sollten die höheren Einkommen der besser gebildeten Eltern diese eigentlich davon abhalten, weniger zu arbeiten, um mehr Zeit mit ihren Söhnen und Töchtern zu verbringen", zitiert das Onlineportal phys.org Judith Treas. Außerdem hätten diese Eltern eher das Geld, die Kinderbetreuung an andere Leute zu delegieren.

Aber gerade unter Akademiker-Eltern in westlichen Ländern sei die Ideologie einer "intensiven Elternschaft" inzwischen weit verbreitet und eine Art kultureller Trend, was das Großziehen von Kindern betreffe, sagte Treas. "Die Zeit, die Mütter und Väter mit ihren Kindern verbringen, wird von diesen als ausschlaggebend für deren positive kognitive Entwicklung, ihr Verhalten und ihren schulischen Erfolg betrachtet."

Ausnahme von der Regel: Frankreich

Väter kommen im Schnitt auf 59 Minuten "Kinder-Zeit" pro Tag
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Väter kommen im Schnitt auf 59 Minuten "Kinder-Zeit" pro Tag

Möglicherweise sei die Zeit, die in Kinder investiert werde, aber auch als eine Art Statussymbol zu werten - mit dem sich wohl situierte Familien von unteren sozialen Milieus abgrenzen wollten, schreiben die Autorinnen in einem Studien-Abstract. Sie rätseln außerdem noch über einen "Ausreißer" in ihren Studien-Ergebnissen: In nur einem einzigen der untersuchten Länder sei die Zeit, die Mütter mit ihren Kindern verbringen, nicht gestiegen - in Frankreich.

"Warum Frankreich eine Ausnahme bildet, können wir nicht erklären, sondern nur mutmaßen", sagte Treas auf phys.org. Das Land investiere viel Geld in die öffentliche Bildung und Betreuung von Kindern. Damit würden Eltern von ihrer Verantwortung entlastet. "Einige Fachleute spekulieren außerdem: Franzosen glauben einfach, dass Kinder auch gut zurecht kommen, ohne dass sich ihre Eltern allzu sehr in ihr Leben einmischen."

Treas und ihre Mit-Autorin Sana hatten für ihre Studie sämtliche elterliche Tätigkeiten in den Tagebuchaufzeichnungen berücksichtigt, die sich um Kinderbetreuung drehen: Essen vorbereiten, Kinder baden, wickeln, anziehen, sie medizinisch versorgen, ins Bett bringen, mitten in der Nacht trösten, mit ihnen spielen, lesen, ihnen etwas erklären oder bei den Hausaufgaben helfen.

fok/dpa

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insgesamt 83 Beiträge
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chukwumeze 13.01.2017
1. Ich kann das nicht wirklich glauben:
Vor 50 Jahren, in meiner Kindheit, waren sehr viele Frauen Hausfrauen. Die Kinder/wurden abgeholt aus KIFGA und Schule um 13:00 Uhr. Da müssen die den Umgang schon auf Sonntag Abend, 19:00 bis 19:10 beschränkt haben.
2wwk 13.01.2017
2. Das ist gut, wenn
Kinder auch mehr Zeit mit anderen Kindern verbringen die Leistungen in den Schulen gehen alle nach unten, nicht dass ich der Eltern"Zeit" die Schuld geben will Kinder lernen weniger als frueher
bekkawei 13.01.2017
3. Was heißt denn
"verbringen"? Vor 50 Jahren war die Mutter daheim und die Kinder liefen nebenher. Da hat keiner sich groß zu ihnen gesetzt und mit ihnen gespielt. Vielleicht mal an langen Winterabende eine Runde Halma. ABER es war halt 24 Stunden lang ein eng vertrauter Ansprechpartner da, der nicht mir 7 oder acht fremden Kindern geteilt werden musste.
r2o2 13.01.2017
4. Helikopter....
ich (Bj64) durfte/musste/konnte noch selbst den Schulweg von ca. 2km (Grundschule) "per pedes", bzw. 8km (Realschul) per S-Bahn erledigen und das war auch gut so! Heute werden die "Kurzen" ja bereits bei Wegstrecken >200m mindestens mit dem Pkw vorgefahren. Vermutlich fließt das auch in diese Statistik mit ein. Oft ist es für die Entwicklung der Kinder besser, wenn sich die "Alten" nicht so viel "kümmern" .
radamriese 13.01.2017
5. das kann nicht so stimmen
in den 50Jahren hier im Westen ,waren die Mütter zu Hause. DEn ganzen TAg
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