Elitärer Zirkel Professoren sind selten Arbeiterkinder

Der Vater Hilfsarbeiter, der Sohn Professor - diese Kombination ist in Deutschland sehr selten. Auf dem wissenschaftlichen Parkett zählt Herkunft mehr denn je. Besonders elitär geht es bei Juniorprofessuren zu.

Akademisches Parkett: Arbeiterkinder machen selten Karriere
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Akademisches Parkett: Arbeiterkinder machen selten Karriere


Als Arbeiterkind zum Hochschullehrer werden gelingt in Deutschland nur sehr wenigen. Die oberste Etage im deutschen Hochschulwesen ist elitär, der soziale Aufstieg dorthin bleibt schwierig - das ist das Ergebnis einer neuen soziologischen Studie. Nur jeder neunte Professor hat demnach Eltern, die als Arbeiter, ausführende Angestellte oder Beamte im einfachen Dienst arbeiteten.

Für ihre Promotion über die soziale Herkunft von Professoren erhob die Paderborner Soziologin Christina Möller Daten von 1340 Hochschullehrern in Nordrhein-Westfalen. Demnach stammt jeder dritte Professor (34 Prozent) aus gehobenen Schichten, also von Eltern ab, die Akademiker oder Freiberufler mit hohem Einkommen sind oder waren. 54 Prozent der Hochschullehrer haben Eltern, die mittleren oder gehobenen Schichten angehören: Sie arbeiten als Meister oder Poliere, mittlere Beamte, mittlere Freiberufler und größere Selbstständige.

"Die soziale Herkunft nimmt in der wissenschaftlichen Karriere an Bedeutung zu", sagt Forscherin Möller. Betrachtet man nur Professoren, die in den Jahren 2001 bis 2010 berufen wurden, verschärft sich die soziale Selektion. Lediglich zehn Prozent der Hochschullehrer stammten aus der Arbeiterschicht.

Die Juniorprofessur ist besonders ungerecht

Zwar können heute mehr Bevölkerungsgruppen studieren denn je, doch eine Karriere in der Wissenschaft können sich nur wenige leisten, erklärt Soziologin Möller ihr Ergebnis. Um Professor zu werden, braucht es meist jahrelange Unterstützung durch die Familie. Besonders die Juniorprofessur ist für Arbeiterkinder schwer zu erreichen: Nur sieben Prozent der Juniorprofessoren stammt aus niedrigen sozialen Milieus. Und Quereinsteiger auf zweitem Bildungsweg kommen laut Möllers Erhebung äußerst selten zu einer Professur.

Soziologin Möller vermutet, dass die Professoren in anderen Bundesländern noch seltener aus der Arbeiterschicht stammen. Die Professorenschaft weise in NRW "eine größere soziale Durchlässigkeit auf, die sich aus der hohen Dichte an neu geschaffenen Universitäten erklärt", schreibt die Forscherin in einer Zusammenfassung für die Zeitschrift Forschung und Lehre.

Zudem gibt es starke Unterschiede in den Fächergruppen: Bei den traditionsträchtigen Disziplinen wie Jura und Medizin, aber auch in Sport, Kunst und Musik wirkt die soziale Selektion am stärksten. Im Mittelfeld liegen Ingenieur- und Naturwissenschaften, Sprach- und Kulturwissenschaften sowie Mathematik. Sozial am durchlässigsten sind Fächer in Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften, Sozial- und Erziehungswissenschaften, Psychologie und Wirtschaft.

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cpa/dpa

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insgesamt 61 Beiträge
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LUAP 04.06.2014
1. Das wundert mich leider nicht...
... wenn man sich einfach einmal anschaut, wie das heutige Bildungssystem heute so funktioniert und das schon in der Schule. Kinder, deren Eltern aufgrund fehlender Vorbildung nicht in der Lage sind, zu Hause kräftig fachlich zu unterstützen, fahren häufig schon sehr früh gegen die Wand leistungsmässig. Von CHancengleichheit keine Spur.
lindenbast 04.06.2014
2. optional
Man muss sich nicht wundern. Der Weg zur Professur ist steil, lang und unsicher. Hier eine halbe Stelle, dort ein befristetes Pöstchen, dann mal wieder ein halbes Jahr Arbeitslosigk nutzen, im Publikationen auf den Weg zu bringen...und natürlich: keiner garantiert, dass es klappt. Und dann gibt's Hartz IV. Kein Wunder, dass das sich am ehesten noch Leute trauen, die auf familiäre Unterstützung zählen können.
ambulans 04.06.2014
3. sowas
nennt man doch gewöhnlich "selbst-referentiell", "solipsistisch" o.ä. - oder, mit worten, die auch ein einfacher mensch gerade noch versteht: da beißt sich jemand gerade in einen sehr weit entfernt gelegenen körperteil. soll derartige inzucht tatsächlich die lösung für die zukunft sein?
Horst aus Wien 04.06.2014
4. Eigner Hände Arbeit
Wie wäre es denn mit dem Umkehrschluss dass die Kinder aus "arbeitenden" Haushalten auch weniger geneigt sind einen relativ praxisfernen Posten im Hochschulbetrieb zu erstreben? Und stattdessen, wenn sie studiert haben, lieber in Wirtschaft oder Verwaltung gehen wo nicht der theoretische Diskurs sondern die Anwendung des gelernten Vorrang haben? So nebenbei sind diese Positionen auch besser dotiert als der Wissenschaftsbetrieb - auch das ist eine Motivation für Menschen die lieber anpacken als dozieren.
Helene Ebalt 04.06.2014
5. Elitär?
Ein W1-Juniorprofessor verdient weniger als ein Oberstudienrat, mancher W3-Professor mit keinen oder nur geringen Zulagen bekommt weniger als der Rektor einer Hauptschule. Was bleibt sind akademische Titel. Mit denen ist aber seit Guttenberg und Co und Titelhyperinflation kaum mehr ein Blumentopf zu gewinnen. Was, bitte, ist da elitär?
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