Tagebuch eines Baumverkäufers Wohnen im Weihnachtsgehölz

Drei Jahre in Folge verkaufte ein Leipziger Student im Advent Tannen, Fichten und Kiefern. Tag und Nacht lebte er in einem weihnachtlichen Großstadtwald. Seine Erlebnisse mit Rindenmulch und Reggae, Stämmen und Stromausfällen beschrieb er jetzt in einem Buch.

Von Carsten Heckmann


Jobber Rietschel: Ausnetzen bei Reggae

Jobber Rietschel: Ausnetzen bei Reggae

Man muss eigentlich nur ein paar Nadeln abzupfen. "Bei der Fichte bleiben beim Ausreißen Hautschuppen an den Nadeln hängen. Bei den Tannen hält man nur Nadeln in der Hand. Fichtennadeln sind rundlich und im Querschnitt spitz. Tannennadeln sind dunkelgrün, rechts und links vom Zweig angeordnet und im Querschnitt flach."

Weise Worte eines Weihnachtsbaumverkäufers, der es ja wissen muss. Er hat diese Lektion vor drei Jahren gelernt. Der Mann heißt Andreas Rietschel, ist 29 Jahre alt und offiziell Geschichts- und Philosophiestudent an der Universität in Halle an der Saale. In Wahrheit ist der Leipziger vor allem Lebemensch - und Studentenjobber. Umzugshelfer war er schon, Luftballonpromoter, TV-Statist, Müslitüteneinpacker.

Und eben Weihnachtsbaumverkäufer. In den vergangenen drei Jahren, insgesamt 75 Tage lang, sowie die dazugehörigen Nächte. Denn die - laut dem auch in diesem Jahr werbenden Schild - "wunderschönen Weihnachtsbäume" auf dem kleinen Verkaufplatz im Norden Leipzigs wollen nachts bewacht sein. So tauschte Andreas Rietschel also seine Wohnung im Alternativ-Stadtteil gegen eine Alternativ-Wohnung im Weihnachtsgehölz.

Strom aus Gottes Hand

Ein zehn Quadratmeter kleiner Wohnwagen wurde seine Behausung. Der Platz davor, mit fein duftendem Rindenmulch ausstaffiert und mit Hunderten Bäumen bepackt, wurde sein Arbeitsplatz. Kurioses und Ärgerliches, Interessantes und Schönes hat er dort erlebt, den Typus Weihnachtsbaumkäufer studiert. All das hat er nun in Tagebuchform verpackt, komprimiert auf 24 Tage, also eine Adventszeit.

Buch "24 Tage unterm Weihnachtsbaum": Den Typus Baumkäufer gründlich analysiert

Buch "24 Tage unterm Weihnachtsbaum": Den Typus Baumkäufer gründlich analysiert

So heißt das Werk denn auch "24 Tage unterm Weihnachtsbaum". Der Leser erfährt vom harten Verkaufsalltag, wird mit Fachvokabeln wie "Stamm verjüngen" (schmaler hacken) und "Baum ausnetzen" (von der Nylon-Verpackung befreien) vertraut gemacht. Er bekommt eine Schilderung vom Wohnwagentisch, der beim Frühstück schon mal zusammenbricht und bei Nacht umgeklappt zur Schlafstatt wird. Und er erfährt, dass der "Strom aus Gottes Hand" (von der benachbarten Kirche) auch nicht immer fließt und dass Matratzen anfrieren können.

Kurzum: Er kann sich vorstellen, dass sich Andreas Rietschel "noch nie so auf den Heiligabend gefreut" hat wie in diesen Jahren. "Ein viertes Mal mache ich das auf keinen Fall", sagt Rietschel heute. Andererseits: "Kein Nebenjob war bisher so interessant wie dieser." Schließlich ist es auch der erste, der den Teilzeit-Studenten zu einem Buch inspiriert hat.

Das liegt vor allem an den Menschen, die Rietschel kennen gelernt und nun beschrieben hat. Am Typ des "freundlichen", plaudernden Baumkäufers zum Beispiel, der berichtet, wie er "zu DDR-Zeiten aus mehreren Kiefern einen Weihnachtsbaum" geflickt hat. Aber auch am "Planlosen": "Ach, das ist eine Blautanne? Nein, ich will eine Nordmanntanne. Haben Sie eine, die genauso ausschaut?" Selbst der "Zielstrebige", dem es nicht schnell genug gehen kann, und der "Unfreundliche", der Menschen mit Arbeitshandschuhen offenbar per se nicht mag, sind für kurzweilige Zeilen gut.

Noch besser eignen sich nur streitende Eheleute. Sie sucht und sucht und will sich nicht so recht entscheiden. Darauf er: "Guck nicht so lang nach einem Baum. Das hier ist der Richtige! Hätte ich damals, als wir uns kennengelernt haben, länger rumgeschaut, hätte ich dich auch nicht genommen."

Mindestens jeden zweiten Tag bekam Rietschel Besuch von Freunden und Verwandten. Gesprächsrunden bei Glühwein und Pizza brachten abendliche Abwechslung, ebenso wie Rock- und Reggae-Musik. Wenigstens etwas, wenn man sich schon, wie Rietschel berichtet, "fühlt wie am Ende der Welt". Und das Studium hat Rietschel auch nicht völlig vergessen. Wenigstens sei in den nächtlichen Sitzungen ganz schön viel philosophiert worden, sagt er.

Seinen Verkaufsschlager Nordmanntanne favorisiert Rietschel übrigens persönlich nicht: "Die Blaufichte stachelt mehr und hält die Nadeln nicht so lange - aber sie duftet wunderbar nach Wald."


Andreas Rietschel: "24 Tage unterm Weihnachtsbaum" Books On Demand GmbH, Norderstedt. 9,90 Euro



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