Top-Absolventen an Problemschulen "Karriere-Kick statt Karriere-Knick"

Das Programm "Teach First Deutschland" soll ab 2008 junge Akademiker aller Disziplinen als Lehrer an Problemschulen locken. Im Interview erklärt Teamleiterin Kaija Landsberg, 28, wer die Idealkandidaten sind - und was "High Potentials" vom Schul-Experiment haben.


SPIEGEL ONLINE: Frau Landsberg, warum sollte sich ein Top-Uni-Absolvent für zwei Jahre in eine Problemschule stellen?

Kaija Landsberg, 28, leitet das Team der neuen Initiative "Teach First Deutschland"
David Ausserhofer

Kaija Landsberg, 28, leitet das Team der neuen Initiative "Teach First Deutschland"

Landsberg: Auf diese Weise kann man etwas zurückgeben von den eigenen Privilegien der guten Ausbildung, zudem auch für die berufliche Karriere profitieren. Wir wollen ein attraktives Programm auf die Beine stellen, bei dem man sich auch persönlich weiterentwickeln kann - schon durch die praktischen Erfahrungen im Umgang mit Menschen und bei der Vermittlung von Inhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen in Deutschland ein Programm aufziehen, dass sich an Vorbildern in den USA und Großbritannien orientiert. Ist die Situation hier und dort überhaupt vergleichbar?

Landsberg: Es gibt eine Menge Gemeinsamkeiten. Alle Länder haben das Problem der mangelnden Chancengerechtigkeit im Bildungssystem. Wer einmal vergleichsweise weit unten ist, hat es sehr schwer, trotzdem noch eine gute Ausbildung zu bekommen. Größere Unterschiede in den drei Ländern gibt es allerdings beim Zugang zum Lehrerberuf. Hier müssen wir das Programm für Deutschland am stärksten anpassen und arbeiten gerade gemeinsam mit Experten an einem Ausbildungskonzept, das sich speziell an den deutschen Verhältnissen orientiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Absolventen, die Sie im Blick haben, sind nicht als Lehrer ausgebildet. Denken Sie ernsthaft, dass eine pädagogische Schnellbesohlung für einen Job im Klassenzimmer reicht?

Landsberg: Wir möchten auf keinen Fall eine pädagogische Schnellbesohlung anbieten, sondern ein hochwertiges Ausbildungsprogramm. Die Teilnehmer erhalten vor ihrem Einsatz in Brennpunktschulen ein Intensivtraining. Das entwickeln wir gerade in Zusammenarbeit mit Bildungsexperten und Lehrerausbildern. Dabei soll es aber nicht bleiben. Auch während des Einsatzes an den Schulen werden unsere Teilnehmer eine kontinuierliche Betreuung bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Viele deutsche Lehrer klagen über die zermürbende Arbeit in den Schulen. Unterschätzen pädagogische Laien vielleicht den Berufsalltag?

Landsberg: Wir haben gerade eine Umfrage unter deutschen Hochschulabsolventen gestartet, was sie von der Idee von "Teach First Deutschland" halten. Die ersten Ergebnisse klingen sehr positiv. Die Leute unterschätzen die Herausforderungen meiner Ansicht nach nicht, aber vertrauen darauf, dass wir ein gutes Ausbildungs- und Betreuungskonzept entwickeln, das sie stützen wird. Ein Kernpunkt ist, dass die Programmteilnehmer intensiv in die Schulen und die Kollegien eingebunden werden und damit in dauerndem Erfahrungsaustausch stehen.

SPIEGEL ONLINE: Das könnte schwierig werden - sicher ist nicht jeder Lehrer begeistert von den jungen Aushilfskollegen…

Landsberg: Wir haben mit dem Verband Bildung und Erziehung und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gesprochen. Dort hat man vor allem das soziale Engagement gelobt, das unser Programm beinhaltet. Gleichzeitig legen die Lehrerverbände großen Wert darauf, dass unser Ausbildungskonzept den Qualitätsstandards entspricht - das wollen wir ebenfalls.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich vermeiden, dass die "High Potentials" schon nach ein paar anstrengenden Wochen im Klassenzimmer hinschmeißen?

Landsberg: Wir müssen einfach versuchen, die bestmöglichen Leute auszuwählen. Nächstes Jahr wollen wir die ersten Programmteilnehmer rekrutieren und definieren wir gerade die Auswahlkriterien, zusammen mit Bildungsexperten und Personalchefs aus der Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen ideale Kandidaten aus?

Landsberg: Sie haben Vorbildcharakter, zum Beispiel eine erfolgreiche Absolventin mit Migrationshintergrund. Außerdem brauchen unsere Teilnehmer mindestens ein abgeschlossenes Bachelor-Studium, Empathiefähigkeit, eine Begeisterung für Bildung, Kommunikationstalent und Toleranz für Leute in allen Lebenslagen. Man muss bereit sein, auf Menschen zuzugehen und sich zum Wohl der Schüler einzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Und nach dem Ausflug an Problemschulen - bleiben die Teilnehmer dann weiterhin Lehrer?

Landsberg: Wir wollen ihnen eine langfristige Qualifikation ermöglichen. Man könnte zum Beispiel im Anschluss an das Programm einen Master of Education anbieten. Die Erfahrungen in Großbritannien und den USA zeigen, dass rund die Hälfte der Teilnehmer langfristig in den Schulen bleiben möchte. Wir hoffen, dass wir das für Deutschland auch schaffen. Genauso wichtig ist aber das andere Ziel des Programms: Die Teilnehmer sollen sich mittel- und langfristig aus Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für Lehrer und Schüler einsetzen. Wir wollen also quasi ein nachhaltiges Netzwerk für Schulen aufbauen.

SPIEGEL ONLINE: Im Vergleich zu ihren Kollegen aus dem europäischen Ausland sind deutsche Uni-Absolventen alt. Ist es dann nicht eher ein Karrierekiller, wenn man mit "Teach First Deutschland" ein, zwei weitere Jahre vom Arbeitsmarkt verschwindet?

Landsberg: Erstens sinkt bei uns das Absolventenalter, durch die Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren und den Umstieg auf Bachelor/Master-Studiengänge. Und zweitens gehen wir davon aus, dass unser Programm so attraktiv ist, dass es nicht als Karriere-Knick, sondern als Karriere-Kick wahrgenommen wird.

SPIEGEL ONLINE: In England und Großbritannien geht die Rechnung auf, weil sich die Wirtschaft massiv an den Programmen beteiligt. Haben Sie schon Zusagen, welche Firmen in Deutschland mitziehen wollen?

Landsberg: Konkrete Namen können wir noch nicht nennen. Aber wir spüren eine Menge Begeisterung bei Unternehmen und Stiftungen. Auch ein Gespräch bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände war ein voller Erfolg. Wir sind sehr zuversichtlich, dass auch diese Seite des Programms für die Teilnehmer mehr als reizvoll sein wird.

Das Interview führte Christoph Seidler



Forum - Top-Absolventen in Problemschulen - ein vorbildliches Modell?
insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
discipulus, 23.10.2007
1. Der Karrierebeschleuniger!
Zitat von sysopIn den USA und Großbritannien sammeln viele Top-Absolventen nach ihrer Uni-Zeit erste Berufserfahrung als Lehrer in sozialen Brennpunkten. Mit großem Erfolg - viele Unternehmen reissen sich danach um die Teilnehmer. Können auch die deutschen Schulen von dieser Idee profitieren?
Eine ausgezeichnete Idee! Warum sollte es nicht für eine Karriere bei McKinsey und den weiteren einschlägigen Unternehmen förderlich sein, ein bis zwei Jahre beim Prekariat praktiziert zu haben? http://www.ftd.de/forschung_bildung/bildung/:Blick%20Ausland%20Gro%DFbritannien%20Karrierekick%20Klassenzimmer/266709.html Im Übrigen auch ein sehr gutes Sparmodell.
MarkK 23.10.2007
2.
Zitat von sysopIn den USA und Großbritannien sammeln viele Top-Absolventen nach ihrer Uni-Zeit erste Berufserfahrung als Lehrer in sozialen Brennpunkten. Mit großem Erfolg - viele Unternehmen reissen sich danach um die Teilnehmer. Können auch die deutschen Schulen von dieser Idee profitieren?
Auf der einen Seite 'ne Superidee - wir wären unser Imageproblem bestimmt in kürzester Zeit los. Auf der anderen Seite frage ich mich, womit es gerade die schwierigsten Jugendlichen verdient haben, als Versuchskaninchen und Karrieresprungbrett herhalten zu müssen...
furtherinstructions, 24.10.2007
3. Super Idee
Das wäre natürlich genial, nur tendieren Top-Absolventen hierzulande von Natur aus nicht zum "Lehramt"…
sam clemens, 24.10.2007
4. Praxis?
Selbstverständlich könnten solche Projekte deutschen Schulen (und vor allem deutschen Schülern) etwas nutzen. Aber versuchen Sie doch mal, als Akademiker ohne Lehramtsausbildung in Deutschland eine Lehrerstelle zu bekommen - wir haben schon für die Absolventen oft keine ausreichenden Möglichkeiten. Und andererseits gehen Sie zu wenig darauf ein, ob die Lehre auch qualitativ gut ist - meist ist guter Wille nicht ausreichend und Schülerlob dürfte kein ausreichendes Kriterium sein. Das Ganze gehört in die Kategorie "Bill Clinton und Bill Gates retten die Welt", "Mikrokredite lösen die Probleme Afrikas" usw.
VPolitologeV, 24.10.2007
5. Warum es das in Deutschland nicht gibt...
...weil in Deutschland immer noch eine Barriere zwischen den Einkommens- und Besitzschichten zu den Geringverdienern und Besitzlosen existiert. Weil man in Deutschland nur gerade so über Wasser gehalten wird, ohne Förderungsmöglichkeiten. Weil die Herkunft immer noch entscheidender ist als Verstand. Wieviele der Erb-Reichen und Erb-Entscheider wären in ihrer heutigen Position, wenn sie wirklich eine geistige Arbeit hätten leisten müssen? Und wieviele Hochbegabte kämpfen sich durch minderbezahlte Jobs, gegängelt von OFFENSICHTLICH debilen Personalleitern? Die deutsche Jugend zieht angeblich immer später von daheim aus - woran das wohl liegt? Weil es mittlerweile fast untragbar geworden ist, mit einem mickrigen Anfängergehalt eine eigen Wohnung zu finanzieren. Mein Vorschlag: Erbschaftssteuer auf 95%, Geld verwenden für die Förderung der Begabten, Verpflichtung dieser, Unterricht nach "unten" zu leisten, in welcher Form auch immer. Dann würden die bevorzugt, die Verstand, die Geist haben, und die, deren Vorteile allein aus ihrer Geburt herrühren, würden dann mal richtige Arbeit kennenlernen.
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