Traumberuf Wissenschaft Russisch Roulette im Hörsaal

Vor dem Sprung in den akademischen Olymp warten lange Leerjahre auf junge Forscher. Meist zeigt sich erst mit Anfang 40, ob es mit der ersten Professur wirklich klappt. Eine akademische Karriere ist ein Wagnis und verläuft meist alles andere als geradlinig – auch die Juniorprofessur wird daran wenig ändern. Von Tanja Kewes und Tillmann Neuscheler


Stefan Homburg hat es geschafft. Mit 24 Jahren hatte der Rheinländer sein Einser-Examen im Fach Volkswirtschaftslehre in der Tasche, mit 26 folgte die preisgekrönte Dissertation. Drei Jahre später bekam Homburg mit der Habilitation die begehrte "Venia Legendi", die Befähigung, an einer deutschen Universität Vorlesungen zu halten. Und prompt berief ihn die Universität Bonn auf eine Professur in Wirtschaftstheorie. Heute lehrt Stefan Homburg Finanzwissenschaft an der Uni Hannover und ist Mitglied des Rates für nachhaltige Entwicklung beim Bundeskanzler.

Absolventen: Doktorhut steht ihnen gut, berechtigt aber zu nichts
DPA

Absolventen: Doktorhut steht ihnen gut, berechtigt aber zu nichts

Gut gelaufen - statistisch betrachtet ist so ein akademischer Turbo-Aufstieg aber die große Ausnahme. Gerade einmal 0,5 Prozent aller deutschen Professoren gelang die Erstberufung in einem Alter unter 30 Jahren. Im Durchschnitt sind "Nachwuchswissenschaftler" schon 41, wenn sie ihre erste Professur erhalten, wie Daten des Statistischen Bundesamts belegen. In diesem Alter verdienen andere längst gutes Geld.

Karrieren in der Wissenschaft verlaufen in Deutschland meist alles andere als geradlinig. "Unter den Nachwuchswissenschaftlern herrscht große Skepsis und Verunsicherung", sagt Tassilo Schmitt. Der Referent für Personalentwicklung beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) beobachtet die Szene seit Jahren und kennt die Stimmung unter den klugen Köpfen: "Wissenschaft ist zwar nach wie vor ein Traumberuf, doch muss man sich die wissenschaftliche Karriere finanziell leisten sowie gegenüber den eigenen Kindern und dem Partner verantworten können."

Langer Marsch durch die Institution

Der akademische Hindernislauf beginnt oft schon mit der Dissertation. Vier bis fünf Jahre tüfteln die meisten Doktoranden daran und setzen sich den Doktorhut im Schnitt erst mit 33 Jahren auf. So könnte es auch Nadine Schöneck ergehen: Die 28-jährige Diplom-Sozialwissenschaftlerin, die mit ihrer Arbeit zum Thema "Tempo" beim Studienpreis der Körber-Stiftung gewann, promoviert gerade in Soziologie und hofft auf eine Karriere als Wissenschaftlerin.

Wollte mehr Tempo machen: Nadine Schöneck

Wollte mehr Tempo machen: Nadine Schöneck

Für ihre Doktorarbeit über "Inklusionsprofile und subjektive Zeitwahrnehmung" plante sie zunächst zwei, höchstens zweieinhalb Jahre ein. Inzwischen rechnet sie mit mindestens einem Jahr mehr - und wäre damit immer noch recht schnell. Neben ihrer Dissertation arbeitet Nadine Schöneck an einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Das bringt ihr eine halbe BAT-Stelle, 77 Stunden im Monat für rund 1600 Euro brutto. Für die Promotion bleiben ihr noch 15 bis 18 Stunden pro Woche.

Nach Schätzungen des Doktoranden-Netzwerk Thesis setzen weniger als 20 Prozent der Doktoranden ihre wissenschaftliche Karriere fort. Die Mehrheit wandert früher oder später in die Wirtschaft ab. Das sieht auch der Deutsche Hochschulverband, die Interessenvertretung der Professoren, mit Sorge. "Immer häufiger entscheiden sich die besten Nachwuchswissenschaftler gegen den Beruf des Universitätsprofessors", heißt es in einem Positionspapier: "Die Abwanderung ins Ausland oder in den außeruniversitären Markt ist ein immenser Schaden für die deutsche Wissenschaft." Allein in den USA sind mehr als 18.000 deutsche Hochschulabsolventen in Forschung und Wissenschaft tätig.

Freie Bahn für akademische Alleskönner

Fast 40 Jahre alt sind Nachwuchswissenschaftler im Schnitt bei ihrer Habilitation. "Viel zu alt", wettern Gegner der Habilitation seit Jahren. Abhilfe versprach die Juniorprofessur. 2002 von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) ins Leben gerufen, sollte sie die Wissenschaft attraktiver machen. Die Idee: Statt mehrere Jahre über einer Habilitation im stillen Kämmerlein zu brüten, qualifizieren sich junge Wissenschaftler durch eigenständige Lehre und Forschung für eine ordentliche C3- oder C4-Professur. Die Habilitation soll bis zum Jahr 2010 weichen.

Juniorprofessoren sind Beamte auf Zeit, sie werben Gelder ein, betreuen Mitarbeiter, reden in Gremien mit. Kurzum: Sie forschen und lehren eigenverantwortlich - ohne dass ein Habil-Vater dazwischenfunkt und ihnen sagt, was, wann, wo zu tun ist. Der Schnellstart soll zudem den Brain drain stoppen, die Abwanderung Hochqualifizierter ins Ausland.

Bisweilen klappt das auch. Felix Naumann zum Beispiel kehrte im vergangenen Jahr aus den USA in die Bundesrepublik zurück. Für die Juniorprofessur an der HU Berlin verließ der Informatiker das IBM Almaden Research Center in Kalifornien. Auch ideale Forschungsbedingungen und ein Top-Gehalt hielten ihn nicht in Amerika. In Deutschland lockten mehr Verantwortung, eigene Mitarbeiter und eigenständige Forschung. "Akademisch gab es keine Alternative", betont Naumann, "ohne die Juniorprofessur, wie sie hier an der Humboldt-Universität umgesetzt wird, wäre ich in der industriellen Grundlagenforschung geblieben."

Der Nachwuchs ist schwer verunsichert

Insgesamt ist die Bilanz nach zwei Jahren Juniorprofessur aber ernüchternd. Statt der ursprünglich von Bulmahn geplanten 6.000 gibt es derzeit lediglich 800 Juniorprofessoren, nur acht der sechzehn Bundesländer haben die Reform umgesetzt. Derzeit klagen die unionsregierten Länder Bayern, Sachsen und Thüringen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die faktische Entwertung der Habilitation. Ein solches Gesetz, so die Kläger, verletze die Kompetenz der Länder - im Herbst sollen die Richter entscheiden.

Harald Völker: Juniorprofessur nur eine halbe Sache?

Harald Völker: Juniorprofessur nur eine halbe Sache?

Vielen Juniorprofessoren ist die heutige Lage zu vage. Eine Studie der "Jungen Akademie" ergab, dass mehr als die Hälfte aller Juniorprofessoren unsicher sind, ob sie auf die Habilitation verzichten sollen. Fast jeder Dritte hat noch immer die klare Absicht zu habilitieren. Die gemeinsame Furcht: Ohne Habilitationsschrift winkt später keine ordentliche Professorenstelle.

"Die Habilitation ist noch immer ein sehr angesehener Weg", sagt Harald Völker von der Universität Göttingen. Der 36-jährige Sprachwissenschaftler hat sich selbst für die Habil entschieden, sieht aber deutliche Unterschiede zwischen den Fächern: "Viele Professoren empfinden die Juniorprofessur als halbe Sache, wobei die Ablehnung etwa in Medizin und Jura wesentlich stärker ist als in den Ingenieurwissenschaften. Dort ist die Habilitation längst nicht mehr zwingend."

"Die Fallhöhe ist enorm"

Wie auch der Streit zwischen den beiden Systemen ausgeht, am Grundproblem des akademischen Nachwuchses wird sich wenig ändern. Entscheidend bleibt die Frage: Lohnt das Risiko einer wissenschaftlichen Karriere überhaupt? Was Habilitanden und Juniorprofessoren vereint, ist die unsichere Perspektive. Irgendwann warten sie alle auf den Ruf. Manchmal kommt der Ruf nie, und ob er kommt, hängt nicht allein von der eigenen Leistung ab.

"Gut genug sein reicht oft nicht", sagt CHE-Mitarbeiter Tassilo Schmitt. Der Arbeitsmarkt für solch spezialisiertes Wissen sei dünn und schwer kalkulierbar, ob im passenden Zeitfenster gerade eine Professur für das eigene Spezialgebiet frei werde. "Egal ob Habilitation oder Juniorprofessur, die akademische Laufbahn bleibt ein kaum kalkulierbares Wagnis", so Schmitt. Einen geregelten Übergang auf eine ordentliche C3-Professur auf Lebenszeit wie im amerikanischen System des Tenure track existiert in Deutschland nicht.

Erhielt als erste Juniorprofessorin eine C4-Professur: Die Berliner Forscherin Claudia Kemfert
DIW Berlin

Erhielt als erste Juniorprofessorin eine C4-Professur: Die Berliner Forscherin Claudia Kemfert

Was aber, wenn es mit dem Ruf nicht klappt? Die große Karriere in der Wirtschaft startet mit 40 kaum jemand mehr. Auch an sich zufriedene Nachwuchsforscher wie Rolf Nohr, 35, ängstigt diese Aussicht: "Die Fallhöhe im System ist enorm", weiß der Medienwissenschaftler an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig.

Damit aus Lehrjahren keine Leerjahre werden, fordern Experten wie Thomas Mergel von der Initiative Wissenschaftlichernachwuchs.de mehr Stellen im oberen Mittelbau: Lebenszeitstellen für Hochqualifizierte unterhalb des Professors, vergleichbar mit den "Akademischen Räten" der siebziger und achtziger Jahre oder den britischen Lecturers, die einen großen Teil der Lehre an den Universitäten übernehmen. Lehrpersonal wird in den kommenden Jahren wichtiger denn je, weil die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse viel lehrintensiver sind.

Habilitand Harald Völker bleibt indes skeptisch: "Die Perspektiven im Mittelbau bluten aus", sagt der Sprachwissenschaftler mit Blick auf die auslaufenden Ratsstellen. "Das Wagnis Wissenschaft", so der 36-Jährige, "bleibt für Habilitanden und Juniorprofessoren Russisch Roulette."

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