Jura-Studenten und die Todesstrafe Woher kommt diese Grausamkeit, Herr Streng?

Wie kann es sein, dass ein Drittel der Jurastudenten an einer deutschen Uni die Todesstrafe befürwortet? Der Kriminologe Franz Streng hat die Zahlen erhoben und erklärt: Schuld sind Medien und Fernsehserien.

Ein Interview von Guido Kleinhubbert

Tod als Strafe: Ein Hinrichtungsraum im US-Bundesstaat Oklahoma
AP

Tod als Strafe: Ein Hinrichtungsraum im US-Bundesstaat Oklahoma


Zur Person
Franz Streng, 68, lehrte Strafrecht und Kriminologe an der Universität Erlangen Nürnberg. Im September 2014 stellte der inzwischen emeritierte Hochschullehrer eine Umfrage vor, derzufolge ein Drittel der befragten Jurastudenten seiner Uni die Todestrafe für richtig und jeder zweite Folter für angemessen halten.

UniSPIEGEL: Herr Professor Streng, waren Sie darüber verwundert, dass 32 Prozent der Jurastudenten, die Sie an der Uni Erlangen-Nürnberg befragten, die Todesstrafe befürworten?

Streng: Ja, die sehr starke Ausrichtung auf härtere Urteile hat mich schon erstaunt. Zumal die Zustimmung zur Todesstrafe bei den jungen Juristen im Laufe der Jahre stark gestiegen ist und nun noch höher auszufallen scheint als im Durchschnitt der Bevölkerung. Dort haben wir es nach einer Studie des Forschungsinstituts Allensbach derzeit mit einer Zustimmungsrate von etwa 25 Prozent zu tun.

UniSPIEGEL: Wie ist es zu erklären, dass sich junge Menschen mit Abitur für den elektrischen Stuhl oder die Giftspritze begeistern können?

Streng: Furcht vor Kriminalität ist es sicher nicht, die dahintersteckt. Meine Umfrage belegt, dass sich die Studenten hier in Deutschland sehr sicher fühlen, und dafür gibt es ja auch gute Gründe: Die Zahl der Gewaltverbrechen nimmt seit Jahren ab, insbesondere die Zahl der Opfer von Mord oder Totschlag. Die Forderung nach härteren Strafen entspringt daher wohl nicht irgendeinem Schutzbedürfnis.

UniSPIEGEL: Sondern?

Streng: Ein Grund ist sicher, dass in den Medien sehr viel und mit oft drastischen Bildern über schwere Verbrechen berichtet wird und auch in TV-Serien oder Filmen Kriminalität eine inzwischen übergroße Rolle spielt. So etwas löst in vielen Zuschauern Mitleid mit den Opfern aus - und daran anknüpfend oft Wut und Vergeltungswünsche gegen die Täter. Derartige Affekte kann man im Grundsatz nachvollziehen. Allerdings haben sie in der Rechtsprechung nichts zu suchen. Wer von starken Gefühlen beherrscht wird, kann keine vernünftigen juristischen Entscheidungen treffen.

UniSPIEGEL: Viele der Studenten, die Sie befragt haben, werden irgendwann genau diese Entscheidungen treffen müssen - beispielsweise als Richter.

Streng: Das ist es, was mir Sorgen bereitet. Weil die jungen Menschen mit einer nicht zuletzt von den Medien aufgeladenen Strafhaltung an die Unis kommen, müssen wir in der Ausbildung mehr als bisher darauf reagieren. Unsere Studenten werden strafrechtlich zwar gut trainiert, aber ansonsten fehlt es an vielem. Es kann doch etwa nicht sein, dass es für die angehenden Strafjuristen keine Pflicht gibt, zum Beispiel Vorlesungen über Kriminologie und Rechtsmedizin zu belegen - das kann man nur freiwillig machen. Und für die Berufsanfänger besteht genauso wenig eine Fortbildungspflicht. Wir müssen angehende Richter und Strafjuristen aber dazu befähigen, sich in Täter hineinversetzen zu können und psychiatrische oder psychologische Gutachten richtig zu lesen, beispielsweise mit Blick auf die Schuldfähigkeit von Angeklagten. Die Erfahrung zeigt schon jetzt, dass viele Juristen völlig überfordert sind bei der Lektüre von forensischen Gutachten.

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UniSPIEGEL: Gibt es noch weiteren Reformbedarf bei der juristischen Ausbildung?

Streng: Wir müssen den Studenten auch den Resozialisierungsgedanken wieder näherbringen, der hat nämlich ganz erheblich an Akzeptanz verloren. Der Gedanke, den Täter während der Haft und nach Verbüßung der Strafe zu einem verantwortlichen Leben in Freiheit zu befähigen, ist unter den Studierenden nicht mehr so ausgeprägt wie früher. Noch in den Achtzigerjahren gab es eine eher idealistische Haltung unter den Studierenden. Jetzt stellen wir verstärkt nüchterne, pragmatische Einstellungen fest, bei denen es in erster Linie um die Sicherheit der Bevölkerung geht.

UniSPIEGEL: Haben Sie mit Ihren Studenten über die Umfrageergebnisse gesprochen?

Streng: Ich habe es versucht, aber leider hat das nicht so richtig funktioniert. Immer wenn ich bei der Vorstellung der Ergebnisse fragte, ob jemand Anmerkungen habe, kam kein Feedback. Ich kann das durchaus verstehen, schließlich sitzen in den Vorlesungen um die 300 Leute, da will sich keiner hervortun, womöglich sogar als Befürworter der Todesstrafe. Man könnte in kleineren Seminaren über solche Themen reden, aber von denen gibt es zu wenige.

UniSPIEGEL: Die Männer und Frauen, die an Ihrer Studie teilnahmen, waren Erstsemester-Studenten. Könnte es sein, dass sich die restriktiven Haltungen auswaschen und die Todesstrafen-Fantasien beim Abschluss nicht mehr so stark ausgeprägt sind?

Streng: Ich habe vor etlichen Jahren einmal die Einstellungen von Uni-Neulingen und Referendaren verglichen, und da offenbarte sich eigentlich das Gegenteil: Das Studium hatte die Männer und Frauen eher konservativer und strenger gemacht. Aber ich scheue davor zurück, die alten Forschungen eins zu eins auf die heutige Zeit zu übertragen, daher will ich da keine skeptischen Prognosen stellen. Ich bin eigentlich zuversichtlich, dass wir an den Unis etwas tun können, um die jetzt allzu straforientierte Haltung positiv zu beeinflussen.

UniSPIEGEL: Wie denken Sie eigentlich: Sind unsere Gerichtsurteile zu milde?

Streng: Sind sie nicht. Ich glaube, dass das alles ganz gut passt. Ich habe eher den Eindruck, dass die Gerichte bei Verbrechen, die wie Sexualstraftaten oder Tötungsdelikte stark emotionalisieren, manchmal sogar etwas zu hart urteilen. Die Forschung zeigt ganz klar, dass harte Strafen im Regelfall wenig geeignet sind, Verbrechen für die Zukunft zu verhindern. Es gibt also keine guten Gründe für einen noch restriktiveren Kurs, schon gar nicht für eine - rechtlich überdies ausgeschlossene - Wiedereinführung der Todesstrafe.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Mertrager 12.02.2015
1. In einem Punkt irrt er
Die Einführung der Todesstrafe sei auch deswegen ausgeschlossen, weil sie techtlich ausgeschlossen sei. Also wirklich jeder Jurist dürfte wissen, dasz das Quatsch ist. Prüfen Sie doch einmal, welcher Diktatur so ein Verbot widerstanden hat. In Deutschland jedenfalls nie. Also den Ansatz kann er vergessen.
logemean 12.02.2015
2. Erlangen ist nicht repräsentativ.
In Berlin, Freiburg etc. wäre das Umfrageergebnis wahrscheinlich anders gewesen. In bayrischen/fränkischen Kleinstädten gibt es konservatives Gedankengut, das in anderen Regionen eher als befremdlich empfunden wird. So mein persönlicher Eindruck.
TobyOrNotToby 12.02.2015
3. Vielleicht sollte man...
... den angehenden Juristen mal die Fälle vorführen, in denen das Abschlachten im Staatsauftrag schiefgegangen ist. Wo sich Delinquenten ewig lange quälen, bevor sie dann endlich sterben. Es ist beängstigend was für eine humanistisch unaufgekärte Gruppe da auf uns losgelassen wird. Aber das ist wohl ein Spiegel des Volkes: RTL-Zuschauer.
glasperlenspieler 12.02.2015
4. Gedankendiktatur
Anstatt mit betroffenen Opfern zu sprechen oder mit Studenten persönlich zu diskutieren, verlangt er, wie angehende Juristen zu denken haben. Eigene Meinung scheint weder bei Studenten noch in der allgemeinen Bevölkerung sonderlich erwünscht zu sein. Vielleicht sollte er auch mal sein hohes Ross mit Einfamilienhaus in Erlangen verlassen und mal zusehen, wie es den Menschn ergeht, die tatsächlich Opfer von Gewalt geworden sind.
Leser161 12.02.2015
5. Schuld?
Medien und Fernsehserien sind schuld an einer Meinung? Dürfen diese Studenten nicht diese Meinung haben? Muss da jetzt schon wieder jemand schuld sein? Es gibt Argumente für und gegen die Todestrafe, jeder ist frei zu entscheiden, welche er überzeugender findet. So ist das in der freien westlichen Welt.
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