Datenflut an Unis Forscher müssen Teilen lernen

Umfragen, Experimente, Messwerte: Unermüdlich häuft die Wissenschaft Daten an. Das Hochschulmagazin "duz" erklärt, wie Information zu einem Schatz der Erkenntnis wird, wenn sie allen Kollegen zugänglich ist. Doch nicht alle Forscher teilen gern.

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Corbis

Wissen ist Macht. Und Daten sind es erst recht. Experimente, Umfragen, Exkursionsberichte - unermüdlich türmen Forscher Messwerte auf. Das Problem: Ihre Zahlenkolonnen betrachten viele Wissenschaftler als Privateigentum.

"80 bis 90 Prozent aller Forschungsdaten verschwinden in der Schublade", schätzt Dr. Stefan Winkler-Nees, der sich bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit dem Thema befasst: Es sind Ergebnisse von Vorstudien, die nicht weiter genutzt werden; Datensätze, von denen niemand erfährt, weil sie nie zu Publikationen führen; Expeditionsprotokolle, die nach den Jahren einfach vernichtet werden. "Die meisten wissenschaftlichen Daten werden außer von denen, die sie erheben, von niemandem mehr angefasst."

Doch langsam wächst der Druck zum Datenteilen. Wissenschaftler sollen ihre Forschungsdaten offenlegen. Forscher werden gläsern, das ist die Hoffnung - und die Befürchtung.

Es gibt gute Argumente, weshalb Forscher Rohdaten offenlegen sollten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sieht darin einen Teil guter wissenschaftlicher Praxis. In ihren im Juli vergangenen Jahres überarbeiteten und aktualisierten Richtlinien dazu heißt es: "Primärdaten als Grundlagen für Veröffentlichungen sollen auf haltbaren und gesicherten Trägern in der Institution, wo sie entstanden sind, für zehn Jahre aufbewahrt werden." Dadurch könnten sich Hochschulen Datenmanipulationen und -fälschungen wappnen. Denn wie Dr. Daniele Fanelli von der Universität Edinburgh 2009 in einer Studie herausgefunden hat, haben immerhin fast zwei Prozent aller Wissenschaftler schon einmal an ihren Daten gedreht, um das Ergebnis zu frisieren. Aufdecken lässt sich solch ein Betrug eben nur, wenn die Daten gesichert und zentral in den Hochschulen aufbewahrt werden.

Zehn Prozent der Mittel für Datensicherung

Das allerdings kostet. Als ein "ambitioniertes Ziel" bezeichnet die Hochschulrektorenkonferenz in ihren Mitte Mai veröffentlichten Empfehlungen zur guten wissenschaftlichen Praxis denn auch den DFG-Vorschlag einer zehnjährigen Datenspeicherung. Die Hochschulen müssten elektronische Datenspeicher anschaffen. Was eine sichere Aufbewahrung kostet, ist schwer zu beziffern. Als Faustregel gilt: Etwa zehn Prozent der Forschungsausgaben fallen für die Datensicherung an. Dr. Stefan Winkler-Nees von der DFG geht davon aus, dass es in der Praxis aber oft deutlich günstiger sein kann, Faustregel hin oder her. Und ohnehin: Winkler-Nees empfiehlt, die Pflege all der Datenmengen nicht als Kostenfaktor zu sehen - sondern als ein Pfund, mit dem Forscher und Hochschulen wuchern können.

Wie viele neue Erkenntnisse man gewinnen könnte, wenn alle Forscher auf die vielen versteckten Datenmengen der Wissenschaftsgemeinde zugreifen könnten - diese Idee treibt die Anhänger von Open Data, der freien Verfüg- und Nutzbarkeit von Forschungsdaten, um. Open Data ist das Pendant zum Open Access, dem kostenfreien Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen - und die logische Fortsetzung: Auch die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, der Zusammenschluss der wichtigsten Forschungsorganisationen, empfahl bereits vor drei Jahren, neben Publikationen auch die zugrunde liegenden Rohdaten zugänglich zu machen.

Der offene Datenzugriff braucht Regeln, genau wie Open Access - "sonst ist es nicht praktikabel", sagte Prof. Dr. Jörg Hacker, Präsident der Nationalakademie Leopoldina, in einem Interview. Doch Open Data kostet nicht nur Geld, sondern kann auch helfen zu sparen. Künftig würden zum Beispiel nicht mehr so viele Messungen aus purer Unkenntnis doppelt gemacht. Zuerst müssen aber die Wissenschaftler überzeugt werden. Der Konkurrenzdruck um Reputation und Forschungsgelder ist groß. Da will sich niemand gerne in die Karten schauen lassen und womöglich noch anderen mit hart erarbeitetem Material zu Ruhm verhelfen. Zum gläsernen Forscher zu werden, das ist auf den ersten Blick keine verlockende Aussicht.

Seiten wie Pangaea heben einen großen Datenschatz

Einige Initiativen versuchen daher, die Wissenschaftler bei ihrer Ehre zu packen. Wie das geht, demonstriert Pangaea (Data Publisher for Earth and Environmental Science), ein Vorreiterprojekt im Open-Data-Bereich. Vor rund 20 Jahren haben Dr. Michael Diepenbroek, Meeresgeologe von der Universität Bremen, und Dr. Hannes Grobe vom Alfred-Wegener-Institut, dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, angefangen, die Datenbibliothek für Geowissenschaftler und Umweltforscher aufzubauen. Mittlerweile birgt Pangaea einen Schatz von 350.000 Forschungsdatensätzen, die auf dem Server hinterlegt sind. Das sind rund sechs Milliarden Einzelmessungen.

Der Weg zum Datenschatz führt über eine Website, die aussieht wie die Suchmaschine Google: Spartanisch weiß die Oberfläche, der Cursor blinkt in einem Eingabeschlitz in der Seitenmitte. Wer zum Beispiel CO2 eintippt, bekommt mehr als 10.000 Treffer aus allen Ecken der Welt: Aktuelle Luftuntersuchungen aus der Antarktis oder Wassermessungen eines Forschungsschiffes rund um die Färöer-Inseln, die in das Jahr 1968 zurückreichen. Mit einem Klick können die Daten heruntergeladen und nach eigenen Fragestellungen ausgewertet werden.

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insgesamt 13 Beiträge
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TLR9 26.02.2014
1. Forscher müssen Autorenschaften teilen lernen
Wenn es um Erstautorenschaften und Impactpunkte geht, wird so mancher Habilitant zum Egoisten. Da kann es schon mal passieren, dass ein engagierter Doktorand es nicht auf auf die Autorenliste schaffen sollte. Die DFG sollte es zudem mittlerweile wissen, dass bei medizinischen Publikationen die Hälfte der Autoren überhaupt keine Ahnung von dem Thema hat, weil sie nicht unmittelbar am Projekt tätig waren. Damit jemand seine Habilitationskriterien schneller erreicht, werden Autorenschaften sich gegenseitig zugeschoben. So macher verbliebene "Laborleiter" vergisst zudem nach Jahren Erkenntnisse aus einem Projekt auf ein anderes anzuwenden. So manches Projekt scheitert auch an der fehlenden Kommunikationsfähigkeit von Wissenschaftlern. Da wird die monatelange Erfassung von Nonsens-Daten schon mal in Kauf genommen, der sogar nach vagen Vordaten gefördert wird.
pepe_sargnagel 26.02.2014
2.
Zitat von sysopCorbisUmfragen, Experimente, Messwerte: Unermüdlich häuft die Wissenschaft Daten an. Das Hochschulmagazin "duz" erklärt, wie Information zu einem Schatz der Erkenntnis wird, wenn sie allen Kollegen zugänglich ist. Doch nicht alle Forscher teilen gern. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/umgang-mit-daten-der-glaeserne-forscher-a-954958.html
Welch wahnsinniger Erkenntnisgewinn! Irgendwie bin ich überrascht, dass der Autor nicht über den Tellerrand schaut! Damit unterscheiden sie sich nicht von Journalisten (jeder muss als erstes den Artikel raushauen statt sich mit anderen über die Fakten und Interpretationsmöglichkeiten zu unterhalten). In den Unternehmen teilen auch Arbeitnehmer oder Manager so gerne ihr Wissen mit anderen - oder doch nicht. Egal: Nun gehen wir mal in die von der Öffentlichkeit finanzierten Felder: Ein Ministerium teilt sein Wissen gerne mit einem anderen oder profiliert sich selbst? Ein Politiker spricht sein Wissen (bzw. die Fakten) aus, oder hält sich an die Parteilinie? Also ich denke, dass sie ihr Wissen und die Fakten nicht wirklich häufig mit den Geldgebern (Steuerzahlern) teilen. Wenigstens drängt sich in der Medienlandschaft durchaus der Eindruck auf - wenigstens wenn man immer wider zu lesen bekommt, dass Ministerien die Zahlen zurückhalten. In Familien mag das mit dem Teilen ja unter Umständen noch funktionieren. Aber sonstwo - da müssen sie schon gezielt nach Beispielen suchen!
mupark 26.02.2014
3. Aha
Es wird wüste Plagiate geben
strixaluco 26.02.2014
4. Unschätzbare Außenperspektive
Ja, eigentlich eine wunderbare Idee, mehr Daten zu teilen - zumal "Fachfremde" und Vertreter verwandter Fächer vielleicht ganz neue Schlüsse ziehen könnten als jemand, dem vor lauert Verwurzelung in der Materie schon Scheuklappen gewachsen sind. - Leider wird das Teilen aber kaum belohnt. Man lebt von einem Antrag zum nächsten und versucht, erst einmal die eigene Haut zu retten - diese Art von existenziell bedrohendem Wettbewerb ist der Sache eben nicht dienlich!
Nobody Niemand 26.02.2014
5. Jetzt erst?
Das ist so ein Drama an den Universitäten und Forschungsinstituten. Da wird gegeneinander gespielt anstatt miteinander. Es fehlt der Wille voran zu kommen. Selbst universitätsintern hat man das Gefühl eher blockiert zu werden. Also ich bin raus aus der Forschung ... aus genau diesen Gründen!
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