Kettenverträge an Unis "Mein Chef versprach mir eine feste Stelle - sie kam nie"

Alfons Hester, 48, arbeitet seit mehr als zehn Jahren an der Uni Gießen - mit 16 Zeitverträgen. Seine Klage auf Festanstellung wurde abgelehnt. Wie lebt es sich als prekär beschäftigter Wissenschaftler?

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Befristete Arbeitsverträge sind an Unis eher die Regel als die Ausnahme
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Befristete Arbeitsverträge sind an Unis eher die Regel als die Ausnahme


Seit dem Jahr 2002 arbeitet Alfons Hester an der Uni Gießen, einen festen Vertrag hat der Mathematiker aber nie bekommen. Sein Fall sorgte bundesweit für Aufsehen, er entlarvte einmal mehr das prekäre Sonderarbeitsrecht an Hochschulen.

In der Privatwirtschaft ist es extrem schwierig, Mitarbeiter derart lange mit Zeitverträgen zu beschäftigen, zuletzt ging die Zahl der befristeten Arbeitsverhältnisse sogar zurück. In der Wissenschaft aber sind Kettenbefristungen die Regel - obwohl Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) in jüngster Zeit immer wieder versprochen hat, die Arbeitsbedingungen für Nachwuchsforscher zu verbessern.

Hester klagte im vergangenen Jahr - und das Arbeitsgericht Gießen gab ihm zunächst recht: Dem Wissenschaftler stünde eine Festanstellung zu. Nun hat das hessische Landesarbeitsgericht die Klage des 48-Jährigen in zweiter Instanz abgewiesen.

Hier berichtet Hester über seine ständigen Befristungen - und wie es jetzt bei ihm weitergeht.

Zur Person
  • Privat
    Alfons Hester, Jahrgang 1966, ist Mathematiker. Nach dem Studium an der Technischen Universität Clausthal ging er an die Uni Gießen. Dort ist er seit mehr als zehn Jahren mit Zeitverträgen beschäftigt.

"Als ich 2002 die Stellenanzeige gesehen habe, war mir gleich klar: Dieser Job hat nur auf mich gewartet. Die Chemiker der Uni Gießen suchten einen Wissenschaftlichen Mitarbeiter, der Auswertungssoftware für ihre Versuche schreiben kann. Ich hatte gerade in Clausthal mein Mathematik-Diplom mit Nebenfach Informatik gemacht, außerdem hatte ich vor meinem Studium eine Berufsausbildung zum Chemisch-Technischen Assistenten absolviert. Mit den Leuten am Institut bin ich sofort super zurechtgekommen. Meine damalige Frau, unsere zwei Kinder und ich sind also nach Gießen gezogen. Die anderen Vorstellungsgespräche habe ich direkt abgesagt.

Der erste Vertrag war auf zwei Jahre befristet, das war ein Drittmittelprojekt. Das Projekt und damit das Geld für die Stelle waren dann irgendwann zu Ende, aber die Software musste trotzdem weiterentwickelt werden. 'Wir finden ein neues Projekt, um das fortzuführen', hieß es vom Professor.

Mal hat dann die Deutsche Forschungsgemeinschaft für ein paar Jahre ein Projekt finanziert, mal gab es einen anderen Förderer. Die Verträge waren mal länger, mal kürzer, manchmal sehr kurz. Ein Vertrag lief nur einen Monat lang. Eine Weile war ich daher Stammgast beim Arbeitsamt ohne je arbeitslos zu sein: Bei einem Zeitvertrag ist man verpflichtet, sich rechtzeitig vor Ablauf bei der Arbeitsagentur zu melden - und sich dann wieder abzumelden, wenn man doch nicht wie angekündigt arbeitslos geworden ist."

Ultra-Kurzzeit-Verträge sind keine Seltenheit an Hochschulen. Mehr als die Hälfte der Doktoranden hat laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2011 einen Vertrag mit einer Laufzeit unter einem Jahr. Das hatte die Politik sich anders vorgestellt, als sie 2007 das Wissenschaftszeitvertragsgesetz als Sonderarbeitsrecht für Unis schuf. Künftig sollen sich die Vertragslaufzeiten nun an der Dauer der Drittmittelprojekte orientieren: Fördert ein Geldgeber ein Forschungsvorhaben für drei Jahre, sollen Mitarbeiter möglichst auch Verträge für drei Jahre erhalten. Nicht ausgeschlossen ist es aber weiterhin, Zeitvertrag an Zeitvertrag zu hängen - und das über eine lange Zeit. Insgesamt zwölf Jahre lang können Wissenschaftler befristet beschäftigt werden. Hester ist ein Extrembeispiel für diese Praxis.

"Die Software ist mit der Zeit immer komplexer geworden. Wer hätte vor 13 Jahren gedacht, dass wir in der Chemie eines Tages zehn Gigabyte Daten und mehr verarbeiten müssen? Inzwischen ist dieses Programm ein Aushängeschild des Instituts.

Mein Chef hat auch immer wieder gesagt, dass er mir eine feste Stelle geben will, sobald eine verfügbar ist. Nur: Es kam nie dazu. Natürlich habe ich mir zwischendurch überlegt, mich woanders zu bewerben oder die Wissenschaft ganz zu verlassen. Aber warum? Ich finde den Job spannend, und irgendwie ging es ja immer weiter. Aus Gießen wollte ich auch nicht weg. Meinen Kindern war schon der Wechsel von Clausthal hierher nicht leichtgefallen. Noch einen Umzug, eine neue Schule und einen neuen Freundeskreis, das wollte ich ihnen nicht zumuten. Und man gewöhnt sich ja auch an die Kettenverträge.

Irgendwann wurde es allerdings kritisch, weil Wissenschaftler ja nur zwölf Jahre lang befristet beschäftigt werden dürfen. Von der Uni hieß es kurz vor dem letzten Vertrag, jetzt sei Schluss, wir könnten uns allenfalls irgendeine Werkvertragskonstruktion überlegen, die arbeitsrechtlich wahrscheinlich heikel gewesen wäre. Mir war nicht wohl dabei, deswegen habe ich geklagt. Im vergangenen Jahr hat das Gießener Arbeitsgericht mir dann tatsächlich eine Festanstellung zugesprochen - nach 16 Kettenverträgen. Ich habe mich sehr gefreut. Die Uni und das Land Hessen sind allerdings direkt in Berufung gegangen."

Als das Gießener Arbeitsgericht Hester im Sommer 2014 die Festanstellung zusprach, konnten sich Tausende wissenschaftliche Mitarbeiter Hoffnungen machen: Nach Meinung der Richter war das Förderprogramm, aus dem Hesters letzte Stelle finanziert worden war, kein Drittmittelprojekt, denn den Fördertopf hatte das Land Hessen gestellt, das auch Träger der Uni ist. Hester hätte damit nicht befristet angestellt werden dürfen. Das Landesarbeitsgericht sah das nun anders - in der jüngsten Entscheidung berief sich das Gericht sogar auf das Grundgesetz, das die Freiheit von Forschung und Lehre schütze. Schlechte Arbeitsbedingungen als Verfassungsrecht? Für Hester ein Schlag ins Gesicht.

"Ich war mit meinem 21-jährigen Sohn bei der Gerichtsverhandlung am Landesarbeitsgericht. Er hatte ja all die Jahre auch unter meiner prekären Beschäftigungssituation gelitten und macht sich auch jetzt noch Sorgen: Was ist mit seinem Studium? Werde ich ihm das finanzieren können, falls ich plötzlich ohne Job bin? Auf der Rückfahrt von der Verhandlung hat er dann den Anruf von meinem Anwalt entgegengenommen: kein Anspruch auf eine Festanstellung. Er war wütend, ich auch. Dieses Urteil bedeutet: Die Unis können mit ihren Mitarbeitern machen, was sie wollen. Im öffentlichen Dienst gibt es eine schlimmere Hire-and-Fire-Kultur als in der Wirtschaft.

Im Moment bin ich bei einer GmbH angestellt, die für den Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft zuständig ist. Die Uni Gießen ist Teilgesellschafter der GmbH, aber offenbar gilt hier das Wissenschaftszeitvertragsgesetz nicht. Deswegen konnte man mir da noch einen Zeitvertrag geben, obwohl ich immer noch am selben Schreibtisch sitze und mit demselben Quellcode arbeite wie vor 13 Jahren. Allerdings endet mein Vertrag Ende des Jahres, eine weitere Befristung im Anschluss erlaubt das allgemeine Zeitvertragsgesetz nicht.

Vielleicht ist es für mich dann endgültig vorbei in der Wissenschaft. Oder die Uni Gießen findet doch noch eine Stelle für mich."

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Seite 1
tom_tom_tom 12.08.2015
1. Widerlich
Man kann nur bewundern wie der Herr dennoch seine Ruhe bewahrt und nicht Gift und Galle spuckt. Der Mann ist der Wissenschaft und der Uni Giessen nach dem was dieser Artikel darstellt jedenfalls ueberhaupt nichts schuldig. Er sollte zusehen, sich den besten Vertrag den er irgendwie bekommen kann zu sichern - ausserhalb dieses ausbeutenden Systems.
tommit 12.08.2015
2. Irgendwann fällt diese Bilanzfrisur
aller staatlichen Stellen auf die Füsse.. und dann wird es äusserst hässlich... der Staat agiert hier um Längen schlimmer als jedes privatwirtschaftliche Unternehmen... inzwischen wird es sogar wieder eine kurze Phase der Verbeamtung geben für die die sie wirklich wollen, ansonsten will da nämlich keiner hin... original Ton einer Minsiterpräsidentin
Plasmabruzzler 12.08.2015
3. So ist es leider
Aber der Chef hat doch nie "versprochen", ihn fest anzustellen. Er hat es nur in Aussicht gestellt, wenn eine Planstelle frei wird. Und wenn man sich vorher erkundigt, dass man an dt. Hochschulen selten eine Festanstellung erhält, würde ich solche Stellen bestenfalls s berufliches Sprungbrett ansehen. Das Verhalten das AG ist rechtlich offensichtlich vollkommen in Ordnung gewesen. Am Ende geht man ja fürs Geld arbeiten und nicht nur, weil einem die Arbeit Spaß macht. Von daher hatte ich damals auch den Hammer in der Forschung fallen lassen, als mir woanders eine Festanstellung angeboten wurde.
fullmetalbiochemist 12.08.2015
4.
"Das Landesarbeitsgericht sah das nun anders - in der jüngsten Entscheidung berief sich das Gericht sogar auf das Grundgesetz, das die Freiheit von Forschung und Lehre schütze." Dann sucht euch mal 'nen anderen Dummern, der das beides für euch macht. Im Ausland nimmt man deutsche Wissenschaftler mit Kusshand. Noch. Bis auch die letzten guten Leute hier hingeschmissen haben.
Celestine 12.08.2015
5.
Bei den jungen Berufseinsteigern ist das Normalität an den Unis. Ein Grund, warum jeder, der etwas von sich hält, möglichst versucht, in der freien Wirtschaft eine Stellung zu bekommen, eine eigene Praxis zu eröffnen, auszuwandern oder sich sonstwie auszuklinken. Das Dumme dabei ist allerdings, dass diejenigen, die schon als Dozenten oder Lehrkraft beschäftigt haben und das Ziel haben,doch noch eine feste Stelle zu bekommen, ihre Lehrbefugnisse verlieren, wenn sie nicht zwischendurch an der Uni unterrichten. Dadurch würden sie jede Hoffnung auf eine spätere feste Stellung aufgeben. Ein perfides System. Wer glaubt, dass nur minder qualifizierte Arbeitskräfte ausgebeutet werden, irrt sich heute gewaltig.
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