Uni-Klinik Mannheim nach Hygieneskandal Ärzte misstrauen neuer Klinikleitung

Die Uni-Klinik Mannheim bemüht sich anscheinend, den Hygieneskandal zu bewältigen. Doch Verantwortung will keiner übernehmen. Und die neue Klinikleitung überzeugt viele Ärzte nicht - sie ist Teil des kaputten Systems.

Von Horand Knaup

DPA

Es soll ein Befreiungsschlag für die Uni-Klinik Mannheim sein. Geschäftsführer Alfred Dänzer gibt seinen Posten auf, die interne Kommunikation wird überprüft, und die Hygienemängel werden behoben. So will das Krankenhaus mit 55.000 Patienten pro Jahr die negativen Schlagzeilen wieder loswerden, über Fliegen und Knochensplitter an angeblich sterilen Instrumenten, über ein krankgespartes Krankenhaus.

Die Beurlaubung des Klinikchefs sei der richtige Schritt, sagte Mannheims Oberbürgermeister und Aufsichtsratschef der Klinik, Peter Kurz (SPD). Dänzer trage keine persönliche Verantwortung, teilte Kurz eilig mit, er habe seinen Schritt mit "der teils fehlenden Vertrauensbasis im Haus" begründet. Auch der 17-köpfige Aufsichtsrat des Krankenhauses sieht sich von jeder Verantwortung frei und habe keine Hinweise auf die Mängelwirtschaft gehabt.

Während die Klinikleitung und die Stadt Mannheim stets stolz waren auf den Millionengewinn ihres Krankenhauses, will nun an den Mängeln niemand schuld gewesen sein. Ein Befreiungsschlag sieht anders aus. Und was sich nach Klärung und Aufarbeitung anhörte, stößt bei Ärzten und Pflegepersonal auf Misstrauen und Unverständnis.

Denn: Operativ übernehmen nun vorerst drei Mitglieder der bisherigen Klinikführung das Geschäft. Einer von ihnen, Franz Metzger, war bisher Bereichsleiter Unternehmensentwicklung. Er galt als potenzieller Nachfolger von Dänzer, der altershalber im kommenden Frühjahr ohnehin ausgeschieden wäre.

Neue Klinikführung wusste schon lange über Mängel Bescheid

Vorschusslorbeeren kann insbesondere Metzger nicht erwarten. "Metzger war von Anfang an maßgeblich und in verantwortlicher Position mit Hygieneproblemen betraut und mit Sicherheit besser informiert als Herr Dänzer", sagt ein Klinikums-Arzt. In der Tat, so belegen es von der Staatsanwaltschaft konfiszierte E-Mails, war Metzger häufiger Adressat von Hinweisen und Beschwerde-E-Mails an die Klinikleitung. "So ändert sich am System ja überhaupt nichts", befürchtet der Mediziner.

Aufsichtsratschef Kurz bekannte immerhin, dass wichtige Hinweise zur problematischen Hygiene-Situation im Haus "versackt" seien. Da war aber bereits bekannt, dass die Klinikleitung schon seit einiger Zeit zahlreiche Hinweise auf verschmutzte Instrumente im OP-Bereich bekommen hatte. Am Mittwochmorgen waren mehrere Staatsanwälte mit Dutzenden Beamte am Klinikum vorgefahren und hatten Dokumente und medizinische Geräte beschlagnahmt. Am Abend war Dänzer als Klinikchef zurückgetreten.

Hinzukommt: Es geht dem Personal in Mannheim nicht nur um Hygienemängel bei den OPs. Die Ärzte wollen hochwertige und unversehrte Instrumente für ihre Eingriffe, sie wollen ihre Überstunden - zumindest teilweise - vergolten bekommen, sie wollen Fortbildungen besuchen können, so wie es die meisten Arbeitsverträge vorsehen.

Auch andere Krankenhäuser könnten betroffen sein

In Mannheim stand das alles permanent in Frage. Zum System gehörten Personalmangel, unbezahlte Überstunden, keine Fortbildungen, fehlendes OP-Besteck. "Dänzer zu opfern und alles bleibt beim Alten, ist unglaubwürdig", sagt Jan Schultze-Melling vom Marburger Bund, der regelmäßig für Mannheimer Ärzte um die Bezahlung ihrer Überstunden streitet.

Dass Mannheim als einziges Krankenhaus in Deutschland Hygienemängel hat, ist unwahrscheinlich: Zehntausende Patienten sterben jährlich an Infektionen, die sie sich vielfach in Krankenhäusern zugezogen haben. Christian Brandt vom Frankfurter Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Auf der einen Seite wollen und müssen im Gesundheitswesen alle immer Geld sparen. Auf der anderen Seite wird die Aufbereitung des OP-Bestecks immer komplexer."

Deutlicher ist die Kritik der Deutschen Gesellschaft für Sterilgutversorgung. Dessen stellvertretender Vorsitzender Klaus Wiese sagt: "Es geht immer nur um die Kosten. Für die Reinigung und Sterilisierung von Geräten wird Hinz und Kunz angestellt." In Deutschland, wo es für diese Tätigkeit kein Berufsbild gibt, reicht ein 24-Stunden-Kurs, um im Krankenhaus Geräte aufbereiten zu können. Zum Vergleich: In der Schweiz ist ab 2017 eine dreijährige Berufsausbildung zum Medizin-Technologen erforderlich.

In Mannheim kontrollieren Mediziner sich selbst

In Mannheim soll nun eine Arbeitsgruppe die Verhältnisse im Klinikum aufklären. Wenn sie es ernst meint, hätte sie eine Menge zu tun.

Hat der Aufsichtsrat die vormalige Klinikleitung wirklich sachgerecht überwacht? Haben die Aufsichtsratsmitglieder - unter ihnen mehrere Betriebsräte des Hauses - nichts von dem aufgestauten Frust der Mitarbeiter mitbekommen? Nichts von dem Spardruck, der auf dem Pflegepersonal, aber auch auf Chefärzten und Ordinarien lastete?

Und wie kann es sein, dass ein hochqualifizierter Chirurg, der mit seiner Großpraxis Betten im Klinikum belegt, zugleich im Aufsichtsrat des Klinikums sitzt, also sich quasi selbst kontrolliert?

Außerdem muss die Klinik die unangenehme Frage beantworten, wie es sein kann, dass der DRK-Blutspendedienst Mannheim mehrere Jahre lang Scheinrechnungen für einen Klinik-Professor ausgestellt hat, wie der Landesrechnungshof feststellte; denn das Geld, das der Professor vom DRK bezog, war Teil des Gehalts für seine Tätigkeit am Klinikum. Und die Klinikleitung soll davon nichts gewusst haben?

Die Arbeitsgruppe hat eine Menge aufzuarbeiten.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Peter Kurz habe vorläufig die Klinikleitung übernommen. Diese Information ist nicht korrekt, vielmehr bleibt Kurz weiterhin Aufsichtsratschef der Uniklinik Mannheim sowie Oberbürgermeister der Stadt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.



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insgesamt 29 Beiträge
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grenoble 24.10.2014
1. die privaten...
...machens vor, die Kommunen und deren Angestellte machens nach. Das hinterher niemand von etwas wusste, ist das übliche Spielchen der Blöden, der noch blödere Wähler fällt darauf rein und wählt diejenigen die die gesetzlichen Voraussetzungen für die Spielchen der Blöden schaffen. Und alle jubeln über Wettbewerb (Spiele der Blöden und Bescheuerten) und beteiligen sich an diesem Spiel welches nur einen Gewinner kennt. Am Ende steht ein gepuderter Chefarzt, Unternehmen bzw. deren eigner oder anleger die profitieren. Auf der Strecke bleiben die Pfleger, die Arzte, die Angestellten und die leidtragenden Patienten.
krampfradler 24.10.2014
2. Gewinne!
Wenn heutzutage ein Klinikum Millionengewinne macht muss man immer fragen auf wessen Kosten! Von wem lässt sich den ein Krankenhausträger berichten? Von der Klinikleitung. Die wird einen Teufel tun und ihre eigenen Versäumnisse preisgeben. Solange die Kohle stimmt.... Und ab wenn wurde wohl zuerst gespart wenn die Bilanz mal nicht mehr passt?
53er 24.10.2014
3.
Na klar, der Geschäftsführer und der 17 köpfige Aufsichtsrat können sich nicht vorstellen, wie das passieren konnte. Wofür bekommen diese Herrn ihre Entlohnung wenn nicht für Für Verstand und gute Arbeit? Ein Klinik ist dafür da Menschen gesund zu erhalten bzw. zu pflegen. Wo ist da Platz für große Gewinne ? Nur angemessen bezahltes und behandeltes Personal kann gute Arbeit leisten und das auch nur mit entsprechend guter medizinischer Ausstattung. Wer unter diesen Maximen eine Klinik leitet und dennoch millionenfache Gewinne erwirtschaftet, hat etwas falsch gemacht und scheint von seinen Kunden, den Patienten nicht viel zu halten.
o-w 24.10.2014
4. Ah so...
" die Interne Kommunikation wird überprüft..." Fehlende OP- Bestecke und mangelhafte Hygiene will man mit interner Kommunikation beheben. Zuerst schafft man die Planstelle des Kommunikationsbeauftragten, der den Hygienebauftragten überwacht...usw. Typisch D eben...
The dark side 24.10.2014
5. Schmutzfinken
Im Netz fand ich: Laut Schätzungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft gibt es JÄHRLICH 700.000 bis 1.000.000 nosokomiale Infektionen ("Krankenhaus keim") in Krankenhäusern, 50.000 Todesfälle durch nosokomiale Infektionen, 17.000 vermeidbare Todesfälle dadurch. Ich habe neulich eine Studie dazu gelesen, welche Kosten Hygienemängel im Krankenhaus verursachen. Mit Strichliste in Krankenzimmern sitzende passive Beobachter sollen festgestellt haben, dass eine Desinfektion der Hände nur in 30 % der Fälle vor einer Untersuchung stattgefunden hat. (Gut, dass scheint im Vergleich zu den aus Mannheim geschilderten Zuständen nicht so schlimm.) Solche Zustände wie hier, gerade vor dem Hintergrund dieses bekannten Problems? Desinteresse? Ignoranz? Gewinnmaximierungswahn?! Wenn man dann hört, dass es regelmäßig Hinweise gab ... Vielleicht sollte man von den fehlerhaft und mit dreckigem Gerät gepackten Sieben welche aufbewahren - für die, die durch ihr katastrophales Finanzmanagement diese Zustände herbeigeführt und dann noch nicht mal reagiert haben. (Vorausgesetzt, die Berichterstattung ist korrekt.)
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