Uni-Prekariat Beruhigungspille für die Generation Praktikum

Mit zarten Gesetzeskorrekturen will Arbeitsminister Olaf Scholz die Ausbeutung von Praktikanten verhindern, bleibt aber vage. Kritiker sprechen von einer Farce. Arbeitgeber dagegen beschreiben Praktika als mildtätigen Akt - für sie ist jede Regulierung Teufelszeug.

Von Nadine Michel


29 Jahre alt, frischgebackene Akademikerin - und bereit, für ihren Wunschberuf ein Praktikum zu absolvieren, auch wenn es unbezahlt ist und sechs Monate dauert. Oder zumindest das Gefühl, bereit sein zu müssen. Eine Aussicht auf Festanstellung hatte die Praktikumsbewerberin beim Deutschen Historischen Museum in Berlin nicht, auch keinen Anspruch auf Urlaub.

Demo in Berlin: Praktika ohne Bezahlung, ohne Urlaub, ohne Aussichten
DDP

Demo in Berlin: Praktika ohne Bezahlung, ohne Urlaub, ohne Aussichten

Ist das fair? "Die Absolventin ist auf uns zu gekommen, um das Praktikum zu machen, und hat auch von allen Rahmenbedingungen gewusst", verteidigt Pressereferent Rudolf Trabold das Museum. Diese Rechtfertigung wollte der Verein Fairwork jedoch nicht gelten lassen und verlieh dem Museum im Februar die "Goldenen Raffzähne", eine Auszeichnung, die jährlich an das dreisteste Praktikumsangebot geht.

Die Auswahl an solchen Fällen dürfte bei Fairwork groß sein. Seit zwei Jahren schon trommelt die "Generation Praktikum" gegen Ausbeutung und für einen fairen Umgang der Unternehmen mit Praktikanten. Eine vom Bundesarbeitsministerium veröffentlichte Studie hat soeben belegt, wo es hapert: Fast zwei Drittel aller Praktikanten erhalten gar keine oder eine Mini-Bezahlung. Und oft werden sie wie normale Arbeitskräfte eingesetzt.

Nach langem Abwarten will Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) nun reagieren. "Praktika stärken - Missbrauch verhindern", lautet das Motto. Netter Versuch. Und doch hagelt es sogleich Kritik. Denn: Alle konkreten Maßnahmen wie eine Mindestentlohnung oder eine Obergrenze für die Praktikumsdauer lehnt Scholz ab. "Der Staat sollte sich da raushalten", sagt er. Stattdessen will er im Bürgerlichen Gesetzbuch den Anspruch auf eine angemessene Vergütung für Praktikanten verankern; zudem sollen Vereinbarungen über das Praktikum im Vorfeld schriftlich festgehalten werden.

"Berufseinsteiger werden vertröstet"

Dass eine reguläre Arbeit angemessen entlohnt werden soll, steht aber bereits im Berufsbildungsgesetz, nur nicht explizit unter dem Namen "Praktikum". Hier will der Arbeitsminister klar definieren, was ein Praktikum ist - nämlich ein Lernverhältnis und nicht das "Abarbeiten" gewöhnlicher Tätigkeiten.

Ein Fortschritt also - oder doch nur reine Symbolpolitik?

"Herr Scholz vertröstet die ausgebeuteten Berufseinsteiger mit symbolpolitischen Maßnahmen", kritisiert Stefan Rippler, der die Internetplattform Generation-praktikum.de ins Leben gerufen hat. Er spricht von einer "Farce" und kann keinen Durchbruch für die Praktikanten erkennen.

Die von Scholz angekündigten "smarten Eingriffe" nennt auch René Rudolf "inkonsequent" und "unkonkret". "Sie werden kaum etwas an der jetzigen Situation ändern", sagte der Bundesjugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) SPIEGEL ONLINE. "Die Regelungen werden durch den neuen Eintrag ins Bürgerliche Gesetzbuch transparenter, dennoch werden aber die Möglichkeiten der Jugendlichen, die sich in prekären Situationen befinden, kaum verbessert."

Der DGB-Mann fordert deshalb nach wie vor: "Die Dauer eines Praktikums muss zeitlich begrenzt werden. Damit würde ein großer Missbrauch des Praktikums verhindert", so Rudolf. Ein maximal drei Monate währendes Praktikum etwa biete kaum die Möglichkeit, es als normales Arbeitsverhältnis auszunutzen.

"Generation Praktikum ist und bleibt ein Mythos"

Die Arbeitgebervereinigung BDA dagegen indes hält schon die zarten und vagen Regulierungsabsichten von Scholz für Teufelszeug, denn das verhindere die "Bereitstellung notwendiger und gewünschter Praktikantenstellen", so BDA-Vize Gerhard F. Braun. Er erklärt die Generation Praktikum zum "Mythos" und Vergütungsvorschriften für "unsinnig". Darüber könne "immer nur im konkreten Einzelfall entschieden werden"; inakzeptable Einzelfälle dürfe man "nicht zu einem Massenphänomen der Wirtschaft aufbauschen". Die Anstellung von Praktikanten, so Braun weiter, bedeute "vielfach eine Investition in deren Beschäftigungsfähigkeit" - ein gleichsam mildtätiger Akt.

"Generation Praktikum"
REUTERS
Na klar, sagen Praktikanten, die lautstark über Ausbeutung klagen. Ja, sagt auch der DGB: 56 Prozent der Hochschulabsolventen gehören dazu. Die entsprechende Studie stützt sich aber auf Angaben von lediglich 89 Teilnehmern. Karl-Heinz Minks vom Hochschul-Informations-System (HIS) dagegen sagt: "Das ist wohl eher das Gefühl einer Generation."
Praktikanten, die sich von einem un- oder unterbezahlten Arbeitsverhältnis zum nächsten hangeln. Absolventen, die qualifizierte Arbeit leisten, aber monatelang für lau arbeiten. Eine Online-Petition an den Bundestag, unbezahlte Langzeitpraktika zu verbieten, unterschrieben etwa 50.000 Menschen.
An einer HIS-Umfrage nahmen 10.000 Hochschulabsolventen des Jahres 2005 aus verschiedenen Fachrichtungen teil. Ihre Antworten fallen weit positiver aus, als es das Getöse um die "Generation Praktikum" vermuten lässt. Demnach arbeitet jeder siebte Uni- und jeder achte FH-Absolvent nach dem Studium als Praktikant. HIS-Experte Kolja Briedis sagt: In technischen Berufen oder den Naturwissenschaften seien Praktika nach Studienende eine Ausnahme, in den Sozialwissenschaften komme es häufiger zu Kettenpraktika.
Laut HIS ist die Praktikumsdauer in den "meisten Fällen auf einen überschaubaren Zeitraum beschränkt": Die Hälfte der Praktikanten absolviert nach dem Studium Praktika von maximal drei Monaten, ein Drittel von maximal sechs Monaten, nur wenige noch mehr. Die Mehrheit zeigte sich zufrieden mit Inhalten und Nutzen des Praktikums. Geld bekamen 66 Prozent der Uni-Absolventen und 83 Prozent der FH-Absolventen (wie viel genau, wurde nicht erfasst). Das HIS-Fazit: Kettenpraktika oder Praktikumskarrieren seien eine Randerscheinung, kein Massenphänomen. In der Zeit danach gelinge vielen der Sprung in die Erwerbstätigkeit.

Das sieht der Fairwork-Vorsitzende Frank Schneider ganz anders und begrüßt den Scholz-Vorstoß, nachdem die Rebellion der "Generation Praktikum" mit Demos und zwei Petitionen schon völlig zu versanden drohte. "Wir freuen uns zumindest, dass das Ministerium das Thema aufgegriffen hat. Es macht klar, dass ein Praktikum ein Lernverhältnis ist und der Praktikant auch den Anspruch darauf hat", so Schneider. Er hält den Spielraum für Interpretation aber für zu groß und fragt: "Was zum Beispiel heißt denn eigentlich 'angemessene' Vergütung konkret?"

Praktikanten brauchen Courage

Anspruch hin oder her - ein Problem bleibt: Was können Praktikanten im richtigen Leben wirklich einfordern? Das Beispiel Berufsbildungsgesetz zeigt schon heute, dass längst nicht jede Firma sich an die Vorgaben hält. Stärkt das sanft renovierte Gesetz Berufsstarter so sehr, dass sie dann auch den Mut aufbringen, auf ihre Rechte zu pochen?

Viele Absolventen hoffen, durch Praktika den Einstieg in ihren Beruf zu finden, am besten danach übernommen zu werden. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach Praktikumsstellen. Sollte da einer robust auf Vorschriften verweisen, könnte er schnell in seine Schranken verwiesen werden - und dann bekommt einfach ein Mitkonkurrent die Stelle.

Die Erfahrung zeigt: "Oft nutzen die Betroffenen nicht ihre Möglichkeiten. Sie haben das Gefühl, sich damit ihre Chance zu verbauen", sagt Gewerkschafter René Rudolf. Das kann Frank Schneider von Fairwork nur bestätigen: "Praktikanten müssn kämpfen. Das machen aber viele oft nicht, weil die Hürden zu hoch sind."

Dennoch seien Praktikanten in der Debatte der letzten drei Jahren kritischer geworden, sagt Schneider. Er hofft, dass es durch die Scholz-Initiative einen neuen Schub gibt. Sonst dürfte Fairwork auch im nächsten Jahr wieder reichlich Kandidaten für die "Goldenen Raffzähne" haben.

Forum - Job-Odyssee - Was bringen Praktika wirklich?
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Seite 1
Lewi, 15.11.2005
1. Gute Bedingungen fordern oder gehn!
Die Bedingungen meiner ersten Praktika direkt nach der Schule waren zunächst eher deprimierend. Wenig bis gar kein Geld wurde mir für einige Praktika in der Medienbranche geboten, oftmals waren meine monatlichen Fahrtkosten höher als der Lohn. Vor allem wenn man eine recht magere Auswahl an Praktikumsangeboten hat, neigt man dazu, das zu nehmen was man kriegen kann, in der Hoffnung, wenigstens seinen Lebenslauf etwas aufzupolieren. In einer solchen Lage wird man leider in der Tat oft ausgenutzt. Man "praktiziert" schließlich nicht einfach, man arbeitet unter vollem Einsatz mit. Das liegt sicher auch daran, dass man von heutigen Praktikanten aufgrund gestiegener Computerkenntnisse etc. einfach auch viel mehr fordern kann, als einfach Handgriffe zu machen und viel zuzusehen. Oft wollen die Unternehmer auch keinen Praktikanten, den sie erst noch anlernen müssen und haben von vorherein ganz spezielle Anforderungen an einen Praktikanten. Als "einfacher" Schulabgänger hat man kaum eine Chance, irgendwo angelernt zu werden; entweder man bringt die erfoderlichen Kenntnisse mit, oder es wird eben nichts draus. Daraus ergibt sich einfach, dass man klare Bedingungen (und immer einen offiziellen Vertrag!!!) verlangen sollte. Zeitraum, Aufgaben und Gehalt müssen festgelegt sein. Wenn einem die genannten Bedingungen zusagen, sollte das Praktikum gut verlaufen, ansonsten kann man dem Unternehmer den Vertrag unter die Nase halten. Wenn die Verhältnisse vor Ort denn dennoch nicht zu ertragen sind, muss man auch klar einen Schlussstrich ziehen.
ThomasGerhardt, 15.11.2005
2.
Praktika haben sich extrem gewandelt in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren, gerade im Medienbereich. Vielfach sind heute Praktikanten extrem gut ausgebildet und verrichten den Job eines ansonsten fest angestellten Redakteurs. Da habe ich selbst Ausbeutung auf allerhöchstem Niveau in den vergangenen vier bis fünf Jahren erlebt. Zumeist aber wird darüber gerade in den Medien nicht gesprochen, da der Journalist an sich zwar eine große Klappe gegenüber anderen Industrien hat, in seinem eigenen beruflichen Umwelt sich durch Feigheit und Selbstsucht auszeichnet. Schön, dass der Spiegel wenigstens mal immer wieder drauf aufmerksam macht. Es ist schon lange so, dass sich Praktika nur für die auszahlen (wenn überhaupt), wenn der Praktikant durch sein Elternhaus extrem gefördert wird, anders sind solche Praktika erst gar nicht zu stemmen, zumal diese sehr oft in Großstädten oder sogar europäischen Metropolen angesiedelt sind und erst einmal eine Menge verfügbares Geld von nöten ist. So haben sich die Praktika schon in einigen Punkten beinahe zur modernen Sklaverei gewandelt.
holala, 16.11.2005
3.
Für die Schüler ist ein solches Praktikum eine hervorragende Möglichkeiten einen Blick auf die Arbeitswelt zu werfen und einen Vorgeschmack zu bekommen.. Andererseits lernt man auch - egal in welchem Beruf- was es heißt, täglich mehrere Stunden am Stück zu arbeiten. Diese Erfahrung finde ich für jeden Schüler wichtig, denn in der Schule kriegt man vom alltäglichen Streß nur wenig mit, auch wenn die meisten Schüler da anderer Meinung sind...
Lewi, 16.11.2005
4. Einheitlicher Status
Es muss für Praktikanten einfach einen einheitlichen Status geben, an dem auch kein Unternehmen mehr nach Lust und Laune herumdoktern kann. Ein Praktikant sollte sich einreihen in den vorberuflichen Zustand, genau wie Schüler, Azubi oder Student. Vor allem deshalb, weil Praktika heute nicht mehr nur Beschäftigungen von einigen Wochen sind, oft praktiziert man Monate, gar ein oder zwei Jahre. Und das noch nicht mal aus Spaß an der Sache, sondern aus purer Notwendigkeit. Wie der Spiegel so schön schreibt, sind Praktika heute kein Plus mehr, sondern ein Muss. Da werden unerfahrene Berufsanfänger damit konfrontiert, ihre Arbeitszeit und ihr Gehalt selber zu verhandeln und durchzusetzen. Wer bringt schon leichtfertig so viel Selbstbewusstsein auf, dass er bei seinem ersten Gespräch mit einem Personalchef ein paar Hunderter mehr verlangt, auch wenn es ihm zustünde? Praktika sind heute mehr wert, als das Geld, das man dafür bekommt. Soll man sich also damit zufrieden geben, dass man zumindest seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen konnte? Dankbar dafür sein, dass man endlich arbeiten darf? @ThomasGerhardt: Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. Niemand möchte sich eingestehen, dass er jahrelang den Illusionen über die eigene Berufswahl auf den Leim gegangen ist. Es gibt sie noch, die guten und die besten Adressen, aber vielerorts fehlt einfach die Fairness. Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann?
ThomasGerhardt, 16.11.2005
5.
---Zitat von Lewi--- Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. ... Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann? ---Zitatende--- Nun kann man trefflich darüber debattieren, ob ein Studium an unseren heutigen Hochschulen, mit teilweise unqualifizierten Professoren, überhaupt für ein Überleben auf dem Arbeitsmarkt sorgen kann, aber im Bereich Medien läßt sich festhalten, dass schon Anfang der 90er Jahre (als ich mein Volontariat machte) diese ursprünglich als Ausbildungszeit erschaffene Phase sich mehr und mehr zu einem Pool von Billigst-Redakteuren entwickelte, die vorher schon die anderen Stationen durchlaufen hatten (abgeschlossenes Studium zumeist, mehrjährige Mitarbeit...) Das Volontariat wurde dazu genutzt, diesen ohnehin schon hoch qualifizierten Bewerben einzureden, dass das Volo ihnen die Tür zum Redakteur öffnete. Vier von fünf der Volontäre wurden aber jeweils turnusmäßig durch Frischfleisch ersetzt. Nun kann man sogar noch einen Level tiefer ansetzen, beim Praktikanten. Aus rein betriebswirtschaftlichem Blickwinkel macht das sogar Sinn. Und, wie mein Ex-Geschäftsführer aus der Zeit beim Future Verlag mal offen in die Runde uns aller Chefredakteure gesagt hat, bevor er das gesamte Unternehmen gegen die Wand fuhr: "Schreiben? Schreiben ist doch Scheiße. Ich schreibe jeden Tag. Briefe. Emails. Das kann doch nun wirklich jeder." Meine damalige, zu meiner allerersten schriftlichen Abmahnung (bin ich auch heute, fünf Jahre später stolz drauf, jawoll) Antwort war: "Ja, schreiben kann jeder. Aber für das, was Du in deinen Briefen schreibst, können wir schlecht von den Leuten draußen Geld verlangen." In diesem Sinne :)
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