Universitäre Hackordnung Wer ist hier der Prof?

Akademische Würden machen Eindruck. Die Uni Osnabrück entfacht neuerdings einen Streit um die richtige Titelführung und ruft "außerplanmäßige Professoren" zur Ordnung. Bei der verzwickten Nomenklatura geht es auch um Wettbewerbschancen auf dem Arbeitsmarkt.

Von Hermann Horstkotte


Fast hätte Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europaparlaments, ein Mahnschreiben von der Uni Osnabrück bekommen. Er ist Honorarprofessor der Hochschule, also Prof. ehrenhalber. Und genau wie die Inhaber von planmäßigen Professorenstellen nennt Pöttering sich auf seiner Homepage kurz und bündig Prof. "Auch in diesen Fällen werden wir auf die richtige Titelführung hinweisen", erklärte Uni-Präsident Claus Rainer Rollinger noch vor einigen Wochen SPIEGEL ONLINE.

Rollinger ist für volle Titelwahrheit und Titelklarheit. Schon Ende 2007 hatte die Uni exzellente Dozenten mit Hochschullehrerprüfung (Habilitation), aber ohne Lehrstuhl, sogenannte "außerplanmäßige Professoren", in einem Rundschreiben zu genauer und unverwechselbarer Selbsttitulatur ermahnt. Allerdings: Nach gründlichem Nachdenken will der Uni-Chef doch keinen Warnschuss an Pöttering mehr und teilt mit: "Es ist derzeit nicht beabsichtigt, ein vergleichbares Schreiben, wie es an die außerplanmäßigen Professoren versandt wurde, an unsere Honorarprofessoren zu versenden."

In dem Brief an alle anderen heißt es unmissverständlich: "Sie sind nur berechtigt, als Titel 'Außerplanmäßiger Professor' mit der Abkürzung 'apl. Prof.' zu führen." Ein falscher Titel könne "disziplinarrechtliche Konsequenzen haben". Die Apl.-er "sollten auch darauf achten, dass Sie nicht von anderen Personen als 'Professorin' oder 'Professor' angeredet werden", also etwa von Studenten in der Sprechstunde. Das niedersächsische Wissenschaftsministerium stützt diese Auffassung.

"Lebensfremder Humbug"

Manche konnten um die Jahreswende noch über ihre Belehrung schmunzeln - nun wurmt sie die gnädigere Haltung des Hochschulpräsidenten gegenüber seinen prominenten Honorarprofessoren. Hör- und sichtbar dagegen protestieren will aber niemand: "Ich befürchte, dann eher belächelt als bewundert zu werden", meint einer resigniert. "Als Titel-Verteidiger stünde ich in der Öffentlichkeit vermutlich doch so da wie jemand, der heute die Keuschheit mit Nachdruck verteidigen will."

Michael Hartmer, Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes, nennt den Osnabrücker Ordnungsruf "lebensfremden Humbug". Er verweist etwa auf die vielen "Prof."s, die mit ihrem außerplanmäßigen Titel von der Uni auf Chefarztposten an normale Kreiskrankenhäuser gegangen sind.

Nur eine Frage der Ehre? Bei der lupenreinen Titulatur handelt es sich um mehr als Empfindlichkeiten und Gefallsucht in der wissenschaftlichen Hierarchie. Das Verwaltungsgericht Oldenburg hat den Professorentitel schon vor einigen Jahren in den Rang einer Grundrechtsfrage erhoben. Dabei gehe es um die Berufsfreiheit und das Recht auf "berufliche Außendarstellung", also persönliche Selbstvermarktung.

Trostpflaster für Ex-Junioren

Allerdings steht Niedersachsen mit seiner beschränkten "Prof."-Vorschrift offenbar allein. So ist in Bayern oder Berlin die Kurzform auch für die Honorar- und apl.-Professoren zulässig, an Rhein und Ruhr ebenfalls, sofern die einzelnen Hochschulen nichts Abweichendes festlegen. Andere Bundesländer wie Brandenburg oder Hessen haben die Frage nicht gesetzlich geregelt.

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Die engherzige niedersächsische Auffassung hängt wohl damit zusammen, dass man an der Leine schnell und automatisch zum Professorentitel kommen kann, nämlich als Juniorprofessor a.D. Wer nach drei Jahren seine Zwischenprüfung bestanden hat, erhält nach Ablauf des Dienstverhältnisses, also spätestens nach sechs Jahren, unbedingten Anspruch auf den Apl.-Titel. Ähnliches gibt es sonst nur in Berlin, nämlich den Prof.-Titel sogar ohne irgendeinen abwertenden Zusatz.

Demgegenüber können sich die Ex-Juniorprofessoren in Bayern und Brandenburg lediglich wie herkömmlich Habilitierte "Privatdozent" (PD) nennen. Im CDU-geführten Thüringen und rot-schwarzen Mecklenburg-Vorpommern gehen die Ehemaligen völlig leer aus. Ansonsten ist es ganz ins Ermessen der Hochschulen gestellt, wen sie für apl.-würdig erklären wollen. Alles eine Frage der föderalen Geografie statt bundesweit gleicher Wettbewerbschancen.

Ab diesem Frühjahr gewinnt die Titelfrage mehr und mehr Bedeutung. Denn dann läuft für die ersten von rund 800 Juniorprofessoren in Deutschland ihr Zeitvertrag unwiderruflich aus. Höchstens einer von Fünfen werde auf eine Lebenszeitstelle übernommen werden, prognostiziert Kurosch Rezwan vom Förderverein Juniorprofessur.

Dann werden die Wissenschaftler nach Möglichkeit ihre akademischen Würden auf Businesscard und Briefkopf setzen, zwecks neuer "beruflicher Außendarstellung" als Arzt, Ingenieur, Unternehmensberater oder arbeitsuchender Geisteswissenschaftler. Ganz nach Gusto des titelgebenden Bundeslandes - und hoffentlich immer richtig, weil sonst eine Abmahnung à la Osnabrück droht.



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