Plagiatsaffäre Von der Leyen darf Doktortitel behalten

Die Medizinische Hochschule Hannover hat entschieden: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen muss ihren Doktortitel nicht abgeben.

Ursula von der Leyen
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Ursula von der Leyen


Die Entscheidung fiel am späten Mittwochnachmittag: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen behält ihren Doktortitel. Das teilte der Senat der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) nach Prüfung der Plagiatsvorwürfe mit.

Die Prüfung erfolgte "sorgfältig, objektiv, ergebnisoffen und ohne Ansehen der Person", teilte die Hochschule mit. Es seien zwar einige Plagiate festgestellt worden, sagte MHH-Präsident Christopher Baum. Aber: "Es gibt keine Anhaltspunkte für eine bewusste Täuschung. Es geht um Fehler, nicht um Fehlverhalten." Die Entscheidung im Senat sei 7:1 zugunsten von der Leyens ausgefallen.

Von der Leyen hält sich derzeit in den USA auf, zum Zeitpunkt der Pressekonferenz in Hannover saß sie im Flieger von Washington nach San Francisco. Nach der Entscheidung verschickte sie lediglich folgendes Statement: "Teile meiner damaligen Arbeit entsprechen nicht den Maßstäben, die ich an mich selber stelle. Ich bin froh, dass die Universität nach eingehender Prüfung zum Schluss gekommen ist, dass meine Experimente für die medizinische Forschung relevant waren und die Arbeit insgesamt die wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt."

Video: Bekanntgabe der Entscheidung

Plagiatsjäger von Vroniplag Wiki hatten von der Leyen schwere Regelverstöße vorgeworfen. Sie soll demnach auf 27 Seiten ihrer 62 Seiten langen Dissertation plagiiert oder unsauber zitiert haben. Von der Leyen stritt die Vorwürfe ab und bat im August 2015 ihre frühere Hochschule, die Medizinische Hochschule Hannover, um eine Überprüfung der Arbeit.

Eine Kommission der MHH hat die Doktorarbeit von der Leyens ein halbes Jahr geprüft. Auf Grundlage des Abschlussberichts hat der Senat der Hochschule nun entschieden.

Die Prüfer
Wer prüft eine verdächtige Doktorarbeit?
Das unterscheidet sich von Hochschule zu Hochschule. Im Fall von Annette Schavan war es der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät, bei Karl-Theodor zu Guttenberg die Prüfungskommission der Juristischen Fakultät, die damals eigens um zwei externe Experten erweitert wurde. Mit Ursula von der Leyens Doktorarbeit hat sich die Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover beschäftigt.
Wer sitzt in der Kommission, die von der Leyens Arbeit geprüft hat?
Das Gremium setzt sich aus zehn Lehrenden der Hochschule zusammen, plus einem Fachanwalt für Medizinrecht. Im Vorfeld hatten Kritiker die Unbefangenheit der Kommission infrage gestellt: Von der Leyen kenne den Vorsitzenden der Kommission aus dem Ehemaligenverein der Hochschule. Außerdem ist ihr Ehemann Professor und Geschäftsführer einer privaten Firma, die Arzneimittelstudien in Kooperation mit der Hochschule abwickelt. Die Unileitung hat alle Vorwürfe der Einflussnahme zurückgewiesen. Der Mann der Ministerin sei als "externes Mitglied des Lehrkörpers" nicht in die Gremienarbeit eingebunden.
Welche Befugnisse hat die Kommission?
Hochschulkommissionen sind keine Gerichte, sie dürfen nicht über Betrug im strafrechtlichen Sinne urteilen, wohl aber Anzeige erstatten. Ihre Aufgabe ist vielmehr, angesichts von Fehlern und nachweislich abgeschriebenen Stellen in Doktorarbeiten eine Empfehlung darüber abzugeben, ob der Doktortitel entzogen werden sollte oder nicht.
Wer entscheidet darüber, ob Ursula von der Leyen ihren Doktortitel behalten darf?
Der Senat der Medizinischen Hochschule Hannover wird auf Grundlage der Empfehlung der Ethikkommission darüber beraten und entscheiden, ob Ursula von der Leyen ihren Doktortitel weiterhin führen darf oder ob er entzogen wird. Der Senat ist das höchste akademische Gremium der Hochschule. Er wird alle zwei Jahre neu gewählt. Momentan setzt er sich aus sieben Professoren, zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern, zwei Studenten und zwei Mitarbeitern im technischen Dienst und im Verwaltungsdienst zusammen.
Welche Rolle spielt VroniPlag Wiki?
VroniPlag Wiki ist eine Internetplattform, auf der sich Plagiatsjäger austauschen. Sie überprüfen Doktorarbeiten, die unter Plagiatsverdacht stehen, indem sie die Texte Seite für Seite auswerten. Alle Fundstücke werden transparent dokumentiert. So hat VroniPlag Wiki schon mehrere offizielle Untersuchungen angestoßen. Kritisiert wird das Portal, weil die Plagiatsjäger mehrheitlich anonym bleiben. Sie haben inzwischen gut 150 Arbeiten überprüft, die wenigsten von Politikern.
Am Morgen war die Ministerin aus dem Hyatt-Hotel in der US-Hauptstadt vorbei an den wartenden Kameras geeilt. "Ein scheues Lächeln und ein 'Auf Wiedersehen' - mehr nicht. Zu den Vorwürfen und dem anstehenden Urteil wollte die Ministerin keine Stellung nehmen", berichtete SPIEGEL-Reporter Gordon Repinski aus Washington.

Am Mittwochabend soll Ursula von der Leyen eine Rede an der Universität Stanford halten, wo sie in den Neunzigerjahren als Gasthörerin Veranstaltungen besuchte. Damals hatte von der Leyen gerade ihren Doktortitel erlangt.

Ihre Dissertation mit dem Titel "C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung" hatte von der Leyen 1990 eingereicht. Im Jahr darauf wurde sie promoviert.

In der Vergangenheit sahen sich mehrere Politiker mit Plagiatsaffären konfrontiert. So trat beispielsweise der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) 2011 kurz nach Entzug seines Doktortitels zurück.

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Strittige Promotionen: Von Guttenberg bis von der Leyen
Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich unmittelbar vor der Entscheidung hinter ihre Verteidigungsministerin gestellt. Auf die Frage, ob von der Leyen auch ohne den akademischen Grad noch das Vertrauen der Kanzlerin habe, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert: "Selbstverständlich. Die Ministerin ist eine hervorragende Verteidigungsministerin, was man gerade in diesen Tagen wieder beim Zustandekommen der Nato-Aktivitäten in der Ägäis gesehen hat."

DER SPIEGEL

lgr/dpa

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Seite 1
m.urstoeger1 09.03.2016
1. Wie erwartet
Der Adel steht halt nach wie vor über allem. Wer sich eingehender mit den plagiierten Textteilen auseinandergesetzt hat, darf niemals zu dem Schluss kommen, dass es sich um handwerkliche Fehler handelt. Eine Täuschungsabsicht ist mehr als offensichtlich. Ich würde gerne erfahren, wie meine Professoren darüber denken.
Luscinia007 09.03.2016
2.
Das finde ich sogar in Ordnung. Im Gegensatz zu vielen - sehr vielen - medizinischen Dissertationen, die zwar handwerklich sauber sind, hat vdLs Diss die Wissenschaft tatsächlich vorangebracht. Und vdLs Diss entspricht auch den Ansprüchen, die zeitgenössisch an medizinische Dissertationen gestellt werden - Text abliefern, der einigermaßen nach Foschung klingt, Titel abholen, weil der Titel in der Hausarzpraxis Standard-Anforderung ist, nicht weil der Nachweis der Fähigkeit zu Forschen von Nöten ist. Warum an vdL höhere Maßstäbe ansetzen als an die Durchschnitts-Mediziner-Diss. Sinnvoller als ein Entzug des Doktortitels wäre hier die Diskussion, ob Mediziner, die nicht in Forschung und Lehre gehen wollen, sondern Praktiker sein wollen, ober dieser akademische Grad, der eigentlich die Befähigung zum Forschen belegen soll, für medizinische Praktiker überhaupt gefordert sein soll. Dazu wäre es nötig, dass die Anforderungen an med. Diss. - vom Inhalt her!! - um ein paar hundert Prozent erhöht werden.
Sonia 09.03.2016
3. Letztlich völlig egal
in ihrer Begeisterung für militärische Einsätze, Aufrüstung usw. übertrifft sie alle männlichen Vorgänger. Es hätte eine Chance bestanden, wenn die Uni den Vorwürfen gefolgt wäre, vielleicht wieder einen friedliebenderen Verteidigungsminister zu bekommen.
Neapolitaner 09.03.2016
4. Waren Zitierfehler für den Duktus der Arbeit
wichtig? Was die Sprachforscher nicht berücksichtigt hatten: nat.wiss. Arbeiten haben einen Duktus: Aufgabenstellung, Methoden, Ergebnisse. Das "Drumrum" ist sozusagen Belletristik. Da nehmen sich diese Arbeiten große Freiheiten heraus. Anders wäre zu entscheiden, wenn bei Erzielung von Ergebnissen von Anderen abgeschrieben worden wäre. Ich könnte viele Arbeiten nennen, bei denen "nicht korrekt zitiert" worden ist, ohne dass das den Wert der Arbeiten irgendwie schmälern würde. Anders ist es bei Frau Schavan, die im Duktus ihrer Arbeit, also in den Herleitungen, Fremdmaterial eingearbeitet hat, ohne dieses deutlich zu machen - statt dessen trickreich verschleierte. "Andere Baustelle" - auch für Plagiatjäger. Wenn bei Frau v.d.L. die Promotion aberkannt worden wäre, müssten viele nat.wiss. Arbeiten gleichermaßen abgewertet werden. Das wurde nun ausgebremst.
Glasperlenspiel 09.03.2016
5. Eigenartig...
...wenn jetzt ein weniger prominenter Zeitgenosse vergleichbare Probleme mit seiner medizinischen Dissertationsschrift hat, kann er dann dann auch von einer ähnlichen Großzügigkeit der Hochschule ausgehen? Ist das als Präzedenzfall zu verstehen? Oder ist das der Anfang vom Ende des Dr.med.? Oder wollten die Leute einfach sagen: "Bei der Albrecht-Tochter konnten wir garnicht anders handeln."
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