Trotz Plagiaten Darum darf von der Leyen ihren Doktor behalten

Ursula von der Leyen hat nachweislich in ihrer Doktorarbeit plagiiert. Den Titel muss sie trotzdem nicht abgeben. Warum?

Von , und , Hannover

Ursula von der Leyen
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Ursula von der Leyen


Wenn es in Kalifornien Abend ist, wird Ursula von der Leyen ihren ersten Auftritt haben nach einer wichtigen Entscheidung in ihrer Karriere. Die Verteidigungsministerin wird an der Stanford University sprechen, das Thema: Sicherheitspolitik. In der Einladung zu ihrem Vortrag ist ihr akademischer Grad ausdrücklich erwähnt - und sie wird ihn auch weiterhin tragen dürfen.

Am späten Mittwochnachmittag hat die Medizinische Hochschule Hannover entschieden, dass Ursula von der Leyen ihren Doktortitel nicht verliert. Obwohl sie laut dem Abschlussbericht der Kommission nachweislich plagiiert hat.

Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Der Präsident der Hochschule Christopher Baum begründet das Urteil bei der Pressekonferenz im Hörsaal F folgendermaßen:

Ja, die Dissertation weise klare Mängel in Form von Plagiaten vor allem in der Einleitung auf. "Konkret geht es um Fehler in der Form von Plagiaten, also Übernahme fremder Textpassagen, ohne die Originalautoren korrekt zu kennzeichnen", so Baum. Dafür sei die CDU-Politikerin als Autorin verantwortlich.

Aber: "Im zentralen Ergebnisteil der Dissertation wurden keine Mängel festgestellt." Und dieser Teil ist aus Sicht der Hochschule offenbar wichtiger als Plagiate in der Einleitung: "Die Ergebnisse der Dissertation waren wissenschaftlich neu, valide und von praktischer Relevanz", sagt Baum.

"Nur" 20 Prozent der Arbeit fehlerhaft

Es wäre, so Baum, für die Doktorarbeit gar nicht nötig gewesen, eine neue wissenschaftliche Erkenntnis zu finden. Aber von der Leyen habe das geschafft. Sie hat Frauen in der Klinik beobachtet und herausgefunden, dass sich ein Bad auch auf Schwangere mit vorzeitigem Blasensprung positiv auswirkt. Zur Entstehungszeit der Doktorarbeit hatte es dagegen Bedenken gegeben - man fürchtete ein erhöhtes Infektionsrisiko für das Kind.

Außerdem mochten weder die Kommission noch der Senat der Hochschule der Ministerin für die nachgewiesenen Plagiate eine Täuschungsabsicht unterstellen - mit einer allerdings etwas kruden Begründung: Dass von der Leyen unterschiedliche Fehler gemacht habe (mal eine falsche Quelle genannt, mal gar keine) spreche laut Kommission dafür, dass sie zwar geschludert habe, aber nicht täuschen wollte. "Es geht hier um Fehler, nicht um Fehlverhalten. Das ist ein entscheidender Unterschied", so Baum.

Und: Laut Kommission sind "nur" 20 Prozent der Arbeit fehlerhaft. Zudem handele es sich bei diesen Fehlern meist nicht um "schwerwiegende Verstöße". Nur drei Textstellen wurden als "schwere Fehler" bewertet. Die Plagiatsjäger von VroniPlag Wiki hatten hingegen beanstandet, dass ein Drittel der Doktorarbeit abgeschrieben sei.

Auch die erhobenen Vorwürfe einer möglichen Verletzung ethischer Regeln bei der Behandlung und Untersuchung von Patienten der betroffenen Studie seien Baum zufolge "eindeutig ausgeräumt" worden.

Der Senat der Hochschule habe daher mit sieben Stimmen gegen eine Enthaltung beschlossen, von der Leyen den Titel nicht abzuerkennen. Kurz gesagt: Das Ziel ist wichtiger als der Weg.

Die Prüfer
Wer prüft eine verdächtige Doktorarbeit?
Das unterscheidet sich von Hochschule zu Hochschule. Im Fall von Annette Schavan war es der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät, bei Karl-Theodor zu Guttenberg die Prüfungskommission der Juristischen Fakultät, die damals eigens um zwei externe Experten erweitert wurde. Mit Ursula von der Leyens Doktorarbeit hat sich die Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover beschäftigt.
Wer sitzt in der Kommission, die von der Leyens Arbeit geprüft hat?
Das Gremium setzt sich aus zehn Lehrenden der Hochschule zusammen, plus einem Fachanwalt für Medizinrecht. Im Vorfeld hatten Kritiker die Unbefangenheit der Kommission infrage gestellt: Von der Leyen kenne den Vorsitzenden der Kommission aus dem Ehemaligenverein der Hochschule. Außerdem ist ihr Ehemann Professor und Geschäftsführer einer privaten Firma, die Arzneimittelstudien in Kooperation mit der Hochschule abwickelt. Die Unileitung hat alle Vorwürfe der Einflussnahme zurückgewiesen. Der Mann der Ministerin sei als "externes Mitglied des Lehrkörpers" nicht in die Gremienarbeit eingebunden.
Welche Befugnisse hat die Kommission?
Hochschulkommissionen sind keine Gerichte, sie dürfen nicht über Betrug im strafrechtlichen Sinne urteilen, wohl aber Anzeige erstatten. Ihre Aufgabe ist vielmehr, angesichts von Fehlern und nachweislich abgeschriebenen Stellen in Doktorarbeiten eine Empfehlung darüber abzugeben, ob der Doktortitel entzogen werden sollte oder nicht.
Wer entscheidet darüber, ob Ursula von der Leyen ihren Doktortitel behalten darf?
Der Senat der Medizinischen Hochschule Hannover wird auf Grundlage der Empfehlung der Ethikkommission darüber beraten und entscheiden, ob Ursula von der Leyen ihren Doktortitel weiterhin führen darf oder ob er entzogen wird. Der Senat ist das höchste akademische Gremium der Hochschule. Er wird alle zwei Jahre neu gewählt. Momentan setzt er sich aus sieben Professoren, zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern, zwei Studenten und zwei Mitarbeitern im technischen Dienst und im Verwaltungsdienst zusammen.
Welche Rolle spielt VroniPlag Wiki?
VroniPlag Wiki ist eine Internetplattform, auf der sich Plagiatsjäger austauschen. Sie überprüfen Doktorarbeiten, die unter Plagiatsverdacht stehen, indem sie die Texte Seite für Seite auswerten. Alle Fundstücke werden transparent dokumentiert. So hat VroniPlag Wiki schon mehrere offizielle Untersuchungen angestoßen. Kritisiert wird das Portal, weil die Plagiatsjäger mehrheitlich anonym bleiben. Sie haben inzwischen gut 150 Arbeiten überprüft, die wenigsten von Politikern.
"Natürlich", musste Baum einräumen, sei die Überprüfung "aufgrund des Bekanntheitsgrades von Ursula von der Leyen ein besonderes Verfahren". Die Prüfung sei jedoch "sorgfältig, objektiv, ergebnisoffen und ohne Ansehen der Person" erfolgt.

Dieser Satz ist auch deshalb von Bedeutung, weil die Familie von der Leyen bis heute enge Beziehungen zur Hochschule pflegt: Ursula von der Leyens Ehemann ist Professor und Geschäftsführer einer privaten Firma, die Arzneimittelstudien in Kooperation mit der Hochschule abwickelt. Kritiker hatten außerdem im Vorfeld die Unbefangenheit der Kommission infrage gestellt, da von der Leyen den Vorsitzenden der Kommission aus dem Ehemaligenverein der Hochschule kenne.

Von der Leyen hatte die Vorwürfe von Anfang an abgestritten und im August 2015 ihre frühere Hochschule um die Überprüfung der Arbeit gebeten.

Das jetzige Ergebnis kratzt zwar am Image der extrem disziplinierten Ministerin, politischen Schaden dürfte die 57-Jährige aber nicht davontragen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dürfte ein großes Interesse daran haben, die Plagiatsaffäre schnell abzuhaken. Von der Leyen gehört zu ihren stärksten Leuten, bei einer sehr dünnen Personaldecke der CDU im Spitzenbereich. Ein entzogener Doktortitel einer Ministerin kurz vor den wichtigen Landtagswahlen am Wochenende hätte der Kanzlerin gerade noch gefehlt.

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Strittige Promotionen: Von Guttenberg bis von der Leyen
Nach Bekanntwerden des Ergebnisses teilte von der Leyen reumütig mit: "Ich bin froh, dass die Universität nach eingehender Prüfung zum Schluss gekommen ist, dass meine Experimente für die medizinische Forschung relevant waren und die Arbeit insgesamt die wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt. Teile meiner damaligen Arbeit entsprechen nicht den Maßstäben, die ich an mich selbst stelle."

Von der Leyen bereist dieser Tage die USA, anders als sonst hat sie dieses Mal aber nicht mal die Boulevard-Presse an Bord. Während in Hannover das Ergebnis der Überprüfung mitgeteilt wurde, saß die Ministerin im Flieger von Washington nach San Francisco. Die Hochschule hatte ihr das Ergebnis vorab mitgeteilt.

Dass sie ihren Termin in Stanford nicht absagte, war ein Zeichen dafür, dass sie sich vor Nachrichten aus der Heimat nicht besonders fürchtete. In Washington schwieg die Medienexpertin von der Leyen allerdings noch beharrlich. Mit kurzem Gruß eilte sie am Morgen aus dem Hyatt-Hotel in Georgetown, vorbei an den wartenden Kameras, schenkte den anwesenden Reportern nur ein scheues Lächeln und ein "Auf Wiedersehen".

Bereits in den vergangenen Monaten hatte es in von der Leyens Umfeld schuldbewusst geheißen, dass sie nicht ganz sauber gearbeitet habe, Fehler wurden eingestanden. Aus Halbsätzen und kleinen Szenen ergab sich das Bild einer Ministerin, die sich über sich selbst ärgert, die gar nicht glauben kann, dass sie geschlampt hat. Wie viel davon Selbstinszenierung war, ist schwer zu sagen.

Und Menschen, die sie gut kennen, sagten ein bisschen zu oft, dass dies dem Menschen von der Leyen "sehr nahe" gehe. Abseits der Reue aber wurde stets auf Unterschiede zu den bisherigen Plagiatsaffären hingewiesen. Anders als etwa bei Karl-Theodor zu Guttenberg sei der Kern ihrer Arbeit, die Forschung, die Wissenschaft, sauber gewesen. Nur im ersten Teil, der Einleitung, habe sie Fehler gemacht.

Genauso argumentierten jetzt auch die Prüfer der Hochschule.

Im Video: Bekanntgabe der Entscheidung

Mit Material von dpa/Reuters/AFP

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 368 Beiträge
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Seite 1
appel&ei 09.03.2016
1.
"Ja, die Dissertation weise klare Mängel in Form von Plagiaten vor allem in der Einleitung auf. ...Dafür sei die CDU-Politikerin als Autorin verantwortlich." Peinlich. Denn anders, umgangssprachlich, formuliert sagt die Uni, dass Frau vdLeyen zu dumm zum Kopieren war.
Vex 09.03.2016
2.
Völlig richtig solange die Arbeit einen praktischen Teil hat der zu neuen Erkentnissen führt ist das wissenschaflich höher einzuschätzen als Abschreiben in der Einleitung. Der wissenschaflich relevante Teil kann falls er neu ist in der Regel gar nirgends abgeschrieben sein. Das Plagiatproblem haben hauptsächlich Geisteswissenschaften wo es eben darum geht ob man etwas als erstes sagt bzw denkt. Da muss man eben sehr genau trennen was Eigenleistung ist und was nicht. In der Naturwissenschaft ist das normalerweise eindeutig.
prefec2 09.03.2016
3. Neue wissenschaftliche Erkenntnis
"Es wäre, so Baum, für die Doktorarbeit gar nicht nötig gewesen, eine neue wissenschaftliche Erkenntnis zu finden." Aha und ich dachte immer man müsste einen signifikanten Beitrag für das Fach liefern. Steht so bei uns in der Promotionsordnung. Bei uns versuchen auch Masterarbeiten einen relevanten Beitrag zu leisten. Aber dafür ist dort das Seitenlimit (Inhalt) auch 80 Seiten A4 10pt. 62 Seiten wäre auch noch ok, aber schon sehr wenig für eine Masterarbeit. Dissertationen sollen nicht mehr als 200 Seiten haben und wohl nicht weniger als 150 Seiten (in A4 10pt). Aber wir sind ja nur Ingenieure/Informatiker.
grecco-el 09.03.2016
4. Lächerlich
Ich habe in den 60ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Muenster studiert. Damals wusste jeder schon, dass die Doktorarbeit in der Fachschaft Medizin noch nicht einmal den Anforderungen einer Diplomarbeit in anderen Fachgebieten genügen würde. Was soll also dies ganze Theater.
Nabob 09.03.2016
5. Also doch, Vitamin B, war ja klar
Die Provinzialisten in Hannover wollten doch der Tochter des ehemaligen Landesvaters nicht ans Bein pinkeln, wenn deren Mann dort auch noch Arbeitnehmer der überprüfenden Institution ist - wie praktisch!
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