Streit um Zwei-Millionen-Labor Uni darf gefallenen Forscherstar nicht abstrafen

Zweifeln gehört zur Wissenschaft - aber wann ist ein Forscher umstritten genug, um ihn per Mittelkürzung abzustrafen und ihn praktisch lahmzulegen? Die Uni Heidelberg ist mit einem solchen Versuch nun vorerst vor Gericht gescheitert.

Von Hermann Horstkotte

Forschung in der Petrischale: Einfach nur schön - oder schön bearbeitet?
Corbis

Forschung in der Petrischale: Einfach nur schön - oder schön bearbeitet?


Aus menschlichen Stammzellen Ersatz für kranke Organe wie Herz oder Hirn zu züchten, ist eine der großen Hoffnungen in der medizinischen Forschung. Dafür wollte der Zellforscher Thomas Skutella in der renommierten Fachzeitschrift "Nature" 2008 einen Weg weisen, ohne dafür menschliche embryonale Stammzellen verwenden zu müssen. Andere sind in dieser Richtung inzwischen erheblich vorangekommen.

Skutella erging es mit seiner Veröffentlichung so wie vielen Forschern in naturwissenschaftlichen Disziplinen: Schwärmer bezeichneten seinen Aufsatz damals zunächst als Durchbruch, rund ein Jahr danach aber bezweifelten Meinungsführer in der Fachwelt die Ergebnisse entschieden. Kollegen anderer Hochschulen warfen Skutella vor, unredlich gearbeitet und Abbildungen zu stark bearbeitet zu haben.

An der Uni Heidelberg befürchtete man damals wohl bereits einen Imageschaden für die Hochschule: Sie hatte Skutella zum Herbst 2009 von Tübingen nach Heidelberg berufen, aber statt eines Hoffnungsträgers plötzlich einen mutmaßlichen Hochstapler eingekauft. Nach der anfänglichen Aufregung prüfte eine Kommission an Skutellas ehemaliger Uni in Tübingen seine Ergebnisse, im November 2011 stellten sie das Verfahren ein. Skutella hatte da bereits Fehler gegenüber "Nature" eingeräumt.

Zurückgestuft auf "Grundausstattung"

Die Uni Heidelberg sah sich trotzdem getäuscht und wollte ihre Zusagen für eine üppige Ausstattung des Skutella-Lehrstuhls nicht mehr einhalten. Versprochen waren unter anderem zwei Millionen Euro für Büroausstattung und Geräte. Skutellas neue Professorenkollegen beschlossen nach dem uneindeutigen Ende der Tübinger Prüfung, die Arbeitsmöglichkeiten Skutellas auf die "Grundausstattung" zu reduzieren: mit nur einem wissenschaftlichen Mitarbeiter statt der fünf zugesagten und nur noch einer halben Sekretärin und jährlich 20.000 Euro Sachmittel statt einer vielfach höheren Zusage.

Skutella war empört, er sah sich vor einem "Karriere-Crash unabsehbaren Ausmaßes" und in einer Lage, in der er "nur noch zusehen kann, was andere erreichen, ohne selber mit einem passenden Team mitmachen zu können". Skutella zog also vor Gericht.

Das Verwaltungsgericht Karlsruhe verurteilte die Uni jetzt, ihre Berufungszusagen in vollem Umfang zu erfüllen (Aktenzeichen: 7 K 1099/12). Die Hochschule will sich damit aber nicht abfinden. Die Richter haben die Berufung ans Oberverwaltungsgericht zugelassen, weil es von "grundsätzlicher Bedeutung" sei, aus welchen Gründen sich eine Hochschule von einer Ausstattungszusage lösen kann. Das baden-württembergische Wissenschaftsministerium will sich aus dem Streit zunächst heraushalten.

Ein Fälschungsverdacht reicht nicht zum Abstrafen

Nach Auffassung der Karlsruher Richter muss wissenschaftliches Fehlverhalten eines Professors "nachgewiesen" und "erheblich" sein, wenn er dafür mit reduzierten Arbeitsmöglichkeiten büßen soll. Die Frage guter oder schlechter Arbeit soll vielmehr möglichst weitgehend dem rein wissenschaftlichen Streitgespräch überlassen bleiben. Ein bloßer Fälschungsverdacht wie im Falle Skutella reicht demnach für ein amtliches Abstrafen nicht aus.

Nach offiziellen Überprüfungen in Tübingen blieben von den Vorwürfen gegen Skutella nur nötige Korrekturen an zwei Datenschaubildern in einem Aufsatz übrig. Sein "Nature"-Beitrag musste nicht, wie in schweren Fällen üblich, widerrufen werden. Die Bilder waren zwar mittels Bildbearbeitung am Rechner zu sehr aufgehübscht, angeblich zugunsten der "besseren Übersichtlichkeit", wie Skutella damals erklärte. Die Gutachterkommission erkannte jedoch lediglich auf Verschönerung ("beautification"), nicht aber von böswilligem wissenschaftlichen Schwindel ("fraud"). Die genauen Grenzen zwischen beiden Arten von Fehlverhalten seien allerdings "auch unter Hinzuziehung fachkundiger Personen nicht zu erkennen".

Das Bearbeiten von Bildern ist in den Biowissenschaften schon länger umstritten. Bei einer repräsentativen Befragung, die zur Zeit von Skutellas "Nature"-Aufsatz erschien, gab jeder siebte Wissenschaftler an, selber schon mal geschönte Darstellungen veröffentlicht oder sonstige Ungenauigkeiten zugelassen zu haben. Deutlich größer als das tatsächliche Schummelpotential ist unter Forschern offenbar das Misstrauen gegenüber den Kollegen. In der Umfrage gingen alle davon aus, dass drei von vier Mitforschern geschönt haben oder wissentlich Ungenauigkeiten durchgehen ließen.

Schließlich halten die Karlsruher Verwaltungsrichter fest, kein Stellenbewerber müsse sich selber belasten und angeben, "dass seine Forschungsergebnisse angezweifelt werden und ihm wissenschaftliches Fehlverhalten vorgeworfen wird". So etwas entgeht den Fachkollegen meist auch nicht - oder nur dann, wenn sie von großen Hoffnungen berauscht sind, zum Beispiel in die Stammzellforschung.

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insgesamt 21 Beiträge
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noalk 20.02.2014
1. ungeheuerlich
Das Veröffentlichen "geschönter" Bilder ohne einen entsprechenden Hinweis ist aus meiner Sicht eindeutig wissenschaftlicher Betrug. Da gibt es nichts zu diskutieren. Selbst wenn nur ein einziges Pixel verändert wurde. In der Publikation muss angegeben werden, mit welcher Apparatur und welchen Parametern das Bild aufgenommen und in welchem Format es gespeichert wurde (auch beim Konvertieren in ein anderes Format kann Information verloren gehen!). Alles andere wäre unwissenschaftlich.
henrik-flemming 20.02.2014
2. schräge Wissenschaft
Diese gesamte Stammzellenwissenschaft ist doch eine äussert sträge Wissenschaft, bei der kaum einer reproduzierbare Erfolge nachweisen kann. Wer solchen Voodoo Wissenschaftlern auch noch nachläuft, ist selber schuld. Zudem fehlt es in Deutschland wohl auch an einer zielgerichteten gut fundierten und ethischen Ausbildung, die den Wissenschaftlern erklärt, was zulässig ist, und was nicht. Man merkt, dass die meisten Mediziner eben diese Fachausbildung, besonders bei schlecht ausgestatteten Unis wie der Humboldt Uni, fehlt.
curti 20.02.2014
3. Das BIP steigt.....
Zitat von sysopCorbisZweifeln gehört zur Wissenschaft - aber wann ist ein Forscher umstritten genug, um ihn per Mittelkürzung abzustrafen und ihn praktisch lahm zu legen? Die Uni Heidelberg ist mit einem solchen Versuch nun vorerst vor Gericht gescheitert. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/urteil-thomas-skutella-gewinnt-gegen-uni-heidelberg-a-953449.html
....und steigt, während u.a. für allgemeine Geburtshilfe keine Hilfe realisiert wird. Dank an Schröder und Mutti, sich mit diesem gewollten Szenario dort anzubiedern, wo rundum hilfsbereiter Premiumservice seit jeher zur uneingeschränkten Verfügung steht!
rkjeld 20.02.2014
4. Pacta sunt servanda
So sehr mir die "Superstars" auf den Zeiger gehen und objektiv überbewertet und überbezahlt sind, kann eine Uni nicht einfach die Mittel kürzen, wenn ihr neuer Star, den sie ja für ach so viel Geld wollten, entzaubert wird. Keine Strafe ohne Schuld im juristischen Sinne, daran gibt es nichts zu deuteln. Vielleicht hilft das Urteil ja, damit die Unis sich mal vorher überlegen, ob das "Einkaufen" der Stars wie im Fußball nicht eigentlich wissenschaftsfeindlich ist. Denn es motiviert zu unredlichem Handeln seitens der Karrieristen. Das Urteil ist aber auch wichtig, um den Präsidien ihre aufkommenden Allmachtsphantasien zu nehmen. Am besten, alle kommen mal wieder auf den Teppich.
h.horstkotte 20.02.2014
5. Mobbing gegen Skutella
Ergänzend zum vorliegenden Artikel wird jetzt bekannt, dass das Verwaltungsgericht Karlsruhe Skutella soeben auch wieder die „Bewirtschaftungsbefugnis“ über seinen laufenden Institutsetat zugesprochen hat (7 K 1290/12). Die Uni wollte ihm diese Entscheidungsbefugnis entziehen, nach Ansicht des Gerichts aus „sachfremden und vorgeschobene Erwägungen“. Das Gericht bezieht sich dabei auf Äußerungen aus der Hochschule, es Skutella mit „mehr Druck“ und „Störfeuer“ zu erleichtern, „den Absprung zu schaffen“, also den Hut zu nehmen. Die Uni kann gegen den Gerichtsbeschluss noch Beschwerde einlegen.
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