US-Absolventen Jobkrise beutelt junge Akademiker heftig

Bei der Stellensuche hatten Amerikaner mit Uni-Abschluss lange kaum Mühe. Jetzt ist alles anders, es regnet Absagen. Zugleich drücken gewaltige Schuldenlasten die Absolventen: Viele haben auf Pump studiert und müssen fünf- oder gar sechsstellige Summen abstottern.

DPA

Washington - Stolz und zufrieden, ganz traditionell in Talar und Doktorhut, nahm Gabriel Seder im Mai sein Abschlusszeugnis entgegen. Er hatte Politik an der renommierten George-Washington-Universität in der US-Hauptstadt studiert. Zur Belohnung gönnte er sich eine Reise, im August machte Seder sich dann an die Bewerbungen. Mehr als 30 sind es bislang - und wider Erwarten hagelte es nichts als Absagen. "Das ist sehr frustrierend", sagt der 22-Jährige leise.

Bei allen Turbulenzen auf dem US-Arbeitsmarkt: Bewerber mit College-Zeugnis hatten stets gute Chancen unterzukommen. Bis jetzt - denn nun hat die Krise auch Bewerber mit überdurchschnittlicher Bildung erwischt. Seit 20 Jahren kletterte die Arbeitslosenquote von Akademikern nur in schlechten Zeiten ausnahmsweise über drei Prozent. Derzeit pendelt sie zwischen vier und fünf Prozent. Das ist schlecht, aber immer noch besser als in der Gesamtbevölkerung. Insgesamt blieb die US-Quote im Oktober weiter bei weit über neun Prozent.

Besonders trübe ist die Lage für Absolventen, die frisch aus den Hochschulen kommen: Nach einer Studie des "Institute for College Access & Success", das die Jobchancen von Uni-Abgängern beobachtet, hatten 2009 im Jahresschnitt fast neun Prozent der amerikanischen Jungakademiker im Alter zwischen 20 und 24 keinen Job - der höchste Stand, seit die Studie vor fünf Jahren erstmals erstellt wurde. Im Jahr zuvor waren es lediglich knapp sechs Prozent gewesen.

Schulden aus Studiengebühren verstärken die Zukunftsangst

Eine andere Bürde lastet zusätzlich auf Absolventen - die teils horrenden Schulden, mit denen sie ins Arbeitsleben starten. 2009 standen Uni-Abgänger in den USA im Schnitt mit 24.000 Dollar (17.400 Euro) in der Kreide, sechs Prozent mehr als im Vorjahr.

Vor allem angesichts horrender Studiengebühren kommen schnell bedrückende Schulden zusammen. Gabriel Seder hatte sich mit der George-Washington-Uni, wo unter anderem der frühere US-Außenminister Colin Powell studierte, ein besonders kostspieliges Studium ausgesucht. Knapp 43.000 Dollar (31.200 Euro) fallen jährlich allein an Studiengebühren an. Hinzu kommen umgerechnet knapp 10.000 Euro pro Jahr für Wohnung, Bücher, Freizeit und weitere Gebühren.

Nach vier Jahren Studium kann sich eine Summe von deutlich über 150.000 Euro auftürmen - der Preis für einen Bachelor-Abschluss, den ersten akademischen Schritt. Für den nächsten, den Master, wird es noch einmal teurer. Verglichen damit wirken die meist 500 Euro Studiengebühren pro Semester, die deutsche Studenten in manchen Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg zahlen müssen, geringfügig.

Auf seinen Traumjob bei einer internationalen Organisation wird Gabriel Seder noch eine Weile warten müssen. Sein Plan B: "irgendeinen Job in einem Restaurant" organisieren und ab kommenden August vorerst weiter studieren, weil am Arbeitsmarkt derzeit alles grau in grau ist. Überwintern auf dem Campus also.

Dank Unterstützung seiner Eltern und dank Stipendien steht Seder lediglich mit derzeit etwas mehr als 7000 Euro in der Kreide. "Viele meiner Freunde haben viel, viel mehr Schulden als ich - die haben ihr ganzes Studium auf Pump finanziert."

Von Stefanie Starke, dpa/jol

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think__twice 29.11.2010
1. Äpfel mit Birnen vergleichen...
... das tut man hier gerne. Vielleicht sollte nebenbei auch mal erwähnt werden, wie es mit den Gehältern der College-Absolventen in den USA für gewöhnlich aussieht - da könnten einem Deutschen Geschichtswissenschaftler, der für 550€/Semester an der LMU studiert (und womöglich nebenbei noch einen Studienkredit von 300-500 Euro pro Monat aufnehmen musste), schon mal die Ohren schlackern. Hier in Deutschland kann es sich so gut wie niemand leisten, sich mit 30.000-40.000 Euro für ein Studium der Geisteswissenschaften zu verschulden - von den mauen Gehältern, die danach zu erwarten sind und die oftmals weit unter dem Gehalt nicht-akademisch gebildeter Facharbeiter liegen, zahlt das kein Mensch ab; es sei denn er erbt kräftig. Die Einzigen, die sich eine so hohe Verschuldung überhaupt leisten können, sind Studierende technischer, mathematischer und wirtschaftlicher Fachrichtungen und Lehrämtler. Jeder andere überlegt sich einen solchen Schritt zehnmal, zumal es in Deutschland keine echten "Elite-Abschlüsse" gibt, die einem ein doppelt oder dreifach hohes Einstiegsgehalt garantieren würden. Das amerikanische System ist einfach durchweg ein anderes als unseres - von der Schulbildung bis hin zum Arbeitsplatz.
robiflyer 29.11.2010
2. USA uns bei uns
Vielleicht habe unsre Studenten nicht diese Schulden wie in den USA Wenn ich meine Studienzeit reflektiere ( Ingenieursstudium) -Lausigste Betreuung an den Excellenzunis -Ganz schlechte Kooperation der Uni wie der Wirtschaft in Sachen Industriepraktika - Noch schlechtere Jobchancen --- Der Dr als Excelusivausgabe der kaschierten Arbeitslosigkeit , und dann ? Tendenziöse "Auswahlmethoden" der Industrie .... Man muß schon mal erklären können , wieso man ausgerechnet "guten Leuten absagen muß" oder "unter dem Tisch vor Lachen lieget ,wenn sich ein Hochqualifizierter bewirbt". Es ist offensichtlich , das unser Land effektiv abstürzt, da täuschen die Vollbeschäftigungsparodien des brüderle und der Rabenmutter der Nation nicht hinweg.
muhammaned 29.11.2010
3. Endlich
Zitat von think__twice... das tut man hier gerne. Vielleicht sollte nebenbei auch mal erwähnt werden, wie es mit den Gehältern der College-Absolventen in den USA für gewöhnlich aussieht - da könnten einem Deutschen Geschichtswissenschaftler, der für 550€/Semester an der LMU studiert (und womöglich nebenbei noch einen Studienkredit von 300-500 Euro pro Monat aufnehmen musste), schon mal die Ohren schlackern. Hier in Deutschland kann es sich so gut wie niemand leisten, sich mit 30.000-40.000 Euro für ein Studium der Geisteswissenschaften zu verschulden - von den mauen Gehältern, die danach zu erwarten sind und die oftmals weit unter dem Gehalt nicht-akademisch gebildeter Facharbeiter liegen, zahlt das kein Mensch ab; es sei denn er erbt kräftig. Die Einzigen, die sich eine so hohe Verschuldung überhaupt leisten können, sind Studierende technischer, mathematischer und wirtschaftlicher Fachrichtungen und Lehrämtler. Jeder andere überlegt sich einen solchen Schritt zehnmal, zumal es in Deutschland keine echten "Elite-Abschlüsse" gibt, die einem ein doppelt oder dreifach hohes Einstiegsgehalt garantieren würden. Das amerikanische System ist einfach durchweg ein anderes als unseres - von der Schulbildung bis hin zum Arbeitsplatz.
Endlich scheint die Krise auch bei den Kindern der Mittelschicht angekommen zu sein und wir wissen ja: was es heute in den USA gibt, passiert morgen bei uns. Für den einen oder die andere mag einem das leid tun, besonders wenn sie dafür in ein persönliches Risiko gegangen sind. Aber im wesentlichen braucht wohl solche Nackenschläge, um auch dem letzten begreifbar zu machen, dass es kein immerwährendes Wachstum gibt und das Studieren einen anderen Zweck hat, als danach einen Job mit noch mehr Gehalt zu haben, als die Altvorderen. Eine Idee davon gibt dieses Interview http://bit.ly/precht11_2010
Parkettpolitur 29.11.2010
4. ...
Ich habe Germanistik studiert und empfinde fast ein wenig Schadenfreude, dass es anderen, die etwas vermeintlich "Richtiges" studiert haben, genauso dreckig ergeht wir mir ;)
mueller1 29.11.2010
5. Schadenfreude
Zitat von muhammanedEndlich scheint die Krise auch bei den Kindern der Mittelschicht angekommen zu sein und wir wissen ja: was es heute in den USA gibt, passiert morgen bei uns. Für den einen oder die andere mag einem das leid tun, besonders wenn sie dafür in ein persönliches Risiko gegangen sind. Aber im wesentlichen braucht wohl solche Nackenschläge, um auch dem letzten begreifbar zu machen, dass es kein immerwährendes Wachstum gibt und das Studieren einen anderen Zweck hat, als danach einen Job mit noch mehr Gehalt zu haben, als die Altvorderen. Eine Idee davon gibt dieses Interview http://bit.ly/precht11_2010
Sie scheinen sich zu geradezu zu freuen, daß es momentan schlecht läuft. Was soll dieser Unfug? Wenn sich ein Studium nicht mehr lohnt (damit meine ich nicht in erster Linie "noch mehr Gehalt"), wird nicht mehr studiert werden. Ist dies der Sinn der Sache? *Kopfschüttel*, Markus
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