Von Beruf Chemiker Der Doktortitel ist ein Muss

Chemiker tüfteln heutzutage nicht mehr im stillen Kämmerlein vor sich hin. Sie forschen im Team - häufig für die Pharmaindustrie, aber auch im Bergbau, bei einer Bank oder im öffentlichen Dienst. Promotion ist weiterhin Pflicht.


Ohne Doktortitel geht fast gar nichts bei angehenden Chemikern. "Die Industrie-, vor allem die Großindustrie, erwartet die Promotion", sagt Manfred Heuschmann, Chemiker und Studiendekan an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Mehr als 90 Prozent der Chemiker schließen an ihr Diplom darum eine Doktorarbeit an. "Bei uns ist die Promotion ab dem Gruppenleiter aufwärts notwendig", sagt zum Beispiel Elisabeth Weißenbach aus der Personalabteilung der Medizingerätefirma Roche Diagnostics.

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Inzwischen führt nicht nur das Diplom zum Hochschulabschluss: Seit einigen Jahren gibt es auch in der Chemie Bachelor- und Masterstudiengänge. Noch fehlt es aber an Erkenntnissen, wie die Absolventen in der Wirtschaft angesehen sind - 2003 gab es in Deutschland erst acht Masterstudiengänge in Chemie. Aber auch mit den neuen Hochschulabschlüssen werde sich nichts daran ändern, dass im Anschluss eine Promotion erwartet wird, vermutet Manfred Heuschmann.

Rund 30 Prozent der promovierten Chemiker arbeiten in der chemischen und pharmazeutischen Industrie Aber auch in anderen Branchen werden Chemiker gebraucht, "etwa im Bergbau, in der Metallverarbeitung oder im verarbeitenden Gewerbe", wie Heuschmann erklärt: "Sehr viele Prozesse sind mit der Chemie verbunden." Auch Banken und Versicherungen setzen gern Chemiker ein: Sie beraten beispielsweise bei der Kreditvergabe.

Rund 15 Prozent der in Deutschland ausgebildeten Chemiker gehen nach ihrem Abschluss ins Ausland. Ein kleiner Teil der Promovierten bleibt an der Hochschule oder wechselt an Forschungsinstitute, andere arbeiten im Öffentlichen Dienst, zum Beispiel im Wasserwirtschaftsamt, beim Zoll, oder als Freiberufler in der Beratung.

Von der Uni direkt ins Labor

In der Pharmaindustrie entwickeln Chemiker vor allem neue Medikamente - so wie Klaus Pekari: Der 32-Jährige ist promovierter Chemiker und Laborleiter beim Pharmakonzern Altana in Konstanz. In Examen und Promotion hatte er organische Chemie als Schwerpunkt gewählt, eine Voraussetzung für seinen jetzigen Job.

Zwei Laboranten und ein Azubi sind Pekari unterstellt. Seine tägliche Arbeit ist abwechslungsreich: "Das Labor führen, die Leute motivieren, Besprechungen mit anderen Abteilungen, zum Beispiel mit dem Patentwesen, Daten interpretieren und über chemische Probleme diskutieren", zählt Pekari auf. "Und hoffentlich bleibt dann noch etwas Zeit für neue Ansätze und Ideen etwas abseits des Mainstream."

Labor: Nicht im stillen Kämmerlein vor sich hinforschen

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Klaus Pekaris Berufsweg ist typisch für einen promovierten Chemiker. "In der Forschung ist der Direkteinstieg üblich", erklärt Karin Schmitz, Leiterin des Bereichs Karriereservice und Stellenmarkt bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh). Hin und wieder gebe es aber auch Positionen als Trainee. Viele wechseln nach ein paar Jahren in andere Positionen, denn in der Forschung werden besonders gern Chemiker eingesetzt, die frisch von der Uni kommen und so auf dem neuesten Stand der Wissenschaft sind.

Doch Chemiker finden auch Aufgaben im Marketing, im Personalwesen, in der Unternehmenskommunikation oder auch in der Informatik. "Chemiker haben gute EDV-Grundlagen", sagt Schmitz, "darum ist es leichter, einem Chemiker Informatik beizubringen, als einem Informatiker die für seine Arbeit notwendige Chemie zu erklären".

Wer jetzt fertig wird, hat wenig Konkurrenz

Chemiker können nicht im stillen Kämmerlein vor sich hinforschen. Auch für sie sind die so genannten Soft Skills heute unerlässlich: Sie müssen im Team arbeiten, Mitarbeiter führen und Ergebnisse präsentieren. "Das lernt man schon während der Promotion", sagt Pekari. Denn schon Doktoranden müssen Diplomanden anleiten und ihre Ergebnisse auf Kongressen verkaufen.

Das Einstiegsgehalt eines frisch promovierten Chemikers kann stark variieren. "In der chemischen Industrie startet man mit 46.000 bis 55.000 Euro Jahresgehalt", berichtet Karin Schmitz von der GDCh. In anderen Branchen werde aber meist weniger gezahlt.

Eine Jobgarantie gebe es zwar auch für Chemiker nicht, aber ganz so schlecht wie für einige andere Absolventen sehe es für sie nicht aus, sagt der Münchner Chemieprofessor Heuschmann. Die schlimmste Zeit habe man bereits hinter sich: Anfang der neunziger Jahre wurden in der chemischen Industrie viele Stellen abgebaut, während gleichzeitig viele Absolventen auf den Arbeitsmarkt drängten. In der Folge brachen die Studienanfängerzahlen ein - die jetzigen Absolventen profitieren davon.

Seit zwei bis drei Jahren steigen die Zahlen wieder: 1997 starteten 60 Studienanfänger an der LMU, 2004 waren es viermal so viele, berichtet Heuschmann. Er befürchtet, dass die Jobchancen dadurch wieder sinken könnten: "Der Industrie muss es sehr gut gehen, damit sie ihnen allen in ein paar Jahren Arbeit geben kann."

Von Andrea Pawlik, Jobpilot.de



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