Von Beruf Dramaturg Bohemien und Bücherwurm

Der Dramaturg am Theater hat einen undankbaren Job: Er liest zu viel und schläft zu wenig. Den Applaus heimsen die anderen ein. Hagelt es dagegen Verrisse, zeigen alle mit dem Finger auf ihn.

Von Simone Deckner


"Romeo und Julia" am Hamburger Schauspielhaus: "Mit Wahrnehmungsschablonen getränkt"
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"Romeo und Julia" am Hamburger Schauspielhaus: "Mit Wahrnehmungsschablonen getränkt"

Was macht ein Dramaturg eigentlich den ganzen Tag? "Die Unkenntnis ist riesig", sagt Karin Wilcke, Leiterin des Hochschulteams der Agentur für Arbeit in Düsseldorf. Seit über zehn Jahren bieten Wilcke und ihr Team die Reihe "Berufe rund ums Theater" an. "Was ein Regisseur oder Schauspieler macht, ist allen klar. Aber in all den Jahren hat mich noch keiner gefragt, wie er es denn anstellen könne, Dramaturg zu werden."

Gut, dass der Urvater der Dramaturgen das nicht mehr hören muss. Gotthold Ephraim Lessing, vor 275 Jahren geboren, hat den Berufsstand 1767 erfunden. Als Hauskritiker sezierte er für das Hamburger Nationaltheater mit spitzer Feder Stücke, spottete über Schauspielerleistungen und mahnte zur Selbstreflexion. Nebenbei fütterte er bettelarme Schauspieler mit Bürgschaften durch.

Auf Augenhöhe mit dem Ensemble

Heute gilt der Dramaturg wahlweise als Ideengeber, künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter, Berater oder schlicht als Vermittler zwischen dem Theater und der Öffentlichkeit. Müsste er eine typische Handbewegung machen, er hätte ein Problem: Buchseiten umblättern, Absätze markieren, telefonieren, schreiben, Interviews führen - die Tätigkeiten sind so unterschiedlich wie zeitaufwändig.

Der Dramaturg wählt beispielsweise Stücke mit aus, überarbeitet Texte, mischt sich in die laufende Produktion ein und ist dabei immer auf Augenhöhe mit dem Ensemble. Auch die Außendarstellung des Theaters bestimmt der Dramaturg wesentlich mit: Er schreibt und redigiert zum Beispiel Programmhefte und Pressetexte.

Wer sich als Dramaturg erfolgreich etablieren will, sollte möglichst viel Zeit mit Büchern verbringen. "Ideal sind Studienfächer, in denen man viel lesen muss", so Karin Wilcke. Die Berufsberaterin empfiehlt Geisteswissenschaften wie Germanistik, Anglistik oder Romanistik. "Aber auch Theologie passt." Weitaus weniger Begeisterung bringt Wilcke der Theaterwissenschaft entgegen. "Die Leute landen später eher im Feuilleton oder an Museen", so Wilcke.

Tobsuchtsanfälle inklusive

An der Bayerischen Theaterakademie beginnen jedes Jahr zum Wintersemester 30 Auserwählte ihr Studium zum "Diplom-Dramaturgen", ausgesiebt nach Numerus Clausus. Das Grundstudium macht die Theaterfrischlinge fit in Theorie ("Europäische Theatergeschichte"), während im Hauptstudium Praxis angesagt ist. Neben Hospitanzen müssen die Dramaturgie-Studenten auch ein eigenes Stück von Anfang bis Ende begleiten. Ähnliche Studiengänge gibt es an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater und an der Universität Frankfurt.

Prinzregententheater in München: Pauken an der Bayrischen Theaterakademie
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Prinzregententheater in München: Pauken an der Bayrischen Theaterakademie

Genervt von der heutigen Studentengeneration zeigt sich Michael Eberth, Chefdramaturg am Hamburger Schauspielhaus: "Die sind heutzutage alle schon mit Wahrnehmungsschablonen getränkt, haben alle irgendwas gepaukt und finden alle Thalheimer toll, da setzt es bei mir gleich aus", mosert er. Wer Eberth beeindrucken will, muss mutig sein: "Die entscheidende Qualität des Dramaturgen ist, dass er sich nicht im Theaterapparat auflöst, sondern dass er ein eigenes Urteil fällt und dazu steht."

Streiten gehört zum Beruf, egal ob es um die Besetzung einer Rolle, die Stückauswahl oder eine neue Marketinglinie geht. "Der Antrieb ist, das durchzusetzen, was einem wichtig ist", so Eberth. Am Theater sind Starallüren und Tobsuchtsanfälle Alltag, daher brauchen Dramaturgen ein dickes Fell.

Schon Berufsanfänger müssen sich im Kampf um die wenigen Assistenz- und Mitarbeiterstellen durchbeißen. Das Deutsche Bühnenjahrbuch verzeichnet nur rund 580 Dramaturgen in Deutschland. Als Arbeitgeber kommen neben den rund 430 Theatern auch Fernseh- und Hörfunksender in Frage. Dramaturgen verdienen mindestens 1550 Euro brutto - laut Tarifvertrag. Alles, was darüber hinausgeht, ist Verhandlungssache.

Kaum Verhandlungsspielraum gibt es dagegen bei der Wochenarbeitszeit, die leicht die 60-Stunden-Marke kratzt. Da bleibt wenig Zeit fürs Privatleben. "Der Freundeskreis von Theaterleuten besteht zum überwiegenden Teil aus Theaterleuten", konstatieren die Personalwissenschaftler Doris Eikhof und Axel Haunschild in ihrem Forschungsbericht "Arbeitswelt Theater". Eine Sieben-Tage-Woche und Nachtschichten fanden die meisten Befragten völlig normal. Mehr noch: "Die Vorstellung, einen ungewöhnlichen, bohemehaften Lebensstil zu pflegen, ist existentiell für die Selbstwahrnehmung."

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