Von Beruf Fluglotse Notstand im Tower

Im deutschen Luftraum ist die Hölle los. Die Deutsche Flugsicherung sucht deshalb dringend Nachwuchs. Doch der Fluglotsen-Job ist nichts für schwache Nerven, nur jeder Zehnte schafft den Aufnahmetest. Wer die anspruchsvolle Ausbildung schafft, bekommt eine Stelle garantiert - mitsamt guter Bezahlung.

Von Helge Stroemer


Hamburger Tower: Keine Überflieger gesucht
DFS / Deutsche Flugsicherung

Hamburger Tower: Keine Überflieger gesucht

Tower, Flughafen Hamburg. Sprechfunkphrasen sausen durch den Raum: "Cleared for take-off. Taxi to runway 05 via taxiway kilo". Fluglotsen-Trainee Henrike Junge leitet einen Airbus zur Startbahn, der donnernd in den Himmel abhebt.

Neben ihr sitzt Iris Bögle. Die erfahrene Fluglotsin passt auf, dass sich bei der Auszubildenden keine Fehler einschleichen. Doch die 24-Jährige bleibt gelassen und lotst ein Flugzeug nach dem anderen sicher nach oben.

Nervenstarken Nachwuchs wie Henrike Junge sucht die Deutsche Flugsicherung (DFS) händeringend. Denn es fehlen bundesweit rund 200 Fluglotsen, um die 1700 Luftraumüberwacher zu entlasten. "Wir hoffen, dass wir das Loch bis 2006 schließen können", sagt DFS-Sprecher Axel Raab. Jedes Jahr sollen 130 Lotsen eingestellt werden.

Fluglotsen (in Frankfurt): Fehler können tödlich sein
DFS / Deutsche Flugsicherung

Fluglotsen (in Frankfurt): Fehler können tödlich sein

Der Verband Deutscher Flugleiter beanstandet, die Flugsicherung reagiere viel zu spät. Man habe versäumt, früh genug qualifizierten Nachwuchs auszubilden, so Vorstandssprecher Olaf Glitsch: "Der Markt hat uns überrollt."

Schließlich gehört der Luftraum über Deutschland zu den verkehrsreichsten der Welt. Bis zu 8000 Flugzeuge bewegen sich hier täglich. Das macht rund 2,5 Millionen Flüge im Jahr, Tendenz weiter steigend.

"Wir können keine Eigenbrötler gebrauchen"

Das Problem: Pro Jahr melden sich zwar durchschnittlich 3000 Abiturienten, aber nur zehn Prozent schaffen den Einstellungstest. "Das ist nichts für schwache Nerven", so Axel Raab. Trotzdem fordert er junge Leute auf, einen Versuch zu starten, denn "viele Bewerber lernen ihre Fähigkeiten erst im Test kennen".

Landesystem:"Ist der schon gecleared?"
DFS / Deutsche Flugsicherung

Landesystem:"Ist der schon gecleared?"

Die Nachwuchs-Scouts kämpfen zudem damit, dass die meisten Abiturienten den Beruf gar nicht auf dem Radar haben. Oft helfen ausgerechnet negative Schlagzeilen. So stießen Anfang Juli 2002 über dem Bodensee ein russischer Passagierjet und eine Frachtmaschine zusammen. Zwar brachte das eklatante Versagen der Schweizer Flugsicherung die ganze Branche in Verruf, doch die Zahl der Interessenten stieg deutlich.

Aus diesem Kreis sieben die Experten in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Hamburg taugliche Kandidaten heraus. Wer die zweitägige Prüfung übersteht, tritt zu einem einwöchigen Eignungsverfahren an. "Dann schauen wir genau, ob der Bewerber zur Flugsicherung passt", sagt DLR-Koordinator Hinnerk Eißfeld.

Ein Restrisiko bleibt bei der Ausbildung

Radarstation: Kollege der Centerlotsen
DFS / Deutsche Flugsicherung

Radarstation: Kollege der Centerlotsen

Von den Bewerbern wird zum Beispiel erwartet, eine zweidimensionale Darstellung auf einem Bildschirm in ein räumliches Bild im Kopf zu verwandeln. "Gesucht werden keine Überflieger", so Eißfeld. Die Bewerber müssen aber in den Bereichen Mehrfachbelastbarkeit, Schnelligkeit sowie Lernfähigkeit ein ausgeglichenes Ergebnis erreichen - und Teamgeist beweisen: "Wir können keine Eigenbrötler gebrauchen."

Die Auswahlmannschaft wird dann an die Flugsicherungsakademie in Langen geschickt. Die dreijährige Ausbildung besteht aus jeweils einem theoretischen und einem praktischen Teil. Zu den Inhalten der Theoriephase, die etwa die Hälfte der Ausbildungszeit in Anspruch nimmt, zählen Flugverkehrskontrolle, Navigation, Luftfahrtenglisch, Not- und Ausfallverfahren sowie Sprechfunk.

Kontrollstreifen: Exakte Planung ist wichtig
DFS / Deutsche Flugsicherung

Kontrollstreifen: Exakte Planung ist wichtig

Es folgt das On-the-Job-Training. Für die Fluglotsen in spe bleibt jedoch bis zum Schluss ein Restrisiko. Denn 20 bis 25 Prozent schaffen es nicht bis zum Ausbildungsende. Grundsätzlich gilt: Wer nicht lernt, fliegt raus.

Nach erfolgreichem Abschluss aber garantiert die Deutsche Flugsicherung die Übernahme. Zudem winkt eine überdurchschnittliche Bezahlung: Das Einstiegsgehalt beträgt 60.000 Euro brutto; das Jahresgehalt steigt bis auf 100.000 Euro. Die Fluglotsen arbeiten im Schichtdienst. Nach vier Tagen Arbeit sind zwei Tage frei. Mit 55 Jahren geht es in den Vorruhestand.

Angst verleiht keine Flügel

Doch nicht jeder Auszubildende lotst letztlich auf dem Tower. Die meisten sind als so genannte Centerlotsen aktiv. Ihre Aufgabe besteht darin, die Flugzeuge auf einer der Flugstrecken möglichst schnell und direkt zu ihrem Ziel zu leiten. Ihr Arbeitsgerät ist das Radar.

Streckenkontrolle: Volle Konzentration
DFS / Deutsche Flugsicherung

Streckenkontrolle: Volle Konzentration

Henrike Junge hat sich für den Tower entschieden. Sie studierte zuvor Betriebswirtschaft und war sich zu Beginn ihrer Ausbildung noch nicht sicher, ob ihr der Job überhaupt liegt. An die Tests sei sie ganz locker herangegangen. "Ich hatte ja nichts zu verlieren. Nach zwei Monaten war ich überzeugt: Das ist mein Ding."

Nach der letzten Prüfung ist die 24-Jährige für alle Abläufe selbst verantwortlich. Angst hat sie davor nicht. "Ich mache mir keine Gedanken darüber, ob etwas passieren könnte. Es gibt genaue Vorschriften."

Und schon legt sie wieder in atemberaubendem Tempo mit dem Fluglotsen-Kauderwelsch los: "Ist der schon gecleared?" Das nächste Flugzeug hebt ab. Mit einem "Tschüß" verabschiedet sie die Piloten in die Wolken.

Weitere Informationen:

Deutsche Flugsicherung (DFS) / Flugsicherungsakademie
Am DFS-Campus 10, 63225 Langen
Tel. 06103/707-0, Fax 06103/707-5178
E-Mail: info@dfs.de


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