Von Beruf Schriftsteller "Man schreibt sich da hinein"

Vom Schreiben zum Schriftsteller, das ist oft ein langer Weg. Eine spezielle Ausbildung gibt es nicht. Aber die Universität Leipzig bietet einen Studiengang an, der auf die Arbeit als Autor vorbereitet - denn nur wenige Schriftsteller sind geborene Genies.


Jungautorin Ricarda Junge: "Man lernt miteinander und voneinander"
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Jungautorin Ricarda Junge: "Man lernt miteinander und voneinander"

"Seit Mitte der neunziger Jahre sind deutsche Schriftsteller erneut gefragt", sagt Eugen Emmerling, Sprecher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels in Frankfurt. Wer es schaffen will, seine Werke auch gedruckt zu sehen, braucht nach seiner Überzeugung sowohl Begabung als auch Glück und Kontakte: "Genialische Jungschriftsteller, die nur darauf warten, entdeckt zu werden, machen etwas falsch."

"Schriftsteller werden, das geschieht von allein, das nimmt man sich nicht vor", sagt allerdings Martin Brinkmann, junger Autor aus Bremen. Sein erster Roman "Heute gehen alle spazieren" ist im vergangenen Jahr erschienen.

Learning by doing oder akademisches Fundament

Literatur-Institut Leipzig: Studium in sechs Semestern
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"Ich selbst habe schon sehr früh begonnen, eine Literaturzeitschrift herauszugeben", erzählt der 26-Jährige. "Als ich den Eindruck hatte, das könne ich auch, habe ich angefangen, Gedichte und kleine Erzählungen zu schreiben." Probeweise hat Brinkmann dann Texte an mehrere Verlage geschickt und von einem der Lektoren gleich eine positive Antwort bekommen.

Ricarda Junge hat ihr schriftstellerisches Dasein auf ein akademisches Fundament gebaut - und am Deutschen Literatur-Institut in Leipzig studiert. Das sechssemestrige Studium ist begehrt: Rund 15 Plätze werden pro Jahr vergeben, die Zahl der Bewerber ist um ein Vielfaches höher.

Die Ausbildung ist vielseitig: "Es gibt Seminare zu Lyrik, Dramatik, Prosa und Film", erzählt die 23-Jährige, die inzwischen in Berlin lebt. Ihr Erstlingswerk "Silberfaden" ist gerade beim S. Fischer Verlag erschienen. Die Studenten verfassen regelmäßig eigene Texte. "Die werden dann gemeinsam analysiert. Der Professor kontrolliert, dass die Kritik nicht zu vernichtend wird", sagt Ricarda Junge. Der große Vorteil dieser Methode: "Man lernt miteinander und voneinander."

An der Universität Hildesheim gibt es seit dem Wintersemester 1999/2000 den Studiengang "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus". "Die Bewerberzahl ist allerdings hoch", warnt Hanns-Josef Ortheil, selbst Schriftsteller und einer der Dozenten. "Wer sich bewirbt, muss einen 10- bis 20-seitigen Text einreichen, den drei Juroren begutachten." Die 50 besten werden zu einer "mündlichen Prüfung" eingeladen - 10 davon bekommen einen Studienplatz.

Autorin Juli Zeh: Die Leipziger Absolventin, 27, erhielt bei der Buchmesse im März einen Preis für das "erfolgreichste Debüt"
DPA

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In den ersten vier Semestern des Diplomstudiums beschäftigen sich Studenten, die es geschafft haben, mit literarischen und journalistischen Textformen von der Glosse bis zum Drama. "Der Schwerpunkt liegt auf der Praxis", sagt Ortheil. "Das ist ein Dauertraining im Schreiben." Als Diplomarbeit muss schließlich eine größere literarische Arbeit vorgelegt werden, zum Beispiel ein Roman.

"Schriftsteller werden ist ein Prozess", sagt Sandra Hoffmann, deren Debütwerk "schwimmen gegen blond" im Frühjahr 2002 veröffentlicht wurde. "Man ist weder dazu geboren, noch ist es eine Berufung. Man schreibt sich da hinein." Die Autorin hat in Tübingen studiert und dort an der Uni an den Workshops des "Studios für Literatur und Theater" teilgenommen. "Ich bin oft kritisiert worden. Aber mich hat das sehr viel weiter gebracht. Man lernt, bei den eigenen Texten gründlicher hinzuschauen."

Von Andreas Heimann, gms

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