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24. Februar 2009, 07:03 Uhr

Wahlkampf-Coaching

Trainingslager für die Bierzelt-Guerilla

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So sieht Charisma-Doping für Kandidaten aus: Bürgermeisteranwärter lernen in einem bundesweit einzigartigen Seminar, wie sie im Wahlkampf beim Volk gut ankommen. Gib dich präsidial, steh zu deinem Porsche - und zeig dich niemals in der Badehose.

Matthias Stulz, Glatze, rosa Jackett, legt die Hände ans Rednerpult - die Geste signalisiert Zupacken. "Wer in Kippenheim Arbeitsplätze schaffen will", ruft er in die Runde, "der hat mich an seiner Seite!" Touristen wolle er anlocken, sich außerdem für den Ruf der Hauptschule am Ort stark machen.

Tausend Augen schauen auf dich: Ein Wahlkämpfer hat's nicht leicht
DPA

Tausend Augen schauen auf dich: Ein Wahlkämpfer hat's nicht leicht

Nach zehn Minuten ertönt ein Gong: Ende der Redezeit. Die Zuhörer nicken, die Probe hat Herr Stulz gut bestanden, finden sie. Nur die Farbwahl beim Sakko sei ein bisschen zu gewagt für die anstehende offizielle Vorstellungsrede in einem 5000-Seelen-Ort. Sein großes Ziel muss Matthias Stulz zwei Wochen später begraben: Bei der Bürgermeisterwahl in seiner Heimatgemeinde belegt er nach kurzem Wahlkampf mit acht Prozent der Stimmen den dritten Platz - trotz Feintuning an Rhetorik und Garderobe.

Doch die Möglichkeit des Scheiterns gehört dazu in einem bundesweit einzigartigen Seminar: Die Fachhochschule Kehl in Baden-Württemberg bietet es einmal pro Jahr für Männer und Frauen an, die irgendwo in Deutschland den Chefposten im Rathaus anstreben. In einem dreitägigen Crashkurs üben künftige Kandidaten und Kandidatinnen, beim Volk zu punkten. Es ist eine Basislektion darin, wie der Wähler tickt.

Tipps für effektives Klinkenputzen

Neun Männer und vier Frauen haben sich in einem hellen Konferenzraum versammelt. Es sind Verwaltungsfachleute wie Peter Zschippig. Der Referent des Ersten Bürgermeisters in Weinheim an der Bergstraße bewarb sich im südhessischen Birkenau, wo er im Februar in der Stichwahl gegen seinen Konkurrenten unterlag. Oder Wirtschaftsvertreter wie Stefan Schwalb: Der Unternehmensberater trat nach Jahren in der Fremde im schwäbischen Steinheim an, wo er chancenlos blieb.

Die meisten Teilnehmer des Seminars haben aber ihre Kandidatur noch nicht öffentlich gemacht und ziehen es vor, anonym zu bleiben. 600 Euro haben sie bezahlt, um in Strategien für den Stimmenfang unterwiesen zu werden. Das ist wenig im Vergleich zu dem, was ein professioneller Wahlkampf kostet; man rechnet rund einen Euro pro Einwohner der zu erobernden Gemeinde.

Auf dem Stundenplan stehen Video-Übungen für die Rede in der Gemeindehalle ebenso wie Tipps für effektives Klinkenputzen. Die Lehrer: Dozenten für Kommunalpolitik, amtierende Bürgermeister. Berthold Löffler, Professor für Sozialwissenschaften, rät zur Authentizität, der Wähler bemerke aufgesetzte Rollen sofort: "Sie müssen Sie selbst sein, auch wenn es Sie den Sieg kostet."

Isolde Schäfer, Gemeindechefin im südbadischen Stühlingen, gibt handfeste Tipps. "Stellen Sie sich gut mit Pfarrern und Wirten", sagt die energische Frau. "Das sind die wichtigsten Multiplikatoren." Und: "Geben Sie niemals Ihre Handy-Nummer heraus. Die Leute nehmen es wörtlich, dass Sie immer ansprechbar seien."

Ob sie sich wohl noch in der Badehose im Schwimmbad zeigen dürften? fragen die Kandidaten. Lieber nicht. An welche Tische sollen sie sich im Bierzelt setzen? Am besten an alle, aber immer nur kurz. Und: Wo bleiben Gatte oder Gattin bei gemeinsamen Auftritten? Im Hintergrund, es muss klar sein, wer die Hosen anhat.

Gute Erfolgsquote: Jeder dritte Absolvent hat ein Amt

So tickt das Volk nun mal, wenn es sich seine politischen Vertreter direkt aussuchen darf, das ist die Botschaft des Bürgermeistertrainings: Der Wähler will einen entschlossenen Entscheider, der aber das Ohr an der Basis hat. Er will einen nüchternen Sachpolitiker, der zugleich volksnah ist. Er will jemanden, der sich kümmert, ohne sich im Detail zu verlieren. Er will konkurrierende Konzepte, aber eine Rhetorik des Gemeinsamen. Der Wähler will alles - nur bitte keinen Parteienzank.

Daraus folgt Grundregel Nummer 1: "Wer Erfolg haben will, muss unabhängig antreten oder zumindest die eigene Partei beiseite lassen", sagt Paul Witt, Rektor der Fachhochschule und Leiter des Seminars, schon seien in Baden-Württemberg etwa die Hälfte der Bürgermeister parteilos. Witt bietet den Kandidatenkurs seit über zehn Jahren an, ein Drittel der bisherigen Teilnehmer schaffte den Sprung ins Amt. Einmal fanden zwei heraus, dass sie denselben Posten anstrebten, erzählt Witt, der eine sei dann auf eine Nachbargemeinde ausgewichen.

Was also tun, wenn Parteizugehörigkeit in der Gemeinde als Makel gilt? "Sie sollten einen Bürgermeisterwahlkampf so führen, als seien Sie alleine", erklärt Thorsten Frei, stellvertretender Parteivorsitzender der CDU in Baden-Württemberg. Frei, grauer Anzug, kurze Haare, zeigt Handzettel von seiner erfolgreichen Bewerbung fürs höchste Amt in Donaueschingen, einer 20.000-Einwohner-Stadt am Rande des Schwarzwalds. Sie sind in neutralem Blau gehalten ("die Lieblingsfarbe von 40 Prozent der Deutschen"), und zeigen ihn mit seiner Frau, im Gespräch mit Bürgern. Das Parteilogo sucht man vergebens.

"Yes, we can" auf Dorfplatz-Niveau

Erfolgsregel Nummer 2 lautet: Wer ortsfremd ist, hat's leichter. Honoratioren werden vom Wähler gemieden, ebenso die politischen Platzhirsche im Gemeinderat oder in der Verwaltung. Sie werden mit unpopulären Entscheidungen in Verbindung gebracht und sind außerdem psychologisch im Nachteil, weil ihre Gegner die vorteilhafte Rolle des bescheidenen Neulings einnehmen können. 90 Prozent der einheimischen Kandidaten scheitern, hat die Fachhochschule Kehl am Beispiel Baden-Württembergs ermittelt.

"Sie werden gewählt, weil Sie ein sympathischer Mensch sind, kaum jemand kann Ihre fachlichen Qualifikationen beurteilen", sagt Bürgermeisterin Schäfer. Das ist der dritte Grundsatz: Angenehm auftreten, die Konkurrenten mit Respekt behandeln, sich nicht verstellen. Seminarleiter Witt erzählt von einem Bewerber, der für die Zeit seines Wahlkampfs den Porsche gegen einen gemieteten Golf eintauschte. "Das kam natürlich raus."

Bisweilen schimmern hier in Kehl die Linien der großen Politik durch, die Psychologie der Volkswahl. Es geht um präsidiale Aura, den positiven Grundton einer Kampagne, um Glaubwürdigkeit. Die Bewerber lernen ihre Lektion schnell: "Wir können es schaffen!" ruft einer von ihnen vom Rednerpult seiner kleinen Testgemeinde zu.

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