Gutachten zum Forscherschwund "Deutschland ist für die Besten nicht attraktiv genug"

Viele Top-Wissenschaftler gehen, weniger kommen her: Eine Expertenkommission kritisiert, dass zu viele der klügsten Köpfe aus Deutschland abwandern. Profiteure sind vor allem die Schweiz und die USA, etliche große Talente folgen dem Ruf des Geldes.

Von

Corbis

Angela Merkel ist Physikerin, ihr wird nachgesagt, eine wissenschaftlich-rationale Herangehensweise an Politik zu pflegen. Darum dürfte der Kanzlerin wenig gefallen, was die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) heute in der Berliner Pressekonferenz über das deutsche Wissenschaftssystem zu berichten wusste. Dieses sei im internationalen Vergleich nur mäßig erfolgreich, befanden sechs von der Bundesregierung als Berater bestellte Wirtschaftsprofessoren. Über das Ergebnis hatte der SPIEGEL vorab berichtet.

In ihrem Jahresgutachten 2014 (hier als pdf), das die Experten an diesem Mittwoch der Bundeskanzlerin überreichen, sparte die Kommission unter Vorsitz des Münchner Institutsleiters Dietmar Harhoff nicht mit unbequemen Analysen. So empfehlen die Wissenschaftler unter anderem, die Ökostromförderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz abzuschaffen. Sie kritisieren außerdem, dass deutsche Technologie-Unternehmen zunehmend im Ausland forschen ließen, was den Standort Deutschland schwächen könne.

Unruhe in der Wissenschaftsgemeinde wird aber eine andere Diagnose auslösen: die eines anhaltenden Brain Drain aus Deutschland. Im Kapitel mit der Überschrift "Internationale Mobilität von Wissenschaftlern und Erfindern" schreiben die Experten von einem "ernüchternden Ergebnis" Deutschlands beim weltweiten Wettbewerb um die besten Köpfe.

"Deutschland verliert viele der besten Wissenschaftler durch Abwanderung. Zwar gibt es Rückkehrer, jedoch können nicht Wissenschaftler gleicher Qualität zurückgewonnen werden", heißt es in dem Bericht. Und: "Insbesondere für die Besten scheint das deutsche Forschungssystem derzeit nicht attraktiv genug zu sein."

Forscher wollen wissenschaftlichen Austausch und Geld

Im Vergleichszeitraum zwischen 2006 und 2011 verließen laut dem EFI-Gutachten 23.460 publizierende Wissenschaftler die Bundesrepublik, während nur 19.521 zuwanderten. Auch die sogenannten "patentaktiven Erfinder" wandern eher ab als zu. So entstehe ein negativer Saldo, der Deutschland im Vergleich zu anderen Industriestaaten schlecht dastehen lässt. Denn andere europäische Länder wie die Schweiz, Österreich, Schweden oder Belgien schaffen es, mehr Forscher anzuziehen als sie verlieren. Gleiches gelingt auch den USA oder Kanada.

Besonders die Schweiz haben die EFI-Experten als europäischen Forschungsprimus ausgemacht - die Zahlen wurden allerdings vor dem Referendum über den Zuzug von Ausländern erhoben. Demnach verzeichnet die Schweiz einen hohen Neuzufluss und schafft es, die Besten zurückzugewinnen oder zu halten. Gemeinsam mit den USA rekrutierten die Eidgenossen mehr als "50 Prozent aller deutschstämmigen im Ausland aktiven Erfinder".

Welches Land gewinnt, welches verliert? (Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik ganz zu sehen)
EFI-Gutachten 2014

Welches Land gewinnt, welches verliert? (Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik ganz zu sehen)

Grund für die schlechte deutsche Bilanz: Die Rahmenbedingungen in Deutschland seien für Spitzenkräfte nicht verlockend genug. Denn laut im Bericht zitierten Befragungen gehen Spitzenforscher vor allem dahin, wo sie sich mit anderen Spitzenforschern austauschen können - und wo es genug Geld für aufwendige Wissenschaft gibt.

Doch genau daran hapert es vielfach an Deutschlands Universitäten - ein Zustand, den viele etablierte Akademiker und Nachwuchswissenschaftler kritisieren. "Die deutsche Wissenschaftspolitik hat die Forschung aus den Universitäten weitgehend ausgelagert", sagte etwa Craig Calhoun, der Direktor der London School of Economics, im SPIEGEL-Interview. Und: "Der wissenschaftliche Nachwuchs ist zu lange abhängig von den betreuenden Professoren."

"International sichtbare Schwerpunkte schaffen"

Folge laut der EFI-Studie: "Die Besten wandern ab, kehren aber nur selten nach Deutschland zurück, wenn sie einmal gegangen sind. Sie verbleiben an attraktiven Forschungsdestinationen im Ausland."

An dieser Grundrichtung können auch die diversen Rückkehrer-Programme und Werbeaktionen um Forscher wenig ändern, in der Studie werden zum Beispiel das Heisenberg-Programm, das Emmy-Noether-Programm oder diverse Forschungsstipendien erwähnt. Die Wissenschaftler erklären nicht, dass solche Programme wirkungslos seien, jedoch könne vor allem eine "Verbesserung der Rahmenbedingungen für Spitzenwissenschaftler (...) einen spürbaren Effekt entfalten". Deshalb solle man "in die Stärkung des deutschen Wissenschaftssystems investieren und international sichtbare exzellente Schwerpunkte schaffen".

Immerhin scheint Deutschland generell bei den Forscher-Exilanten einen guten Ruf zu haben. Ein Drittel plant auf lange Sicht eine Rückkehr in die Bundesrepublik. Noch heimatverbundener zeigten sich nur schweizerische, schwedische und kanadische Wissenschaftler. Dieser Befund deckt sich mit Befragungen, die beispielsweise das Gain-Netzwerk in Nordamerika durchführte. Demnach kehrten zwei Drittel der Teilnehmer von Rückkehr-Veranstaltungen auch tatsächlich nach Deutschland zurück.

Die Wissenschaftspolitik steuere der Abwanderung entgegen, etwa durch die Exzellenzinitiative und diverse Mobilitätsprogramme, heißt es denn auch in einer Reaktion des Bundesministeriums für Bildung und Forschung auf die EFI-Studie. "Deutschland ist attraktiv für kluge Köpfe aus aller Welt", so Bundesministerin Johanna Wanka (CDU). "Mit ihrem Anspruch, weiter verstärkt in Bildung und Forschung zu investieren, wird die Bundesregierung dafür arbeiten, dass es so bleibt."

  • Universität Basel/ Andri Pol
    Sperrt die Schweiz Ausländer aus, sei das "eine ganz große Tragödie", findet Antonio Loprieno, Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz. Zwei Drittel der Hochschullehrer kommen aus dem Ausland, ohne sie sei das Land nur Mittelmaß. mehr...



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 124 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
KnarfKnarf 26.02.2014
1. Ein Markt ist und bleibt eben ein Markt
Warum sollte ein junger Master of Science so dumm sein und in Deutschland promovieren wollen, wo er in den meisten Fächern gar nichts bekommt und schon froh sein muss, sollte er dann mal 900 Euro Brutto kriegen, wenn es im Ausland dafür deutlich mehr gibt?
3zack 26.02.2014
2. Milliardengrab EEG
Für nichts und wieder nichts. Derweil mit einem Bruchteil des Geldes nicht nur die Forschungslandschaft in Deutschland richtig gefördert und angeschoben werden könnte, nein, auf der Unterbau, die baulich verrottenden Schulen und Universitäten könnten mit einem Teil des Geldes renoviert und neu ausgestattet werden. Das EEG fördert nur den Wohlstand einiger auf eine ziemliche perfide Art.
THINK 26.02.2014
3.
Zitat von sysopCorbisViele Top-Wissenschaftler gehen, weniger kommen her: Eine Expertenkommission kritisiert, dass zu viele der klügsten Köpfe aus Deutschland abwandern. Profiteure sind vor allem die Schweiz und die USA, etliche große Talente folgen dem Ruf des Geldes. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/warum-so-viele-forscher-deutschland-verlassen-a-955737.html
Wird ein Wissenschaftler als Top-Wissenschaftler bezeichnet, dann kann man sicher sein, dass er einige Jahre später in der Versenkung verschwunden ist. Ähnlich ist es mit der Einordnung in "die Besten" oder "die Elite". Die meisten hoffnungsvollen Jungwissenschaftler bleiben es ihr Leben lang und können die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Ob jemand zur "Elite" gehört, lässt sich erst durch die Betrachtung der Vergangenheit feststellen. Deshalb ist eine "Eliteförderung" sinnlos.
koves 26.02.2014
4. Konkurrenz in der globalisierten Wirtschaft
Die Globalisierung, die größte Chance aber auch das größte Übel unserer Zeit, zeigt sich natürlich auch in Forschung und Lehre - wen wundert's. Für uns Europäer sollte der erste Schritt folglich im geeinten Europa sein, dass die Forschung in allen EU-Ländern gleichberechtigt erfolgt, und nicht, dass etwa Österreich oder Schweden kluge Köpfe aus Spanien oder Griechenland abwirbt, in denen dadurch wirtschaftliche Probleme zur Katastrophe ausarten. Der zweite Schritt sollte dann sein, dass die Welt-Staatengemeinschaft das Forschen auch in Schwellenländern ermöglicht (idealerweise dann natürlich auch in Entwicklungsländern). Kurz gesagt: Der Wettbewerb in der Forschung unter den Staaten der Welt sollte mittelfristig zwar dazu führen, dass Forschung insgesamt verbessert wird, muss aber vor allem den Menschen dienen, nicht der globalisierten egozentrischen Weltwirtschaft, wie es derzeit der Fall ist.
nochnbier 26.02.2014
5. Die schönsten Rückkehrprogramme ...
... nützn nämlich nix, wenn man den Wissenschaftlern danach keine Perspektive gibt. Das WissZeiVG ist immer noch in Kraft und verhängt ein Berufsverbot, so dass man nach 12 Jahren in der Wissenschaft die Uni für immer verlassen muss. Drittmittel helfen da auch nicht weiter, weil diese häufig von der DFG vergeben werden, die in ihren Strukturen durchaus mit der Mafia vergleichbar ist. Wer in der Familie in Ungnade gefallen ist, weil er sich den "grosskopferten" Profs nicht hündisch ergeben möchte, bekommt nie wieder Forschungsgelder bewilligt. Wer will da schon in Deutschland arbeiten, zumal diese Probleme seit Jahren bekannt sind. Von Frau Dr. plag. Schavan gab es keinen Reformeifer, es kommt nix von der derzeitigen Ministerin und die hochgelobte Bildungskanzelerin sitzt auch nur rum und verschiebt die Steuermilliarden an Banken und Industrie, aber nicht dorthin wo sie gebraucht werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.