Weihnachtsmann-Casting Nebenjob mit Rauschebart

Das Bescherungsbusiness hat stramme Regeln: Im himmlischen Dienst darf man jederzeit flunkern. Aber nie trinken. Und muss so echt wie möglich aussehen. In Berlin traten jetzt über 100 Studenten zum Weihnachtsmann-Casting an.

Von Marion Schmidt


Umgeben von Engeln: Rund 400 Weihnachtsmänner versammelten sich in Berlin
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Umgeben von Engeln: Rund 400 Weihnachtsmänner versammelten sich in Berlin

"Das Wichtigste sind die Ausreden", sagt Frank Knorre, der Oberweihnachtsmann, seit 23 Jahren nebenberuflich im himmlischen Dienst. Wenn die Kinder an Heiligabend fragen, woher man kommt, dann sagt man natürlich nicht: aus Deutschland, auch nicht aus dem Iran. Nein, der Weihnachtsmann kommt aus dem Himmel, höchstens vielleicht noch aus Island oder Lappland.

Und wenn die Kinder nach den Rentieren fragen, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Liegt Schnee, ist der Schlitten unter dem Gewicht der vielen Geschenke zusammengebrochen, und man musste ein Auto nehmen. Liegt kein Schnee, ist man im Grunewald gelandet und dann mit dem Auto weiter gefahren. Und bloß nicht den lieben Kleinen versprechen, im nächsten Jahr dürften sie mal im Schlitten mitfahren - sonst hat es der Kommilitone im nächsten Jahr schwer.

Studenten-Vollversammlung einmal anders

Flunkern ist erlaubt für einen Weihnachtsmann, so Knorres Botschaft an die rund hundert Studenten, die sich am Sonntag in der Berliner Kulturbrauerei versammelten. Schließlich sollen die Kindern ja an den Himmelsboten glauben. Verboten sind dagegen: Jeans, Turnschuhe, Handy.

Weihnachtsmann zu sein, ist mehr als ein Nebenjob - die Kandidaten müssen die richtige Einstellung mitbringen Da freut sich der Engel: Kostümkontrolle bestanden
Ganz wichtiges Utensil: Das goldene Buch mit Lob und Tadel für die Kinder Geschichtsstudent David Reinecke gibt den Weihnachtsmann seit 11 Jahren


In vollem Ornat: Die Berliner Vollversammlung mir ausgiebigem Genuss von Glühwein - klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.

"Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel zu beachten gibt", sagt Marcus Schulz, 23. Der Potsdamer Student will in diesem Jahr zum ersten Mal einen Weihnachtsmann spielen. Zusammen mit seiner Kommilitonin Claudia Daase, 20, ist er zur zweistündigen Schulung gekommen, die von den beiden studentischen Arbeitsvermittlungen "Heinzelmännchen" und "Tusma" angeboten wird. Anschließend treffen sich alle Weihnachtsmänner und Engel, die in Berlin und Umgebung ausschwärmen werden, zu einer Vollversammlung, bei der sie auf ihre Aufgabe eingestimmt und die Kostüme kontrolliert werden.

Gute Bezahlung, aber viel Vorbereitung

Ganz schön viel Aufwand für einen Job, der an nur einem Tag im Jahr stattfindet. "Es ist wichtig, die richtigen Leute für diesen Job zu finden", sagt Jörg Schöpfel von Tusma, selbst seit zwölf Jahren Weihnachtsmann, "die tragen schließlich eine große Verantwortung." Die Studenten müssen in einem kleinen Casting ein sicheres Auftreten beweisen, fließend deutsch sprechen, gut mit Kindern umgehen können - einfach "Lust aufs Weihnachtsmannsein haben", sagt Schöpfel.

Denn das ist mehr als ein Nebenjob, mit dem sich in kurzer Zeit viel Geld verdienen lässt, bis zu 400 Euro am Tag. Für manche ist es auch so etwas wie ein Kindheitstraum. Claudia Daase freut sich schon richtig darauf, mit ihrem Weihnachtsmann zusammen Kindern eine Freude zu machen. "Der Job ist was Besonderes", sagt sie, "sehr persönlich, nicht wirklich Arbeit."

Aber mit viel Vorbereitung. Auf der Bühne gibt Frank Knorre noch Hinweise, wie man den Sack öffnet, die Geschenke verteilt ("keine Turbo-Bescherung machen"), mit den Kindern Gedichte aufsagt, schließlich gemeinsam ein "O Tannenbaum" singt - was bei der Probe noch etwas schwach ausfällt. "Da müssen einige noch kräftig üben", ermahnt Knorre die Studenten und gibt Verhaltensregeln: Immer schön lieb sein zu den Kleinen, nicht mit der Rute drohen ("Das ist ein Kündigungsgrund!"). Und, ganz wichtig: jeden Schnaps ablehnen.

Am Ausgang der Halle steht Zahnmedizinstudent Clemens, 32, und kontrolliert die Kostüme der Weihnachtsmänner und Engel: Sitzt der Mantel, der Bart, die Perücke? Trägt der Student schwarze Hosen und Stiefel? Sein Blick streift von der Kapuze zu den Schuhen, an der Hose bleibt er hängen. "Oh, Jeans, das gefällt mir gar nicht", sagt er, schüttelt den Kopf, und vermerkt den nachlässigen Beinschmuck gleich auf einem Kontrollzettel.

"Bloß nicht Kindern die Illusion nehmen"

Der Student wird in den nächsten Tagen einen Anruf von der Arbeitsvermittlung bekommen und muss sich mit korrigiertem Kostüm noch mal vorstellen. Wer nicht standesgemäß bei den Familien erscheint, kriegt keine Aufträge mehr. "Das ist ja kein Fun-Fun-Job hier", sagt Oberweihnachtsmann Schöpfel, "die Studenten sollen Kinder glücklich machen und ihnen nicht die Illusion nehmen."

Der Geschichtsstudent David Reinecke, 32, seit elf Jahren im Bescherungsbusiness, erinnert sich, dass in seiner Familie früher auch immer ein Weihnachtsmann kam. Er zweifelte nie daran, dass der junge Mann hinter dem Rauschebart wirklich ein Himmelsbote war. Bis zu dem Fest, als ein vietnamesischer Student in Jeans und Turnschuhen kam. Da hat der damals siebenjährige David den Glauben an den Weihnachtsmann verloren.

Mit ihm, da ist er sich sicher, wird das nicht passieren.



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