Wirtschaftsanwälte "Sparringspartner für Topmanager"

Wirtschaftsanwälte erfüllen noch das Klischee vom reichen Juristen und bilden unter den Advokaten eine glamouröse Elite mit Zugang zum Topmanagement. Wie der Aufstieg in die Königsklasse gelingt, erklärt Wolf-Georg Freiherr von Rechenberg von der Sozietät CMS Hasche Sigle im Interview.


Unser Alltagsbild von Anwälten wird im Fernsehen geprägt, von der Serienfigur Ally McBeal und Tom Cruise im Film "Die Firma". Was ist falsch daran?

"Die Anwaltskarriere ist amerikanischer geworden": TV-Anwältin Ally McBeal
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"Die Anwaltskarriere ist amerikanischer geworden": TV-Anwältin Ally McBeal

von Rechenberg:

Eigentlich haben wir sogar zwei Bilder: Das Anwaltsbild in den Medien ist amerikanisch geprägt. Und das Bild vom deutschen Anwalt ist dominiert von der kleinen Allroundkanzlei im Sinne von "Liebling Kreuzberg" oder "Edel & Starck". Beide passen nicht, wenn es um die großen Wirtschaftskanzleien geht, weil sie zu pauschal sind. Tatsächlich hat sich die Anwaltskarriere in Deutschland in den letzten zehn bis 15 Jahren mit dem Vordringen der angloamerikanischen Kanzleien aber verändert, sie ist amerikanischer und internationaler geworden.

Was meinen Sie damit?

von Rechenberg: Bei den Großkanzleien gibt es inzwischen zwei Typen von Anwälten: den hoch spezialisierten Fachmann, der komplexe juristische Fragen abarbeitet. Und den unternehmerischen Anwalt. Der akquiriert Mandanten, arbeitet juristisch breiter und ist Ansprechpartner auf Augenhöhe für die Topmanager, deren Sparringspartner.

Wie wird man Sparringspartner für Topmanager?

von Rechenberg: Auf der obersten Führungsebene werden die Bewerber nur akzeptiert, wenn sie etwas nicht ausleben, was für Juristen typisch ist: Nämlich alles aus juristischer Sicht umfassend erklären zu wollen. Und noch etwas: Juristen eilt immer der Ruf voraus, Verhinderer zu sein. Als Sparringspartner werden sie akzeptiert, wenn sie nicht sagen "geht nicht", sondern sagen "geht so nicht, aber so".

Eine Frage des Trainings oder der Persönlichkeit?

von Rechenberg: Beides. Ein guter Anwalt muss mit Mitarbeitern in der Kanzlei Konflikte austragen, ohne permanent die Ellbogen auszufahren oder die Sekretärin laufend zum Weinen zu bringen. Ich will Kandidaten, denen das, was sie machen, Spaß macht, und ich will Leute, die schon im Bewerbungsgespräch sagen, dass sie ihre Karriere selbst gestalten wollen. Aus denen werden Anwälte, die mit ihren Mandanten Lösungen nach deren Vorstellungen, aber mit ihrem exzellenten juristischen Input entwickeln können.

Das klingt noch sehr beliebig, kann ja jeder behaupten.

von Rechenberg: Gute Bewerber können das anhand ihres Lebenslaufs nachweisen. Jemand, der sich im Studium schon für anderes interessiert hat, wird das vermutlich auch weiterhin tun.

Das Negativbeispiel wäre jemand, der in Tübingen geboren und in die Grundschule gegangen ist, dort Abitur und Zivildienst gemacht hat, studiert und seine Staatsexamina in Tübingen abgelegt hat und danach in Stuttgart arbeiten will. Er erfüllt vielleicht fast alle Auswahlkriterien, die Wirtschaftskanzleien an einen Bewerber stellen. Aber er bekommt nicht den Vortritt, wenn ein Sparringspartner für das Topmanagement gesucht wird.

Von welchen Auswahlkriterien reden Sie?

von Rechenberg: Die höchste Hürde überhaupt sind die zwei gehobenen Prädikatsexamen im ersten und zweiten Staatsexamen, die alle großen Wirtschaftskanzleien zwingend fordern. Das schränkt das Bewerberpotenzial schon ziemlich ein. Außerdem müssen wir fließende Englischkenntnisse verlangen, ohne dass die Bewerber allerdings in der juristischen Terminologie schon zu Hause sein müssen.

Das ist alles?

von Rechenberg: Was die Pflichtanforderungen angeht, schon. Aber ein Profil ergibt sich mit Zusatzqualifikationen wie Promotion oder LLM-Studium, also dem Masterstudiengang im meist fremdsprachigen Ausland. Auch exotischere Fremdsprachen wie Chinesisch, Russisch, Portugiesisch sind ein Plus.

Sehr exotisch. Klingt nach Wachstumsmarkt. Ist so etwas ein Karriereturbo?

von Rechenberg: Turbo ist das falsche Wort. Eine Sprache ist der Karrierejoker, wenn man kurz vor dem Fullhouse steht und noch etwas im Ärmel haben will. Eine Fremdsprache hilft zum Beispiel bei der Akquise von Mandanten. Für einen deutschen Mandanten in China gibt es nichts Schöneres als einen qualifizierten Anwalt, der seine Sprache und Denkweise kennt und auch noch das Taxi auf Chinesisch bestellen kann.

Wer schafft das Fullhouse, wer wird Partner?

von Rechenberg: Der, der den Kuchen vergrößert, indem er mittelfristig nicht nur für sich genug Geschäft hat, sondern auch für die unter ihm nachfolgenden Kollegen. Ein Indikator dafür wäre: Wenn Ihr Mentor morgen gegen den Baum fahren würde, wie viele Mandanten hätten Sie dann noch? Für mich persönlich ist bei Entscheidungen über Neueinstellung oder Aufnahme als Partner die entscheidende Frage, ob ich mit dem Bewerber eine Zwei-Mann-Kanzlei aufmachen und damit Freud und Leid teilen wollte.

Wie eng ist der Markt für Wirtschaftsanwälte?

von Rechenberg: Für neue Anwälte, die sich ein Schild an die Tür nageln und sagen, sie wollen wirtschaftsrechtlich beraten, ist es sehr schwierig. Aber bei den amerikanischen Kanzleien gibt es immer noch Zuwachs durch Zuzug nach Deutschland. Die Zahl der national und international tätigen Wirtschaftskanzleien hat sich in den letzten 20 Jahren von zehn bis 15 Kanzleien auf heute sicher über 30 erhöht.

Oft liest man, Anwälte müssten Wirtschaftswissen haben. Woher sollen Bewerber denn über kaufmännische Erfahrung verfügen?

von Rechenberg: Grundlagen der Volks- und Betriebswirtschaft sind für Wirtschaftsanwälte unerlässlich. Sie müssen nicht zu Beginn ihrer Karriere genau wissen, wie man eine Bilanz analysiert, wie sie strukturiert ist aber schon. Wer als Wirtschaftsanwalt erfolgreich sein will, muss verstehen, wie sich die juristischen Dinge auf den wirtschaftlichen Erfolg auswirken. Aber woher die Kenntnisse nehmen? Manche Bewerber haben eine kaufmännische Lehre vorgeschaltet.

Ich bin Student mitten im Studium und ohne kaufmännische Ausbildung. Wozu raten Sie mir?

von Rechenberg: Machen Sie zumindest das Grundstudium der Wirtschaft parallel zum juristischen.

Ich habe schon fertig studiert und kein Parallelstudium, komme jetzt zu Ihnen und stelle die gleiche Frage...

von Rechenberg: ...dann kommt es auf Ihre Noten an. Wenn ich Ihnen sowieso einen Job anbieten würde, würde ich mit Ihnen einen Ausbildungsplan machen, der genau das Defizit in den ersten ein oder zwei Jahren mit Fortbildungen behebt.

Wie sieht so ein Ausbildungsplan aus?

von Rechenberg: Bei uns ist der junge Anwalt einem Partner zugeordnet, bis er selber Partner wird. Das bedeutet zum Beispiel Kontakt mit den Mandanten des Partners vom ersten Tag an, um Berufsgrundlagen zu lernen. Vieles kann man nur im Mandantengespräch lernen. Wie macht man vernünftige Kompromisse? Wie lässt man Verhandlungen scheitern, weil dem Mandanten sonst kein guter Dienst erwiesen wäre? Wie erklärt man ihm das? Oder banale Dinge: Wie spreche ich den Mandanten darauf an, wie ich abzurechnen gedenke? Das muss man lernen.

Wie lange dauert die Betreuung?

von Rechenberg: Bis man Partner ist, das dauert bei uns mindestens fünf bis sieben Jahre. Später werden nicht mehr alle Schriftsätze durchgeguckt. Aber zum Beispiel beinhaltet die Betreuung halbjährliche Personalgespräche anhand eines Mentorengesprächsbogens, bei denen Schwächen und Stärken erkannt werden und überlegt wird, wie das Profil für die Partnerschaft geschärft werden kann.

Ärmel aufkrempeln!: Junge Anwälte, die eine Wirtschaftskanzlei gründen, haben es schwer
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Wie sollte der Bewerber die Kanzlei auswählen?

von Rechenberg: Das wirtschaftliche Umfeld ist heute in allen Großkanzleien vergleichbar, der Verdienst liegt zu Beginn irgendwo zwischen 65.000 und 90.000 Euro. Angloamerikanische Kanzleien zahlen in der Regel etwas mehr als deutsche, ein Schmerzensgeld, weil sie eine höhere Arbeitsbelastung und schlechtere Karrierechancen bieten. Der Flaschenhals zur Partnerschaft ist dort erheblich enger, weil das Partner-Anwalt-Verhältnis bis zu 1:5 beträgt und nicht 1:2 oder gar noch weniger, wie in Deutschland früher üblich. Das ist Leiden auf sehr hohem Niveau, denn selbst wenn man in der "schlechter" bezahlenden deutschen Großkanzlei arbeitet, verdient man immer noch leicht das Doppelte, manchmal das Dreifache dessen, was ein Anwalt als Berufseinsteiger anderswo bekommt.

Auf das Geld kommt es also nicht an. Worauf dann?

von Rechenberg: Auf das Klima. Sehr gute Bewerber, die all die Punkte erfüllen, haben in der Regel die Auswahl zwischen den meisten Kanzleien der "Bundesliga". Für mich ist es erstaunlich zu sehen, wie wenig sich die Kandidaten bemühen, etwas über ihr Gegenüber herauszufinden. Wir Kanzleien stellen hohe Hürden auf, wählen streng aus, und wenn wir uns mal vertan haben, dann trennen wir uns fair, aber sang- und klanglos von dem Mitarbeiter. Der verliert dagegen mehrere Jahre auf dem Weg zur Partnerschaft und bekommt sie in einer anderen Kanzlei nicht oder kaum angerechnet. Für den Bewerber ist es deshalb viel wichtiger, das richtige Gegenüber zu finden.

Wie soll er das machen?

von Rechenberg: Er muss versuchen, vor dem Gespräch und im Gespräch so viel wie möglich über die Kanzlei und die Partner herauszufinden. Wie gehen die Partner miteinander um? Wie gehen diese mit ihren Sekretärinnen um? Wie viel Zeit haben sie? Klingelt laufend das Telefon? Wie haben sie sich auf mein Gespräch vorbereitet? Ich rate jedem Bewerber, so viele Gespräche wie möglich zu führen, immer mit einem jungen Anwalt der Kanzlei zu sprechen, der ein halbes Jahr oder ein Jahr da ist, und immer mit dem Mitarbeiter zu sprechen, mit dem man mal arbeiten soll.

Was soll er damit herausfinden?

von Rechenberg: Ob er dorthin passt. Es gibt Bewerber, die streng karrierebewusst sind und gerade das Umfeld einer angloamerikanischen Kanzlei suchen und sich das Ziel setzen, dort zur Not auch mit dem Einsatz von zwei Ellbogen Partner zu werden.

Auf die Atmosphäre achten: Bewerber und Mitarbeiter der Kanzlei müssen zueinander passen

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Für die besonders Ehrgeizigen lohnt also die angloamerikanische Kanzlei?

von Rechenberg: Aber dann muss ich wirklich bereit sein, alle anderen Dinge, die sich im Leben noch so ergeben, hintenanzustellen und habe trotzdem ein sehr großes Misserfolgsrisiko.

Lassen sich Familie und die Karriere verbinden?

von Rechenberg: Da gibt es Unterschiede zwischen den Kanzleiphilosophien. Wir finden Familie gut, weil wir glauben, dass man in unseren Job einen Rückzugsraum braucht. Das kann man auch anders sehen und sich zu 200 Prozent seinem Beruf verschreiben. Unsere Erfahrung ist, dass diese Leute dann mit Anfang 40 oft ausgebrannt sind.

Welchen Bewerbern sagen Sie von vornherein, dass sie bei einer Großkanzlei nicht richtig sind?

von Rechenberg: Wer nicht bereit ist, ein zeitliches Engagement von 50 bis 60 Stunden pro Woche einzubringen, kann ein guter Anwalt oder guter Mitarbeiter der Rechtsabteilung sein, aber nicht in einer Großkanzlei. Bei uns wird zwar nicht immer am Wochenende gearbeitet, aber das ist eine der großen Errungenschaften in unserer Kanzlei. Bei anderen Kanzleien ist das mitunter anders. Und man muss im Team arbeiten wollen.

Woran merke ich, dass meine Zeit abgelaufen ist?

von Rechenberg: Wenn im Mentorengespräch festgestellt wird, dass ein Mangel sich nicht ändern lässt. Sie finden bei den deutschen Kanzleien morgens keinen Zettel auf dem Schreibtisch, auf dem steht: "Heute ist Ihr letzter Tag." Bei Kanzleien, bei denen es keine direkte Zuordnung zu einem Partner gibt, sondern einen Mitarbeiterpool, erkennen Sie es daran, dass Sie nichts zu tun haben, weil die Partner lieber mit anderen Mitarbeitern arbeiten.

Das Interview führte Henning Hinze, manager-magazin.de

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