Wissenschaft nach Guttenberg Wie hältst Du's mit dem Plagiat?

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"Wir führen eine schwarze Liste" - Greta Olson, Literaturwissenschaftlerin


"Als Amerikanerin muss ich sagen: Es ist ein absolutes No Go, seine Doktorarbeit abzuschreiben. In den USA bekommt man vom ersten Uni-Tag an eingetrichtert, dass Plagiieren ein gravierender Fehler ist. Es reicht schon, bei einem Referat oder einer Hausarbeit abzuschreiben, um sofort von der Universität zu fliegen.

Und es kommt einiges zusammen: Jede Woche fünfseitige Arbeiten verfassen, das ist normal. Es steht auch viel mehr auf dem Spiel. Studieren ist schließlich sehr teuer; viele haben einen Kredit aufgenommen, Schulden bei den Eltern oder mehrere Jobs, um das Studium zu finanzieren. Ich lehre seit mehr als zehn Jahren an deutschen Hochschulen - und mein Eindruck ist, dass hier nach wie vor zu lax mit dem Thema umgegangen wird.

Die deutschen Studierenden haben viel weniger Angst. Man müsste sehr viel rigoroser sein, drastischere Konsequenzen ziehen, als nur zu verwarnen. In Gießen haben wir bislang noch keine allgemeingültige Strategie, keine Plagiatssoftware. In unserem Fachbereich führen wir aber eine schwarze Liste: Wer zwei Mal erwischt wird, kann von diesem Studienfach ausgeschlossen werden. Aber viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind wie ich der Meinung, dass wir das bald ändern sollten.

Ganz allgemein könnte man in Deutschland vielleicht eines von den USA lernen: Man wird dort auch ohne Doktortitel ernst genommen. Diese Titelgeilheit ist hier schon sehr ausgeprägt."

Greta Olson lehrt Amerikanistik und Anglistik an der Universität Gießen.

Was denken Sie über Plagiate?

insgesamt 51 Beiträge
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Rainer Daeschler, 29.03.2011
1. Wissenschaftlerplacebo
Was man kopiert, füge man als Zitat mit Urhebernennung an, was einen inspiriert, erzähle man in eigenen Worten. Wer Letzteres kopiert und nur ein paar Worte ändert, ist zu faul zum Tippen und eigene Gedanken zu fassen und mit Sicherheit gerade am falschen Ort in seinem Leben.
caecilia_metella 29.03.2011
2. Selbst denken ist gut
Wenn z.B. ein zeitgenössischer Historiker einen römischen Feldzug mit ...zigtausend Opfern mal eben "erfolgreich" findet, dann kann sich Otto Normalbürger schon denken: Da wurde von kaiserlichen Beamten abgeschrieben. Der Respekt vor der Obrigkeit steht immer noch, nicht wahr? Aber in Zeiten des Netzes kann sich Geschichte vielleicht auch ganz anders schreiben.
demophon 29.03.2011
3. Handlungsbedarf
Die Praxis, dass Doktorväter nicht gleichzeitig als einzige die Disertation prüfen, wie in den angelsächsischen Ländern üblich, sollte auch hierzulande Anwendung finden. Wenn die Bewertung und Prüfung der Doktorarbeit von nur einer Person abhängt, öffnet das die Türen zur Gefälligkeit oder gar Korruption. In einschlägigen Anzeigen von Ghostwritern wird ja manchmal sogar damit geworben, dass man über "kooperierende" Doktorväter verfügt. Dem muss ein Riegel vorgeschoben werden. Eine Plagiatssoftware allein spürt auch nicht jeden Betrug auf, wenn aus fremdsprachlicher Fachliteratur abgeschrieben wurde, die nicht im Netz steht. Nicht weniger brisant als Plagiarismus ist die unzulässige Hilfe beim Verfassen der Doktorarbeit von anderen. Dieses Problem wird in den Medien viel zu wenig angesprochen. Da stürzt sich die gesamte Wissenschaftsgemeinde zu Recht auf einen Verteidigungsminister, weil er gegen die Dissertationsvorschriften durch Abschreiben verstoßen hat, ignoriert aber gleichzeitig eine Familienministerin, die durch weitgehende fremde Hilfe bei ihrer Dissertation ebenfalls diese Vorschriften mißachtete. Dieser Fall muss unbedingt noch aufgearbeitet werden. Gleiche Sanktion für alle.
RaMaDa 29.03.2011
4. Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.
Allem Anschein nach leben in Deutschland nur Gutmenschen und rechtschaffene Bürger - abgesehen von einigen Politkern, Bankern, Steuersündern, AKW Betreibern..... Nun ist mir auch klar, wieso die Kirchen so leer sind, es gibt nix zu Beichten.
igelfeld 29.03.2011
5. Zweitgutachter
Zitat von demophonDie Praxis, dass Doktorväter nicht gleichzeitig als einzige die Disertation prüfen, wie in den angelsächsischen Ländern üblich, sollte auch hierzulande Anwendung finden. Wenn die Bewertung und Prüfung der Doktorarbeit von nur einer Person abhängt, öffnet das die Türen zur Gefälligkeit oder gar Korruption. In einschlägigen Anzeigen von Ghostwritern wird ja manchmal sogar damit geworben, dass man über "kooperierende" Doktorväter verfügt. Dem muss ein Riegel vorgeschoben werden. Eine Plagiatssoftware allein spürt auch nicht jeden Betrug auf, wenn aus fremdsprachlicher Fachliteratur abgeschrieben wurde, die nicht im Netz steht. Nicht weniger brisant als Plagiarismus ist die unzulässige Hilfe beim Verfassen der Doktorarbeit von anderen. Dieses Problem wird in den Medien viel zu wenig angesprochen. Da stürzt sich die gesamte Wissenschaftsgemeinde zu Recht auf einen Verteidigungsminister, weil er gegen die Dissertationsvorschriften durch Abschreiben verstoßen hat, ignoriert aber gleichzeitig eine Familienministerin, die durch weitgehende fremde Hilfe bei ihrer Dissertation ebenfalls diese Vorschriften mißachtete. Dieser Fall muss unbedingt noch aufgearbeitet werden. Gleiche Sanktion für alle.
Den Satz verstehe ich schon sprachlich nicht: "gleichzeitig als einzige"? (Und es heißt "Dissertation".) Falls Sie aber zum Ausdruck bringen wollten, dass eine Dissertation auch von einem Zweitgutachter bewertet werten sollte - kennen Sie irgendeine Promotionsordnung einer deutschen Universitätsfakultät, nach der dies nicht der Fall ist?
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